„Gönnen Sie sich was“, sagt die Ärztin zu mir. Ich bin zu ihr gegangen, weil es mir nicht gut geht. An der (Ur-)Sache können wir nichts ändern – nur an meinem Umgang damit. „Gönnen Sie sich etwas – belohnen Sie sich, kümmern Sie sich um sich selbst.“

Ein paar Monate ist das jetzt schon her. Und der Satz blieb hängen. Vor allem, weil es mir erst einmal so schwer fiel, mir etwas zu überlegen, was ich mir gönnen könnte. Alles, was mir einfiel, war Essen. Pizza, Weingummi, Lasagne und dazu ein leckerer Wein? Aber ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn man nicht innerhalb eines Monats wie ein kleiner Kürbis auf Beinen durch die Gegend rollen will, sollte man diese Art des Gönnens auf Ausnahmefälle beschränken.

Das zweite, was mir einfiel: mir Dinge kaufen. Geld ausgeben für Sachen, die nicht wirklich nötig sind. Das habe ich auch probiert. So bin ich an ein wunderbares neues Fitness-Armband gekommen, eine neue Handyhülle durfte einziehen, und generell hab ich im Laden häufiger mal „was soll’s“ gesagt und die Schuhe, die Zeitschrift, die Hose halt einfach gekauft. Die Strategie funktioniert – kurzfristig und wenn man nicht zu sehr auf das Bankkonto guckt.

Letzten Endes ist es aber so: Nachhaltig hilfreich sind nicht die materiellen Dinge, die ich mir gegönnt habe. Aufbauend, glücklich machend, ablenkend und motivierend ist eine neue Einstellung. Ich gönne mir die Zeit, das zu tun, was ich tun möchte. Ohne nach Ausreden zu suchen oder etwas generell als zu schwierig oder unmöglich abzutun. Ich habe mir Konzertkarten einfach gekauft, auch wenn das Konzert noch so weit in der Zukunft lag, dass es mir absurd vorkam (jetzt sind es nur noch 3 Wochen!). Ich habe nicht gebloggt, wenn mir nicht nach Bloggen war. Ich habe früh Feierabend gemacht und bin in die Stadt gefahren, habe mir ein Eis geholt und bin durch die Geschäfte gebummelt – einfach so, mitten in der Woche. Ich habe im Urlaub keine Fotos gemacht, nicht darüber gebloggt, und kein Album gestaltet (womit auch?). Ich habe nicht einmal Postkarten geschrieben (sorry!). Ich bin Wandern und Spazieren gegangen, bin in neue Innenstädte gefahren, war in der Sauna, habe neue Rezepte ausprobiert (mit wechselndem Erfolg) und das Bouldern als neue Sportart für mich entdeckt.

Am hilfreichsten war für mich nämlich die Erkenntnis, dass man gar nicht lange planen muss. Es ist gar nicht immer so leicht, zu erkennen, was einem wirklich gut tut. Aber was mir nicht gut tut, sind vollgepackte Wochenenden und jeden Abend ein neuer Termin. Hingegen spontan am Wochenende zu entscheiden, irgendwo hinzufahren – das ist was ganz anderes. Und deswegen ist mein Vorsatz für die nahende Weihnachtszeit auch: Möglichst wenig Termine. Vielleicht versende ich spontan ein paar Weihnachtskarten – vielleicht auch nicht. Vielleicht backe ich Plätzchen – vielleicht nicht. Mal sehen, worauf ich Lust  habe – und was ich mir gönnen möchte.

Post Author: Nele

11 Replies to “Vom Gönnen.”

  1. Ich müsste eigentlich dringend in die Küche flitzen und kochen, aber ich gönne mir jetzt die Zeit, dir hier einen Kommentar zu hinterlassen und eben nachher später fertig zu werden.
    Vielen Dank, dass du diese Gedanken hier teilst! Ich bin auch gerade am um bzw. überhaupt mal lernen, was es denn bedeutet, gut mit mir umzugehen und gut zu mir zu sein und bei mir ist es zB in den letzten Tagen, mir wieder Zeit zum Lesen zu nehmen, weil das meinen Kopf beruhigt – auch und gerade, weil ich sie eigentlich im Moment nicht (übrig) habe. (Aber das hat man ja nie, wenn man sie sich nicht nimmt.)

    Ich wünsche dir alles Gute für das, was den Rat der Ärztin ausgelöst hat.
    Herzliche Grüße,
    Katja

    1. Liebe Katja,
      vielen Dank für deine Zeit 🙂 und deine guten Wünsche! Zeit hat man selten übrig. Irgendwas ist immer wichtig. Umso mehr sollten wir darauf achten, unsere Zeit sinnvoll zu verteilen und auch an UNS zu denken. Mittlerweile habe ich etwas Übung darin, aber man muss sich wirklich regelmäßig daran erinnern. Und dann die Zeit wirklich NEHMEN!
      Liebe Grüße!

  2. Das ist wirklich nicht leicht, sich was zu gönnen. Ich kenne das! Kann auch den Abwasch nicht stehen lassen wenn ich um halb zehn von der Arbeit komme, obwohl alles in mir danach schreit nur aufs Sofa zu gehen, ein bisschen zu stricken etc. Ich glaube, das muss man echt lernen. Vor allem auch, sein schlechtes Gewissen umzuprogrammieren. Nicht gebloggt – aah, die Leser werden das doof finden. Eigentlich darf man so nicht denken, denn man selbst sollte den Vorteil haben von seinen Hobbies, nicht andere. Leichter geschrieben als gemacht.

    Wenn dir dann nach Kekse backen ist, auch spontan, ich mache gerne mit 🙂

  3. Ein kluger, wenn auch schwer umzusetzender Satz deiner Ärztin! Ich drück dir die Daumen, dass du deinen Vorsatz möglichst lange, wenn nicht sogar für sehr sehr lange umsetzen kannst und schön auf dich und deine Bedürfnisse achtest!
    Ganz liebe Grüße, Frauke

    1. Hallo Frauke,
      ja, manchmal ist es schwierig – du kennst da sicher auch gut. 🙂 Der Satz der Ärztin ist in jedem Fall bei mir hängen geblieben und ich denke sehr oft „Ach, das gönnst du dir jetzt“. Tatsächlich auch immer noch beim Kaufen und Essen, das ist ja auch ok, solange man seinen Fokus nicht darauf legt.
      Wichtig für mich war auch, mich freizumachen von den Erwartungen, dass der Held immer alles mitmachen muss oder dass ich manche Dinge nicht auch einfach alleine tun kann (z.B. Bouldern habe ich mich anfangs nicht allein getraut). Wenn ich jetzt Bock drauf habe, dann gehe ich eben allein spazieren, bouldern, in die Stadt etc.! Da fällt es mir schwer, nicht zu schmollen und beleidigt zu sein, wenn keiner mitkommen will. Oder den Helden solange zu bearbeiten, dass er mitkommt, obwohl er eigentlich gar nicht will. Nö! Muss gar nicht! Ich kann mir auch ganz alleine gönnen! 🙂

  4. Liebe Nele,
    so ein schöner Text, so schön und zutreffend geschrieben!
    Ich glaube, dass ich das mittlerweile ganz gut kann, mir etwas gönnen. Klar, plagt mich auch das schlechte Gewissen, wenn ich mir für einen Samstag viel vorgenommen hatte, dann aber doch bis 12 Uhr im Bett gelegen habe. Aber so what! Die To Do-Liste kann man auch noch später abarbeiten. Seit gestern Abend wartet eine fertige Maschine Wäsche in der Waschmaschine darauf, aufgehangen zu werden, tja, da muss sie mal bis heute Abend warten, gestern Abend war ich zu müde (und heute Morgen zu spät dran…). Es ist nicht immer einfach, sich einfach den gemütlichen Abend auf der Couch, die Ich-Zeit oder was auch immer zu gönnen, aber ich glaube, mit der Übung wird man immer besser. Da muss man sich auch einfach von dem äußeren Druck „alles schöner, alles besser, so viele Sachen machen/erleben/sehen“ freimachen und sein eigenes Ding machen.
    Liebe Grüße,
    Denise

    1. Hallo Denise,
      ja, man darf auch mal was verpassen – auch eine Lektion, die ich in diesem Jahr gelernt habe. So habe ich z.B. nicht versucht, Karten für die Blogst zu bekommen und war völlig zufrieden damit. Die Bilder haben mich nicht neidisch gemacht, sondern erleichtert, dass ich „meine Ruhe habe“ – das klingt gemein, ich habe die Blogst 2015 auch sehr genossen, aber in diesem Jahr brauchte ich eben eine Pause. Das nur als Beispiel. 🙂
      Liebe Grüße
      Nele

  5. Grossartig geschrieben, du sprichst mir aus der Seele. Meine Ärztin hat mir vor einigen Jahren dasselbe gesagt, doch erst jetzt habe ich gewagt, diesem Vorhaben den grössten Stein aus dem Weg zu räumen; die Schicht- und Wochenendarbeit, die ich neben dem Studium noch mache. Obwohl ich eine Heidenangst vor dem Gespräch mit meinen beiden Vorgesetzten hatte, scheint sich jetzt alles zum Guten zu wenden, und ich darf ab März 17 in ein anderes Projekt wechseln, wo ich nur noch von 8-17 Uhr arbeiten muss und die Wochenenden frei habe. So habe ich wieder mehr Regelmässigkeit, und Arbeit und Studium lassen sich wieder besser aneinander vorbei jonglieren. 🙂 Und auch ich habe gemerkt, dass die materiellen Dinge langfristig nicht glücklich machen – aber Zeit mit der Familie, meinem Männe und Freunden (die alle 9to5-Jobs haben) zu verbringen dafür umso mehr. Und darauf freue ich mich 🙂

    Ich hoffe, dass Du Dir noch ganz viel gönnen kannst und magst – ich wünsche Dir alles Gute dabei 🙂

    Grüsse aus Zürich,
    Manu

    1. Hallo Manu,
      das klingt toll – ich drücke dir die Daumen, dass du es auch umsetzen kannst und die Zeit genießen kannst. Toll, dass du es angepackt hast! 🙂
      Danke für deinen Kommentar
      Nele

  6. Pingback: Mein 2016

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Herzlich Willkommen auf meinem Blog! Ich bin Nele - Münsteranerin mit Ruhrpottwurzeln, Buchliebhaberin, Internet-Bewohnerin, Fahrradfahrerin, Geek, Pragmatikerin. Bei Bedarf laut und mit Meinung. Ich mag Roboter, Streifen und Diversität.

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