Rezensionshüpfer

Vom Atmen unter Wasser

29. Februar 2012

Eigentlich konnte Simon seine kleine Schwester Sarah nie wirklich leiden. Sie war halt die nervige kleine Schwester, die er gerne losgeworden wäre – als er 7 und sie 3 Jahre alt waren ebenso wie später als Teenager. Jetzt ist er 20 und sein Wunsch hat sich auf die grausamste Art und Weise erfüllt: Sarah ist im Alter von nur 16 Jahren ermordet worden, nachts, gar nicht weit weg von zuhause, nach einer Party.

Das Buch von Lisa-Marie Dickreiter mit dem wirklich grandiosen Titel „Vom Atmen unter Wasser“ erzählt vom Leben der Familie Sarahs ein Jahr nach derenTod. Alle gehen unterschiedlich mit dem Geschehenen um. Simon ist ausgezogen und studiert Medizin, Vater Johannes arbeitet und handelt nach dem Motto „The show must go on“ – und Mutter Anne landet nach einem Selbstmordversuch im Krankenhaus. Sie hat Sarahs Tod nicht überwunden, ist sogar in das Zimmer ihrer Tochter gezogen, überall hängen Sarahs Bilder und sie kann sich nicht damit abfinden.

Ein Jahr lang hat sie versucht, mit dem Fehlen ihrer Tochter zurechtzukommen. Jetzt will sie es eigentlich gar nicht mehr versuchen. Irgendwie müsse es doch weitergehen, redet Johannes auf sie ein. „Ich will so aber nicht weiterleben!“ schreit seine Frau ihn an, sie vergräbt sich in der letzten getragenen Wäsche ihrer Tochter oder redet in Gedanken mit ihr, als sie noch ein kleines Mädchen war. Johannes findet keinen Zugang mehr zu Anne und überlässt es zunehmend Simon, sich um sie zu kümmern.

Das Buch hat mich sehr bewegt und Tränen sind auch geflossen. Kein Wunder, bei der Thematik. Trotzdem kann man es sehr gut lesen, es ist sehr lebensnah geschrieben und man merkt, dass es noch ziemlich neu ist (Leser in 20 Jahren werden sich fragen, wer denn wohl „Pink“ ist und ähnliches). Gelegentlich kam ich aber durcheinander, wer gerade mit wem redet – das könnte aber auch Absicht der Autorin gewesen sein. Die Kapitel sind abwechselnd aus Sicht der drei Protagonisten geschrieben und ich muss zugeben, Kapitelüberschriften (wo dann der Name stand) überlese ich häufig.

Auf jeden Fall ist das Buch keine leichte Kost. Dass Eltern ihr Kind verlieren, ist eben wirklich schrecklich und das Leiden der Mutter wird hier wirklich sichtbar gemacht. Ihr beim Zerbrechen zuzusehen, geht wirklich unter die Haut. Simon leidet hauptsächlich unter dem Verhalten seiner Eltern (aber auch er trauert natürlich, aber es ist komplizierter). An einigen Stellen wollte ich ihm zurufen „Nun lass dir das nicht länger gefallen und verschwinde!“ Und Johannes will der Situation am liebsten entfliehen, und irgendwie versteht man ihn, aber irgendwie kann man ihn deswegen trotzdem nicht so richtig leiden.

Ich kann das Buch weiterempfehlen. 4 von 5 Sternen vergebe ich wegen einiger sprachlicher Verwirrungen, die ich beim Lesen hatte, und wegen der leichten Distanz, die man trotz allem immer zu den handelnden Personen hat. Man schlüpft nie so ganz rein in die Personen, sondern bleibt immer Zuschauer. Aber ehrlich, sonst wäre das auch wohl nur schwer zu ertragen gewesen.

Dieses Buch möchte ich außerdem im Rahmen der Lesenden Minderheit vorstellen, deren Januar-/Februar-Thema lautet: „Lies ein Buch, welches von einer/m deutschen Schriftsteller/in geschrieben wurde!“ Die Linkliste mit weiteren Büchern sollte im Laufe des Tages folgen. Bestimmt wird nach dem Studium davon auch mein Wunschzettel wieder wachsen… 😉

Übrigens habe ich eben gesehen, dass das Buch in der gebundenen Ausgabe derzeit bei Amazon heruntergesetzt ist und nur 4,99 Euro kostet – wenn das kein Schnäppchen ist, weiß ich auch nicht! 🙂

Edit: Hurra, die Liste ist da! Hier gibt’s ab sofort viele Buchtipps, und vielleicht auch Warnungen vor nicht so tollen Büchern? 🙂

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