Weiblich, männlich, ganz egal? #wasanderswäre

Habt ihr schon die Aktion #wasanderswäre mitbekommen? “Ich mach mir die Welt” haben dieses Blogstöckchen ins Leben gerufen, und ich finde das Thema sehr interessant. Es geht nämlich darum, was in eurem Leben anders wäre, wenn ihr mit einem anderen Geschlecht geboren worden wäret. Also in meinem Fall, wenn im Mai 1984 keine kleine Nele, sondern ein kleiner Felix auf die Welt gekommen wäre. Dazu gibt es sechs Fragen, die ich versuche, zu beantworten. Und ich entschuldige mich jetzt schon bei meiner Mutter, falls ich irgendwelche Aspekte aus meiner Kindheit falsch darstelle oder interpretiere.

Geburtskarte

Rosa, nicht hellblau wie die vom Helden: Kategorisiert schon im Krankenhaus.

 

Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann wärst?

In meiner Erziehung wurde sehr viel Wert auf Geschlechtergerechtigkeit gelegt. Ich habe immer vermittelt bekommen, dass ich alles genauso gut kann wie ein Junge/Mann, dass es eigentlich keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Ich lernte mehr Handwerk als Handarbeit, hatte niemals Barbies und habe im Kinderzimmer gleichwertig mit Matchbox-Autos und Puppen gespielt, war Fußballfan und mochte Boygroups. Ich würde mich weder als “typisches Mädchen” bezeichnen, noch würde ich sagen, dass ich das genaue Gegenteil war, wie man es häufig (oft mit einem Hauch von Stolz) hört von Frauen, die als Kind mit Autos gespielt haben. Ich war einfach ich, und ich habe meine Puppen genauso geliebt wie meine Bücher, meine Autos, meine Playmobil- und Lego-Kisten. Nur Schminken war ein Thema, mit dem ich (eigentlich bis heute) nie zu tun hatte.

Und wenn ich tatsächlich ein Junge gewesen wäre? Hätte ich dann die gleiche Erziehung bekommen, in der die Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit so eine große Rolle spielte, oder war das ein “Mädchenthema”, damit ich lerne, dass ich gleichberechtigt bin? Hätte ich auch mit Puppen gespielt, oder das doof gefunden? Ich hätte sicherlich andere Freunde gehabt (und mir sowohl in der Grund- als auch in der weiterführenden Schule einigen Zickenkrieg ersparen können), denn meine beste Freundin hätte sich in der 5. Klasse vermutlich nicht neben mich gesetzt und zu ihrer Freundin erkoren, wäre ich ein Junge.

Vielleicht hätte ich etwas anderes studiert, hätte mein Interesse für Informatik und Computerthemen mehr verfolgt. Vielleicht aber auch nicht, denn eigentlich bin ich ja nicht unglücklich mit meinem Weg – ich hatte nie das Gefühl, dass ich lieber etwas technischeres machen würde, aber nicht kann, weil ich ein Mädchen bin. Vermutlich hätte ich es beim Bewerben leichter gehabt – als junge Frau im gebärfähigen Alter ist man ja oft nicht ganz oben auf der Wunschliste. Aber das ist Spekulation, da ich nicht mit Bestimmtheit sagen kann, ob es jemals daran lag, dass ich einen Job nicht bekommen habe.

Ich wäre mit Sicherheit nicht mit dem Helden verheiratet. 😉 Aber vielleicht wäre ich mit einer anderen Person, männlich oder weiblich, glücklich. Vielleicht hätte ich schon Kinder, ohne mir über die Arbeit und Beruf so große Gedanken machen zu müssen.

Und im konkreten Alltag, wenn wir jetzt einfach mal annehmen, dass der Held eine Frau wäre und ich ein Mann? Es wäre wohl vieles ähnlich. Ich würde vermutlich nicht unbedingt das Nähen als Hobby angefangen haben, sondern mehr Xbox zocken – aber das mache ich auch. Vielleicht würde ich nicht im Chor singen, sondern in den Fußballverein gehen. Vielleicht würde ich mehr Geld verdienen. In der generellen Aufgabenverteilung im Haushalt wäre es vermutlich gleich, das ist bei uns sehr ausgeglichen. Im Büro hätte ich es vielleicht sogar schwerer, da mir die Kollegen in der Werkstatt , mehrfache Nachfragen zu technischen Themen durchaus verzeihen. Allerdings müsste ich mir vermutlich weniger Kommentare zum Thema Familienplanung anhören (definitiv aber andere, und es würde weniger vorausgesetzt, dass ich zuhause bleibe und mich um potentielle Kinder kümmere).

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Ich konnte auch ohne rosa!

 

Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau bist?

Bei Einladungen in der Küche oder beim Abräumen helfen, because that’s what you do. Ich sehe ein, dass es nur höflich ist, “Kann ich dir helfen?” zu fragen. Aber ich mache es nicht, weil ich Spaß daran habe, sondern eben, weil es sich so gehört. Das ist auch ok und ich finde es nicht schlimm, aber: Die Männer fragen das nie. Oder erst nach einem strengen Blick und Tritt unterm Tisch von ihrer Partnerin. (Disclaimer: Der Held schwört, dass das bei ihm anders ist.)

Mich an bestimmten Körperstellen rasieren und meine Haare in einer mehr oder minder weiblichen Frisur tragen (ich hasse Frisörbesuche und ich hasse es, mir zu überlegen, wie mein Haar aussehen soll. Als Mann hat man es da leichter, denke ich. Kurz und gut.)

Als Teenager hatte ich außerdem ein wahnsinniges Bedürfnis, mich zu beweisen. Meine Coolness unter Beweis zu stellen, zu zeigen, dass ich genauso viel trinken kann wie die Jungs (Spoiler: kann ich nicht), dass ich kein “Mädchen” bin, dass ich mutig bin und selbstbewusst und ganz sicher nicht schwach und “weiblich”. Urgs. Heute taucht das noch gelegentlich auf, aber ich versuche, es im Griff zu haben.

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Aber in rosa gab’s mich auch!

 

Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du eine Frau bist?

Gar keine. Das wiederum lässt sich wahrscheinlich auf die Erziehung zurückzuführen, die mich ja schließlich gelehrt hat, dass ich alles genauso gut kann wie ein Mann. Und zu einem gewissen Teil auf meine Persönlichkeit (die aber genausogut ebenfalls von der Erziehung beeinflusst sein kann, wer weiß das schon). Ich habe keine Angst, im Dunkeln allein unterwegs zu sein – diesen Satz habe ich in anderen Beiträgen am häufigsten gelesen. Ich habe einfach nie negative Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht (glücklicherweise) und sehe gar nicht ein, dass ich mich einschränken soll aufgrund diffuser Ängste und weil einige Menschen (Männer) Arschlöcher sind. Pfff. Ich denke mir immer “Je mehr ehrliche Menschen jetzt hier unterwegs sind, desto sicherer wird die Gegend.” Das habe ich mir vor allem in meiner Zeit in Düsseldorf oft gedacht, wo ich nicht im besten Viertel in Bahnhofsnähe gewohnt habe. Ich hatte drei Möglichkeiten, zum HBF zu laufen. Einen sehr langen, “sicheren” Weg, einen sehr kurzen durch einen Park und einen mittellangen, unter einer Brücke hindurch an der Drogenberatungsstelle mit Spritzenautomaten (also wie Zigarettenautomat, nur für Spritzen) vorbei. Ich bin eigentlich immer durch den Park, meine Nachbarin hat immer den langen Weg genommen und das hat mich persönlich schon irgendwie genervt, obwohl es ja wirklich nicht mein Problem war. Aber Angst ist sowieso kein vorherrschender Charakterzug meinerseits.

In der Oberstufe gab es zwei Kurse, einen mit Fußball als Schwerpunktthema und einen mit Badminton und Tanz. Im Fußballkurs waren aber ausschließlich Jungen, daher habe ich den anderen gewählt. Nunja, letzten Endes wären glaube ich beide Kurse dank ihrer Lehrer nicht die beste Erfahrung meines Lebens geworden.

Im Studium habe ich in verschiedenen WGs gewohnt, und ich hätte keine “gemischte” WG gewollt. Dafür gibt und gab es keinen sachlichen Grund, und vielleicht hätte ich es auch besser mal riskieren sollen. Im Studentenwohnheim im Auslandsjahr waren auch Jungs, und es war gar kein Problem.

 

Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Durch jedes. Erwähnte ich den Drang, mich zu beweisen? 😉 Ich kann Autofahren und Einparken, Handwerken, schwere Dinge tragen und eigentlich alles (muss da noch wer an Lotta denken?). Und was ich nicht kann, das kann ich lernen.

Im Alltag fühle ich mich persönlich aber eigentlich nicht eingeschränkt. Wenn, dann gebe ich direkt Contra, und das muss ich nicht besonders oft.

Ich mag es allerdings nicht so gern, wenn Leute sich Sorgen machen, dass ich (vor allem nachts/abends) nicht sicher nach Hause kommen könnte. Obwohl sie es alle nur nett meinen. Das würden sie vermutlich nicht machen, wenn ich ein Mann wäre.

 

Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen zu gehören.

Wenn es um körperliche Arbeit geht, hat man es als Frau leichter, diese an einen Mann abzugeben. Ich habe lange gebraucht, bis ich zugeben konnte, dass Männer nun mal in den meisten Fällen stärker sind als ich – aber nun, meine Güte, dann lass sie doch meinen Koffer tragen, die Möbel aus dem Auto schleppen oder die Einkaufstasche übernehmen. Welche Rolle spielt es, ob ich das wirklich nicht kann? Wenn’s sie glücklich macht, der starke Gentleman zu sein… Aber ich möchte bitte selbst fragen. Männer, um Himmels Willen, hört bitte auf, mir Hilfe anzubieten oder zu fragen “Sollen wir nicht lieber warten, bis XY da ist, der helfen kann?” Ich bin auch stark! Unterschätzt mich nicht, verdammt! Ja, das ist verwirrend. Ich habe nie behauptet, dass alle meine Überlegungen und Gefühle zwangsläufig logisch sind. 😉

 

Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ich möchte behaupten, die meisten in meinem Leben, glücklicherweise. Bei uns im Büro spielt das Geschlecht keine Rolle, im Haushalt bei uns spielt das Geschlecht keine Rolle (wenn man den Helden fragt, ist er für das Auto verantwortlich, weil er der Mann ist – wenn man mich fragt, dann wasche ich es deshalb nicht, weil es mich nicht interessiert und weil ich Waschstraßen etwas gruselig finde, und es ihm persönlich wichtiger ist). Ich habe es da tatsächlich ganz gut.

Für die Allgemeinheit fallen mir jetzt nicht wirklich Situationen ein, in denen das Geschlecht egal ist. In den meisten Fällen spielt es wohl schon eine Rolle. Sei es im Job, im Sport (Frauenfußball, anyone?), in der Schule oder schon im Kindergarten, im Straßenverkehr, im Restaurant, im Baumarkt, in der Buchhandlung, … Das einzige könnte eventuell der Supermarkt sein. Ja, ich glaube, im Supermarkt ist das Geschlecht nicht so wichtig. Vielleicht. Wer weiß. Man muss ja nicht gerade die Chips kaufen, die nach Geschlecht getrennt vermarktet werden…


 Inspiriert wurde ich zur Teilnahme an dieser Aktion von der lieben Nike, die die Fragen selbst sehr lesenswert beantwortet hat – und ihr Mann hat sich ebenfalls daran gesetzt, was ich super finde! Und auch ich möchte jemanden zum Mitmachen aufrufen, nämlich Katha, Jana und Steffi. Katha, weil ich einfach neugierig bin. 😉 Jana, weil sie mir auf Facebook immer wunderbare feministische Links in die Timeline spült, die ich höchst interessiert lese (das mache ich, Jana, auch wenn ich nicht immer etwas dazu schreibe!). Und Steffi, weil wir das Thema letztens gaaaanz kurz am Rande gestreift hatten (es ging um Teilzeitjobs & Co.). Ich hoffe, ihr habt Lust! Alle anderen sind natürlich auch herzlich eingeladen, mitzumachen, ich finde es sehr spannend – und ich selbst habe mir das Stöckchen schließlich auch “einfach so” gemopst, ohne direkt nominiert gewesen zu sein. 😉

10 Antworten

  1. Ein Haufen sehr interessanter und lesensweiter Gedanken 🙂 Ich mag die Überlegungen zu diesem Thema sehr! Und wie du hasse ich es, wenn Leute meinen ich komme im Dunkeln nicht sicher nach Hause. Ich durfte solange ich zuhause wohnte nicht alleine im Dunkeln unterwegs sein -.-

    • Nele

      Danke – du bist natürlich auch herzlich eingeladen, mitzumachen! 🙂

  2. Was für eine tolle Idee!
    Aber ich mache besser nicht mit, denn ich stimme allen Menschen zu, die immer zu mir sagen: “Gott sei Dank bist Du kein Mann geworden!” Ich kann mir nämlich genau vorstellen, wo ich dann jetzt wäre. Gruselige Vorstellung. Ich mag es eine Frau zu sein, denn als Frau (so zumindest meine Erfahrung) habe ich deutlich mehr Freiheiten. Einer Frau verzeiht man leichter, so habe ich das zumindest bisher erfahren – und das war vor allem in meiner Jugend sehr gut so. 🙂

    Liebe Grüße
    Nicole

    • Nele

      Hmm, auch ein interessanter Aspekt! 🙂

  3. Oh, sehr gut!
    Aber hey, der Typ, der die Frage da beantwortet hat, das war gar nicht mein Mann, das war der Holger und der hat halt keinen eigenen Blog, deshalb haben wir das bei mir veröffentlicht! Der Groszer hätte da wohl sicher auch sehr interessante Dinge zu zu sagen, ist aber außerordentlich internetscheu. Gut, dass Du mich daran erinnert hast, ich hatte die ganze Zeit vergessen, nachzusehen, ob der Artikel eigtl unkommentiert onine gegangen ist… morgen gleich mal drum kümmern, Danke Dir!
    Grüße zu Euch Beiden,
    Nike

    • Nele

      Upps! Wird sofort geändert! Ich hab extra nachgeschaut, aber da stand nicht, wer das ist (oder ich hab es übersehen) und dann hab ich drauflosfabuliert! 😀 Der Held macht übrigens auch nicht mit, er findet das ganze Thema etwas… befremdlich. :-/

      • ha-ha-ha: “befremdlich” ;-P Ich glaube genau deshalb ist es so wichtig, dass man von Zeit zu Zeit auch ernsthafte Ansichten & Gedanken im Netz teilt!
        Noch mehr Grüße zu Euch,
        NIke

  4. Ich muss feststellen, dass ich das Thema irgendwie auch befremdlich finde.
    Und immer denke: Ich kanns garnicht wissen…wie es wäre, weil ich kein Mann bin.
    Weil ich als Mann womöglich anders ticken und denken würde und an ganz vielen Stellen ganz
    andere Entscheidungen getoffen hätte.
    Ich staune, dass du die körperlichen Aspekte unerwähnt gelassen hast.
    Um ehrlich zu sein sind die mir als erstes eingefallen. Wenn ich ein Mann wäre, wäre z.B. Sex anders.
    Sowas…
    Nun denn…ich bin gern eine Frau 🙂 und werd die Männers wohl weiter von außen studieren.

  5. Hallo liebe Nele!
    Mann! Jetzt hab ich aber mal lange gebraucht, um zu reagieren…
    Ich freu mich, dass du mich getaggt hast! Super interessant, deine Gedanken! Denke ich bei (fast) jedem Artikel, den ich jetzt zu dem Thema gelesen habe. Und auch, dass mir jetzt nix sinniges mehr dazu einfällt, weill alle meine Gedanken schon mal irgendwie vorkamen. Aber ich gehe mal in mich. Vielleicht fällt mir noch was ein 🙂
    Liebe Grüße zu dir!

    • Nele

      Kein Problem liebe Steffi, ich wollte dir eigentlich auch noch Bescheid gesagt haben, aber ich glaube, ich habe es einfach vergessen. 😉 Ich bin gespannt, ob dir noch etwas einfällt. Aber du weißt ja, es ist keine Verpflichtung!

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