Gedankenhüpfer

Besser leben

17. Oktober 2013

Eigentlich versuche ich immer, ein „gutes Leben“ zu führen. Das versuchen vermutlich alle Menschen, auch wenn sie alle andere Maßstäbe dafür haben. „Gut“, das heißt so im großen und ganzen für mich: Gesund leben. Der Umwelt nicht schaden. Anderen Menschen nicht schaden. Das war es auch schon. Klingt doch eigentlich ganz einfach, oder?

Als ich in meine erste eigene Wohnung gezogen bin, war eine meiner ersten Amtshandlungen, Ökostrom zu beziehen. Ich wollte das schon vorher, aber konnte meine WG-Mitbewohnerin nicht überzeugen. Seither bin ich (und sind wir auch seit dem Umzug wieder) zufriedene Kunden von Naturstrom, und ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob wir da so viel mehr bezahlen, denn um sowas kümmert man sich sowieso viel zu selten und das ist in diesem Fall vielleicht sogar ein Segen. 😉

Seit wir die Biokiste haben, esse ich definitiv mehr Obst und vielleicht auch mehr Gemüse. Leider bin ich mit unserem derzeitigen Anbieter nicht sehr zufrieden (es ist zwar Öko, aber nicht regional und saisonal). Und ebenfalls leider wird uns immer wieder Obst und Gemüse aus der Biokiste schlecht, weil wir es einfach nicht essen. Aber der Ansatz ist da und ich überlege derzeit, den Anbieter zu wechseln – es gibt zum Glück zwei in Münster (falls einer meiner Leser Kunde ist, bitte Erfahrungen unten niederschreiben!).

Ich versuche immer, „politisch korrekt“ zu sein, gerate ab und zu in Konflikt mit meinen Mitmenschen darüber, was man so sagen darf und was nicht, fordere gleiche Rechte für alle, probiere auf dem Laufenden zu bleiben, gehe selbstverständlich wählen, vermeide Kik & Co. (kaufe aber trotzdem bei C&A, H&M undwiesiealleheißen…), fahre mit dem Fahrrad zur Arbeit, lasse im Supermarkt Leute mit weniger Teilen vor und stehe im Bus für ältere Menschen auf, versuche generell freundlich und höflich und interessiert zu sein, ich fliege nur ungefähr alle 2 Jahre irgendwo hin, wenn’s hoch kommt. Insgesamt versuche ich nach dem Motto „Be the change that you want to see in the world“ zu leben, das angeblich ein Zitat von Ghandi ist. Jede Menge Pluspunkte, könnte man meinen!

Es gibt aber auch noch viel zu viele Punkte, die mich irgendwie stören.

  • Ich bin Kundin einer Direktbank. Das gefährdet doch sicherlich Arbeitsplätze in der Region? Oder noch besser wäre vielleicht eine nachhaltige, total korrekte „Ökobank“, die nur in „ethisch korrekte“ Fonds investiert? Mir machen vor allem die Arbeitsplätze Bauchschmerzen, so wie generell die Verlagerung von allem ins große weite Internet. Allerdings hat mir selbst der hiesige Volksbank-Filialleiter kürzlich bestätigt, dass wir bei unserer Bank hervorragende Konditionen haben, bei denen er nicht mithalten kann.
  • Konsum. Wir kaufen zu viel Zeug. Definitiv. Natürlich auch wieder im Internet. Und das dann auch noch bei Amazon – wir sind sogar Prime-Mitglieder. Urgs. Aber wir tun es trotzdem. Es ist günstig, und es ist bequem.
  • Fleisch. Wir essen es. Und ja, wir kaufen es im Supermarkt. An der Fleischtheke. Ist das besser als aus der Kühltheke? Es ist kein Bio-Fleisch, und wir essen es sicherlich auch viel zu häufig (vor allem, wenn man die Wurst mitrechnet). Fleisch ist mäßig gesund, sehr schlecht fürs Klima und von den Tieren selbst wollen wir mal gar nicht sprechen.
  • Andere Bloggerinnen machen sooo viel selbst. Backen Brot, halten Hühner, upcyceln, machen Käse, basteln und nähen und stricken (was ich supergern könnte!) wie die Verrückten, haben dabei noch Kinder und kochen super-abwechslungsreich. And I’m just sitting here watching Doctor Who… Bei uns gibt’s Dr. Oetker-Backmischungen, Cola und XBox-Spiele.

Zum Konsumthema hat Nike kürzlich einen lesenswerten Beitrag geschrieben. Und ich finde alle ihre Vorschläge super (und habe mittlerweile auch den empfohlenen Film angeschaut), vor allem den mit dem Haushaltsbuch: „Führt für ein, zwei Monate Haushaltsbuch. Penibel. Schreibt alles auf. ALLES. Auf A4 Seiten. Die führen es einem besonders brutal vor Augen. Markert am Ende des Monats alles an, was es echt nicht gebraucht hätte. Ruhig diese Ausgaben auch mal aufaddieren.“  Trotzdem werde ich das meiste davon wahrscheinlich nie umsetzen. Auf der einen Seite ist da der Aufwand und der eigene Schweinehund. Auf der anderen der Held, der ein großer Sammler ist und recht viel kauft. Davon habe ich mich etwas anstecken lassen, muss ich zugeben.

Das ist überhaupt das Thema, weshalb ich viele Sachen schwierig umzusetzen finde: Ich wohne ja nicht alleine hier. Und nur weil ich plötzlich zu der Einsicht gekommen sein sollte, dass Fleisch essen doof ist, will ich das doch dem Helden nicht aufdrängen. Ich glaube nicht, dass er da jemals mitmachen würde (wobei er kürzlich, vor die Wahl gestellt, das vegetarische von zwei Kochbüchern ausgesucht hat). Ob ich vielleicht doch mal Jonathan Safran Foer lesen sollte? Ich traue mich nicht so richtig, ehrlich gesagt.

Langer Rede kurzer Sinn? Am Ende steht für mich die Erkenntnis, dass meine „Pro-Liste“ doch schon mal gar nicht so schlecht aussieht. Die großen Themen sind wohl Fleisch und Konsum, und da kann ich dran arbeiten. An mir selbst. Mein erstes Ziel ist: Weniger online bestellen, mehr lokal kaufen. Was zwangsläufig zu „weniger kaufen“ führen sollte, weil ich nicht für jeden Pups in die Stadt fahre oder zufällig Dinge sehe, die im Angebot sind. Mein zweites Ziel: eine vegetarische Woche, was die Hauptgerichte betrifft für uns beide und ansonsten nur für mich (wenn der Held auf Wurst zum Frühstück verzichten will, kann er das natürlich tun – mal sehen, wie er das so möchte).

Was gehört für euch zu einem „guten“ Leben dazu? Was bereitet euch Bauchschmerzen, wo habt ihr Tipps für mich?

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Erlebt

…die schwarz-weiß-grüne Fahne in der Hand!

27. September 2013

Als Kind/junger Teenie war ich großer Fußballfan. Ich weiß gar nicht mehr so recht, wie das passiert ist – in der Familie gab es eigentlich keine besondere Begeisterung für Fußball, aber in der Schule war das Thema ganz groß. Jedenfalls sammelte ich zusammen, was ich mir so leisten konnte. Auf jedes T-Shirt, jede Mütze mit Vereinslogo war ich äußerst stolz, der Schal hing mir fast ständig um den Hals und das absolute Highlight war das schönste Trikot aller Zeiten, das irgendwann unter dem Weihnachtsbaum lag. Ich habe es heute noch. Im Stadion war ich in dieser ganzen Zeit glaube ich ganze zwei Mal – aber jedes Spiel habe ich am Radio verfolgt, die Zeitungsartikel ausgeschnitten und an meine Zimmerwand gehängt (!) und emotionale Tagebucheinträge darüber verfasst.

(Achja, und ich kann heute noch darüber schimpfen, dass Michael Tarnat vom FC Bayern damals im DFB-Pokalfinale vor 15 Jahren unseren Stürmer Bachirou Salou fies foulte und deswegen, nur deswegen der MSV verlor, obwohl er zur Halbzeit schon 1:0 führte und eindeutig besser war. Jawollja, so war das! Das hat uns Duisburger so stark traumatisiert, dass es Leute gibt, die darüber heute noch bei YouTube Videos hochladen.)

Irgendwann flaute meine Leidenschaft für den Fußball aber ab – ich war wohl zu sehr mit Schule, der großen Liebe und anderen Dingen beschäftigt. Geblieben ist eine gewisse Sympathie für den Sport und das Gefühl, immer ein bisschen zur Heimatmannschaft halten zu müssen. Womit ich nicht nur meine alte Heimatmannschaft von damals meine, sondern meine stets aktuelle. Und so freue ich mich über jeden Sieg vom MSV Duisburg, der Fortuna aus Düsseldorf und jetzt eben Preußen Münster, obwohl das alles nicht so die Top-Vereine sind.

Ein Freund von uns hingegen geht regelmäßig zu Preußen ins Stadion. Für die DFB-Pokalspiele bekam er Tickets von der Arbeit und so waren auch der Held und ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder in einem Fußballstadion zu Besuch! Beim ersten Spiel vor einigen Wochen klappte das ganz hervorragend und Preußen Münster besiegte den FC Sankt Pauli mit 1:0, was zur Folge hatte, dass wir diese Woche wieder zu einem Spiel durften: Preußen Münster spielte wie schon im letzten Jahr in der 2. Runde gegen Augsburg.

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Also fix ins schwarz-weiß-grüne Outfit geschmissen und auf ins Preußenstadion! Tatsächliche Fan-Artikel besitze ich leider keine, aber da Grün eine meiner Lieblingsfarben ist, bestand zumindest bei der Kleidung genügend Auswahl.

Dieses Mal lief es nicht so rund wie beim letzten Spiel. Auch wenn wir vor dem Anpfiff noch guter Dinge waren:

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Hinterher sah das mit den großen Pappschildern übrigens so aus. Ich war ja wie schon beim ersten Mal fasziniert von dieser Fan-Choreographie, die zum Einlauf der Mannschaft ins Stadion gestartet wurde. Plakate bzw. beim letzten Mal Fahnen wurden verteilt und vorn auf dem Zaun saß dann ein Megaphon-Mensch und wies uns an, wann wir die Dinger hochhalten mussten und wie lange. Ich habe ein Video gesehen vom letzten Mal (von diesem Mal habe ich keins gefunden) und es sah wirklich toll aus, man selbst sieht es ja leider nicht! Darüber, dass so etwas ja vorbereitet und koordiniert werden muss, habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, wenn ich Fans im Fernsehen gesehen habe. Aber es wird gemacht, und zwar nicht vom Verein, sondern von Fans.

Diese Fans waren es dann auch, die während des Spiels richtig Stimmung verbreiteten. Leider waren sie in der absoluten Minderheit. Natürlich war beim DFB-Pokalspiel das Stadion viel, viel voller als sonst – wir beispielsweise waren ja auch absolute Newbies und sind sonst nie da. Und so standen eben die meisten Besucher um uns herum und guckten. Ich fand es ganz, ganz furchtbar. Rechts von uns die Ultras, die durchgehend vom Anfang bis zum Ende sangen, Fahnen schwenkten und ihre Mannschaft anfeuerten. Na gut, zwischendurch stieg auch ein bisschen grüner Rauch auf und es wurden Ermahnungen über die Lautsprecher abgegeben. Aber das war immer noch hundert mal besser als die Menschen links von mir, die wie Fische waren und nicht einmal mitgebrüllt oder gesungen haben (und es sah ehrlich gesagt sehr cool aus).

Es ist nicht so, als hätte ich die Lieder vorher gekannt. Aber nach 2-3 Wiederholungen kann ich mir durchaus merken, dass wir gerade „Ale, ale, Preußen Münster ale“ rufen oder zum 100. Mal wiederholen „Wir ziehen durch das Land, wir ziehen durch das Land, die schwarz-weiß-grüne Fahne in der Hand“. Stattdessen wurde sich um mich herum darüber beklagt, dass man wegen der Fahnen gelegentlich nicht alles vom Spiel sehen konnte. Ähm. Hallo? Wir sind im Stadion? Da schwenkt man Fahnen, singt und grölt? Wer jede Minute sehen will und zwischendurch eine Nahaufnahme und Zeitlupe braucht, sollte sich das Spiel vor dem Fernseher angucken. Ins Stadion gehe ich wegen der Atmosphäre. Meine Meinung jedenfalls.

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Natürlich hat Preußen Münster an diesem Abend auch 0:3 verloren, was der Gesamtstimmung sicherlich nicht zuträglich war. Aber auch beim letzten Spiel war ich jetzt nicht unbedingt berauscht von diesen „Fans“. Dieses Mal stand ich aber wirklich da, sang als einziger weit und breit lauthals mit den Ultras mit und beschwerte mich zwischendurch beim Helden über die mangelnde Begeisterung um mich herum… Ich fand es einfach deprimierend. Der Held meinte schon, nächstes Mal gibt er mich einfach vor Spielbeginn bei den Ultras ab: „Hier, die Kleine möchte auch mal mitsingen!“ Die waren aber auch wirklich die einzigen, die richtig Stimmung gemacht haben!

Kurz habe ich hinterher mit dem Gedanken gespielt, jetzt häufiger zum Fußball zu gehen. Mir macht das Anfeuern im Stadion wirklich sehr viel Spaß und die stummen Fisch-Fans sind ja sicherlich bei den normalen Ligaspielen sowieso nicht da, und so eine kleine Mannschaft kann jeden Unterstützer gebrauchen. Aber sind wir mal ehrlich, auch wenn ich da durchaus in Euphorie verfallen kann, so finde ich es tief in meinem Herzen doch immer noch etwas seltsam, Spielern zuzujubeln, die nach einem Jahr sowieso wieder weg sind, und unfassbar unkreative Schmäh-Schlachtrufe wie „Scheiß Sankt Pauli!“ wollte ich schon beim letzten Mal nicht mitbrüllen. Daher bleibe ich bei meiner anderen Freizeitaktivität: Beim Chor darf ich auch singen, jede Woche, und werde zwischendurch nicht davon unterbrochen, dass ein Tor gefallen ist. 😉

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Gedankenhüpfer

Fortuna und die Medien

16. Mai 2012

Vielleicht mag der eine oder andere Leser es ja schon mitbekommen haben: Ich lebe in Düsseldorf (noch). Was aber ganz sicher jeder Leser mitbekommen hat, weil es heute einfach allgegenwärtig ist: Düsseldorf hat gestern den Aufstieg geschafft. Sort of. Wobei, so richtig merkt man den Medienberichten nicht an, dass es darum geht. Es geht vielmehr um: „Zuschauer-Skandal beim Relegationsspiel„, die „Fußballschande von Düsseldorf“ oder – mein Favorit! – ein befürchtetes „Blutbad„.

Kann wirklich jemand, der das Spiel gesehen hat, von einem potenziellen „Blutbad“ sprechen?! Ja – da waren Menschen auf dem Spielfeld. Nein – die gehörten da nicht hin. Ja – es war unprofessionell und ja, vermutlich hat die Security versagt. Aber die Dimensionen, in denen das nun von den Medien hochgeschaukelt wird, halte ich persönlich für extrem übertrieben. Ich war nicht im Stadion, aber Kollegen haben mir berichtet, wie die Atmosphäre war. Und dort war klar ersichtlich: Es wurde gefeiert.

Dass Fans nach einem solchen Spiel das Spielfeld stürmen, ist ja nun nicht so ungewöhnlich. Auch nicht, dass sie Rasenstücke mitnehmen oder Teile vom Tornetz (auch wenn ich das persönlich nicht so recht nachvollziehen kann). In diesem Fall waren die Fans fälschlicherweise der Ansicht, dass das Spiel schon vorbei wäre. Verständlich: Auf der Stadionleinwand bleibt die Zeitanzeige nach den regulären 90 Minuten stehen, die Nachspielzeit wird nicht angezeigt. Es herrschte eine extremst emotionale und aufgeladene Stimmung und wenn da mal einer einen Schiri-Pfiff falsch interpretiert, bricht der Damm. Und dann in der Hektik mitzukriegen, dass es doch noch nicht vorbei ist – schwierig. Ich dachte mir auch gestern beim Schauen, dass es ja vermutlich gar nicht mehr so leicht ist, dann schnell wieder vom Platz runterzugehen, wenn die Menge von oben nachrückt. Das dauert – wie jeder weiß, der schon mal in einer Menschenmenge versucht hat, sich gegen den Strom zu bewegen.

Aber wenn man die Medienberichte liest, klingt es, als wären die Fans mit Mistgabeln und Fackeln als wütender Lynchmob auf die Spieler losgegangen. Der Focus titelt „Chaos und Hass begleiten Fortuna Düsseldorf in die Bundesliga“. Chaos, ok, aber Hass? Habe ich da höchstens von den bekloppten Berliner „Fans“ gesehen, die ihre eigenen Spieler (!!) mit Böllern beworfen haben. Die Düsseldorfer haben einen Fehler gemacht, aber sie wollten nur feiern. Ihre Mannschaft, den lang ersehnten Aufstieg. Warum sollten sie (vermeintlich) nach diesem Spiel auch randalieren wollen? In einem Forum habe ich etwas von „tragischer Blödheit“ der Düsseldorfer Fans gelesen. Das würde ich so unterschreiben.

Übrigens, nur mal zur Relation der Berichterstattung und Diskussionen: Beim Relegationsspiel der 2./3. Liga vorgestern gab es nach dem Spiel durch Randale der Fans mehr als 70 Verletzte, davon 18 Polizisten, außerdem 119 vorübergehende Festnahmen. Falls ihr es nicht mitgekriegt habt, so wie ich: Es spielte der Karlsruher SC gegen Jahn Regensburg.

Hier übrigens noch ein lesenswerter Artikel zum Thema!

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Gedankenhüpfer

Wo entscheidet sich Weihnachten?

15. Dezember 2011

„Weihnachten wird unterm Baum entschieden“. So strahlen mich seit einigen Wochen die roten Plakate von Media Markt überall in der Stadt an. Verbunden mit Fotos von vermeintlich glücklichen Menschen, die irgendwie so aussehen, als hätte sich der Fotograf mal lieber eine ordentliche Kamera gekauft, von mir aus auch bei Media Markt.

Morgens knallt mir das Radio noch eine etwas härtere Form dieser Werbung um die Ohren. Pünktlich vor den Nachrichten kann ich mir anhören, wie ein kleines Mädchen dem Weihnachtsmann die Tür vor der Nase zuknallt, weil die Geschenke nicht von Media Markt sind. Hallo?

Die Kirche regt sich nun auf über diese Werbung, auch andere Blogger, und das verwundert mich kein bisschen. Das erste Plakat hat mich irritiert, das zweite geärgert und die Radiowerbung hat mich so richtig auf die Palme gebracht. Weihnachten muss nicht „entschieden“ werden. Weihnachten ist einfach. Was es ist? Ein Fest, ein Gefühl, aber ganz sicher kein Wettbewerb, auch wenn es manchmal so wirken kann. Wer hat die schönste Weihnachtsdeko, wer backt die meisten Plätzchen, wer kauft die teuersten Geschenke? Über all dem wird doch oft vergessen, worum es Weihnachten wirklich geht.

Und so entsteht auch der Stress, als den viele die Weihnachtszeit empfinden. Wenn man alles perfekt haben will, um z.B. den Kindern die schönsten Kindheitserinnerungen zu „verschaffen“, kommt man natürlich in Stress. Aber was ist denn wohl die schönere Kindheitserinnerung? Eine gestresste, hektische Mutter, die un-be-dingt noch die achte Sorte Plätzchen backen muss, natürlich mit dem Kind zusammen, das gar keine Lust mehr hat und Bauchweh vom Teig naschen (seit Sorte 3) – oder eine entspannte Mutter, die Zeit hat für eine Geschichte oder eine Runde kuscheln, und dafür auch mal eine Packung gekaufte Plätzchen auf den etwas unordentlich dekorierten Tisch stellt? Ein zauberhaft dekorierter Baum, den aber bloß niemand anfassen darf (der aber auf Fotos traumhaft aussieht), oder ein schiefer nadeliger Baum, an den das Kind seine selbst gebastelten Anhänger hängen darf? (Ja. Das Basteln kann auch Stress sein. Jeder entscheidet für sich selbst, was Stress ist… Man MUSS jedenfalls gar nichts machen!)

Und die Geschenke. Spielen die eine Hauptrolle? „Entscheiden“ sie Weihnachten? Könnt ihr euch noch daran erinnern, was ihr vor 5 Jahren zu Weihnachten bekommen habt? Oder in eurer Kindheit? Ich kaum. Besondere Highlights bleiben, klar. Das selbstgebaute Playmobil-Spielhaus von meinem Vater und meinem Onkel zum Beispiel. Oder das ebenfalls selbstgebaute Puppenbett von meinem Onkel, das er exakt meinem eigenen Hochbett nachempfunden hatte (mit Rutsche!). Das lang ersehnte Originaltrikot der Lieblings-Fußballmannschaft (aus Sicht einer 13-jährigen unbezahlbar). Aus der Erwachsenenzeit fällt mir kaum etwas ein. Und meine Mutter erzählt heute noch von dem Wollpullover, den sie als Kind zu Weihnachten bekommen hat. Ihre Mutter (meine Oma also) hatte ihn nicht rechtzeitig fertig bekommen und einfach so eingepackt. Meine Mama war stolz wie Oskar, dass ihre Mutter den Pullover für das Christkind zu Ende stricken durfte! Das sind sicherlich nicht die Geschenke, die Media Markt im Hinterkopf hat.

So etwas entscheidet aber, wenn überhaupt irgendetwas, Weihnachten: die liebevollen Details. Die Kleinigkeiten. Die Geschichten, die bleiben. Die Traditionen, die man innerhalb der Familie hat. Die Mühe, die man sich gibt. Die Zeit, die man sich nimmt. Und die Liebe. Denn Weihnachten ist doch nun einmal das Fest der Liebe. Was nützen die größten Fernseher, die modernsten Spielekonsolen, die kleinsten Handys, wenn Mama und Papa unterm Tannenbaum streiten? Wenn gestöhnt wird, weil man für Schwiegermutterns Besuch noch das ganze Haus von oben bis unten wienern muss, um einen guten Eindruck zu hinterlassen?

Auch ich habe in der Weihnachtszeit viel zu tun, um es mir schön zu machen. Ich versuche aber, das nicht in Stress ausarten zu lassen, denn alles, was ich mache, mache ich freiwillig. Und wenn etwas nicht klappt (wenn unser sehr früh aufgestellter Baum am Heiligabend schon nadelt, zum Beispiel), dann ist das eben auch keine Katastrophe (sondern bleibt vermutlich noch eher in Erinnerung, als wenn alles perfekt liefe). Und die Geschenke? Sind gekauft. Teilweise auch selbst gemacht. Keins davon bei Media Markt (würde ich sowieso nicht, und nach dieser Werbung erst recht nicht). Ich habe mir Gedanken gemacht, worüber sich die Leute freuen können. Bei manchen ist es etwas teurer geworden. Bei anderen etwas aufwändiger. Bei wieder anderen gibt’s eher eine Kleinigkeit.

Ich freue mich auf Weihnachten. Ich freue mich auch auf die Geschenke. Aber worauf ich mich am meisten freue, das sind die Tage und Erlebnisse, die wir gemeinsam haben werden. Das Essen, das wir jetzt schon planen. Der Gang in die Kirche und der Gottesdienst. Ich freue mich auf unser Weihnachtskonzert (das schon vor Weihnachten ist), den Besuch meiner Eltern am ersten Feiertag, den Besuch bei Schwiegereltern am zweiten Feiertag. Ich freue mich darauf, meine Nichte an ihrem quasi-ersten Weihnachtsfest zu sehen (letztes Jahr um diese Zeit war sie erst 2 Monate alt).

Wenn ich an das letzte Weihnachtsfest denke, fällt mir ein: Es lag viel, viel Schnee. Wir haben sehr lecker gekocht (und das Fleisch war sehr teuer). Der Pfarrer im Gottesdienst hat eine wirre Predigt gehalten (deswegen werden wir dieses Jahr in eine andere Kirche gehen). Ich habe meine Oma zum letzten Mal gesehen – es ging ihr nicht gut, aber sie hat sich gefreut. Meine Eltern waren das erste Mal Weihnachten bei mir und nicht andersherum.  Wir mussten nachts durch den Schnee nach Münster fahren, was ein echtes Abenteuer war.

Geschenke kommen da überhaupt nicht vor. Geschenke sind nicht das wichtigste an Weihnachten. Definitiv. Weihnachten wird im Herzen entschieden.

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Gedankenhüpfer

Liebe Personalmenschen…

18. November 2010

…wieso sagt ihr eigentlich immer wieder, nach jedem Vorstellungsgespräch, Dinge wie „Wir melden uns dann am Freitag / übermorgen / in etwa 1-2 Wochen“? Ich verstehe nicht, wieso ihr so konkret werdet, wenn ihr euch ohnehin nicht daran haltet. Die Bewerber sitzen auf heißen Kohlen und wissen nicht, woran sie sind. Sie machen riesige Forumsdiskussionen auf, um darüber zu streiten, wann man sich in welcher Form und mit welchen Worten am besten bei euch meldet. Sie schreiben eine Email fünf mal um, um euch bloß nicht vor den Kopf zu stoßen (auf keinen Fall darauf hinweisen, dass der Personaler seinen Termin nicht eingehalten hat!). Vielleicht ist es ja auch das, was ihr wollt – zu überprüfen, wie wichtig dem Kandidaten der Job ist. Aber mal ehrlich. Ihr wisst doch genau, wie nervös die Bewerber sind. Ich finde das unfair. Ich finde es überflüssig (Absagen sind doch auch nicht so schwer, oder?). Und vor allen Dingen finde ich es unglaublich unhöflich und unzuverlässig. Geht eure Firma so auch mit ihren Kunden um?!

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Gedankenhüpfer

Entscheidungen: Taktik oder Herz?

21. September 2009

Ich habe noch nie soviel über eine Wahl geredet wie in den letzten Tagen. Ich denke, dass das daran liegt, dass es im Moment vielen Leuten schwer fällt, sich zu einer Entscheidung durchzuringen. Mir auch. Soll ich taktisch wählen, oder soll ich das wählen, was mein Herz mir sagt? Meine Wünsche und Vorstellungen? Soll ich „chancenlos“ wählen? Soll ich das kleinere Übel wählen? Ich weiß es einfach nicht.

Das ist meine erste Bundestagswahl, bei der ich nicht möchte, dass die bisherige Regierung fortgesetzt wird. Ich darf ja noch nicht sooo lange wählen, und so oft wird der Bundestag ja dann auch wieder nicht gewählt – es ist jetzt meine dritte Bundestagswahl. Wie erreiche ich, dass die Koalition an die Macht kommt, die ich mir wünsche? Vermutlich gar nicht. Aber man hat ja als Wähler doch das Gefühl, die Entscheidung liege in deiner Hand. Muss man ja haben. Sonst wäre man völlig desillusioniert und würde gar nicht mehr wählen gehen… Und das ist ja auch nicht der Sinn der Sache. Eigentlich ist mir schon klar, dass es jetzt keine wahlentscheidende Rolle spielt, ob ich Rot oder Grün wähle. Zumal ich mir bei der Erststimme schon sicher bin – da wird taktisch gewählt, es gibt gar keine andere Wahl, sonst könnte ich die Erststimme auch einfach weglassen.

Nun ja, worauf will ich eigentlich hinaus? Es gibt zwei Möglichkeiten: Ich wähle SPD. Ich wähle das kleinere Übel, ich versuche, Schwarz-Gelb zu verhindern, ich riskiere die Fortsetzung der großen Koalition, aber immerhin eine rote Regierungsbeteiligung. Das wäre meine taktische Wahl: Schwarz-Gelb darf nicht kommen, ein Wiedereinstieg bzw. Nicht-Ausstieg aus der Atompolitik wäre für mich untragbar. Oder: Ich wähle die Grünen. Ich stärke die umweltpolitische Stimme, ich gebe Rot-Grün den Hauch einer Chance, aber es ist doch sehr unwahrscheinlich. Dennoch ist ja auch eine starke grüne Opposition viel wert. Das wäre meine Herzenswahl. Vielleicht wird die SPD dann ebenfalls in die Opposition geraten und bei der nächsten Wahl wieder mehr Chancen haben. Hmm.

Aufschreiben bringt häufig Klarheit und auch ich bin mir jetzt deutlicher darüber im Klaren, was ich wählen sollte. Oder doch nicht? Ich bin hin- und hergerissen. Außerdem fällt mir auf, dass ich fast nur Umweltthemen zur Argumentation gebraucht habe. Nur zur Info: Andere Themen spielen natürlich auch noch eine Rolle. Bei denen kann ich mich aber mit beiden Parteien halbwegs anfreunden, sie taugen daher nicht großartig als Entscheidungshilfe.

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