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Buchtipp: 20 Kilo weniger dank “Fettlogik überwinden”

Mir fällt es etwas schwer, diesen Beitrag zu beginnen. Immerhin leben wir irgendwie zwischen zwei Polen. Zwischen Magerwahn und Body Positivity, zwischen Schlank im Schlaf und Fat Acceptance. Das Buch, das ich empfehlen möchte, hat auf Twitter auch in meiner Timeline Staub aufgewirbelt, das Wort “Sektenanhänger” fiel, und der Satz “Ich dachte, übers Kalorienzählen wären wir als Gesellschaft mittlerweile hinaus”. Das ist die eine Seite; auf der anderen Seite lese ich von Menschen, denen nach Jahren plötzlich wieder die Jeans passen und die plötzlich Spaß an der Bewegung haben. Ich habe mich bisher selten dazu geäußert: Das Thema Gewicht ist sehr persönlich, ich habe keine Lust auf Grabenkriege und von mir aus soll jeder nach seiner Fasson glücklich werden. Wer mich nicht fragt, kriegt zumeist auch nichts gesagt und selbst bei meiner Meinung nach offensichtlichem Bullshit seufze ich zumeist nur innerlich und schweige. Der Mensch will ja in der Regel nicht belehrt werden und die Reaktion ist in den seltensten Fällen positiv. Dann sollen die Leute doch glauben, was sie gern glauben möchten; da bin ich mit den Jahren offen gestanden etwas resigniert.

Dieser recht lange Beitrag wird daher vor allem nicht: Anleitung zum Abnehmen. Regeln für alle. Vorschriften darüber, wer welche Figur haben sollte. Leute! Ihr wisst selbst, wie ihr euch am wohlsten fühlt und wenn ihr Menschen, die abnehmen möchten oder Kalorien zählen oder davon erzählen, dass sie zu dick sind,  grundsätzlich blöd findet, solltet ihr jetzt das Browserfenster schließen.

Selbstdiagnose: Huch, ich bin dick!

In unserer Familie bin ich ja so was wie die Fotografin. Bei allen wichtigen Ereignissen schleppe ich die große Kamera an – neulich bekam ich sogar den offiziellen Auftrag, die Taufe der Mini-Nichte festzuhalten. Das hat eine logische Konsequenz, die vermutlich die meisten Bloggerinnen kennen: Auf den meisten Fotos bin ich nicht zu sehen. Viel lieber dokumentiere ich, wie die Kinder groß werden – die sind ja auch viel niedlicher.

Umso erschrockener war ich, als ich Weihnachten 2015 die Kamera doch mal aus der Hand gab. Plötzlich war ich nämlich auch auf den Bildern. Und nicht von mir selbst möglichst vorteilhaft in Pose gesetzt. Denn natürlich war mir aufgefallen, dass ich mir dafür mittlerweile etwas mehr Mühe geben musste. Gewisse Winkel sehen einfach besser aus als andere. Oder man hält sich einfach dekorativ-unauffällig einen Puschel vors Doppelkinn. Aber auf familiären Schnappschüssen klappt das eben nicht. Und so sah ich mich damit konfrontiert:

Ein Schritt auf die Waage bestätigte: Ich kratzte langsam, aber sicher am Rand des starken Übergewichts, wenn man meinen BMI ausrechnete. Die 30 hatte ich nämlich so gerade überschritten. Hallo, Adipositas! Und da der BMI nicht mit dem Alter identisch sein sollte (naja, außer vielleicht, man ist gerade Anfang 20), sollte sich etwas tun.

Fettlogik überwinden? Nadja to the rescue!

Den Blog von Nadja Hermann lese ich schon lange: erzählmirnix. Er steht auch seit Jahren auf meiner Blogroll. Als ich angefangen habe, dort mitzulesen, war Nadja selbst noch stark übergewichtig. Also, deutlich mehr noch als ich. Wenn ich mich recht entsinne, wog sie um die 150 Kilo. Sie postete gelegentlich darüber – eher in Richtung Fat Acceptance denn kritisch. Mir war’s recht, im Grunde genommen war es mir egal, ich mochte ihren Blog eher wegen der politischen, feministischen Grundeinstellung und natürlich der Comics, die zum Lachen bringen und gleichzeitig zum Nachdenken anregen.

Irgendwann jedoch begann Nadja, auf dem Blog Artikel zum Thema Abnehmen einzustreuen. Und sie nahm ab (im Buch erfährt man, dass eine Verletzung und andere Gesundheitsprobleme der Auslöser waren). Und sie beschäftigte sich mit dem Thema, recherchierte, las Studien, las Gegenstudien, und sicherlich gibt es auch Gegen-Gegenstudien, las Bücher, Foreneinträge, Artikel. Und schließlich und endlich veröffentlichte sie ein Buch zum Thema: Fettlogik überwinden.

Aufgrund der regelmäßigen Begleitung des Themas auf ihrem Blog bekam ich das schnell mit. Trotzdem kaufte ich mir das Ebook erst, als es bei mir selbst akut wurde. Und ganz klassisch, am 1. Januar 2016, begann ich: mit dem Abnehmen. Mit der Diät? Mit der Lebensumstellung? Nahrungsumstellung? Von allem etwas, nehme ich an.

Erkenntnisse: Das nehme ich mit

Nun bin ich weder Neuling in Sachen Abnehmen (ich habe vor zehn Jahren schon einmal rund zehn Kilo abgenommen und danach mehrere Jahre mein Gewicht gehalten), noch ernähre ich mich unfassbar ungesund. Tatsächlich ist es bei mir die schiere Menge, die das Übergewicht langsam, aber sicher angefuttert hat. Ein Gummitierchen nach dem anderen, eine Portion Nudeln extra, eine große statt kleiner Pizza, und zum Überbacken die Hand großzügig in die Tüte mit dem Reibekäse.

Innerhalb von 9 Monaten verlor ich ungefähr 15 Kilo. Keine Frage wurde mir seither so oft gestellt wie: Wie hast du das gemacht? Und meine Antwort lautet stets: weniger essen, mehr bewegen. Die meisten sind dann enttäuscht. Sorry, aber das ist das ganze Geheimnis. Weniger essen, als man verbraucht. Das wusste ich auch, bevor ich “Fettlogik überwinden” gelesen habe. Und ja: So revolutionär, wie es oft dargestellt wird, ist das Buch vermutlich nicht. Es stellt im Grunde gängige Ernährungsmythen bzw. übliche Ratschläge und “Allgemeinwissen” zum Thema Gewicht nacheinander auf den Prüfstand und untersucht sie einzeln anhand von Studien. Und ich wette, jeder fühlt sich bei wenigstens einer dieser so genannten “Fettlogiken” irgendwie ertappt. Hier eine Checkliste für alle, die das Buch noch nicht gelesen haben – welchen dieser Aussagen würdet ihr zustimmen:

  • Es ist gefährlich, wenig zu essen, dann hat man keine Energie und baut Muskeln ab!
  • Im Alter nimmt man zu, weil der Stoffwechsel langsamer wird.
  • Leichtes Übergewicht ist sogar gesünder als Normalgewicht!
  • Jojo-Diäten sind viel schädlicher als Dicksein!
  • Wer mit dem Rauchen aufhört, nimmt unweigerlich zu.
  • Von Diätprodukten nimmt man zu!
  • Wer abnehmen will, sollte mehr Obst essen.
  • Kalorien zählen ist essgestört und genussfeindlich.
  • Man sollte maximal ein Pfund pro Woche verlieren.
  • Manche Menschen können nie wirklich schlank sein, dafür sind sie körperlich einfach nicht gebaut.
  • Kalorienzählen funktioniert bei mir nicht. Ich esse nur 1.000 Kalorien am Tag und nehme trotzdem nicht ab! Mein Stoffwechsel ist ruiniert!
  • Bei zu schnellem Abnehmen oder zu viel Gewichtsverlust rutscht man ganz schnell in die Magersucht.
  • Das Idealbild der dünnen Frau ist ein Phänomen unserer Zeit, früher war das ganz anders.
  • Abnehmen ohne Sport geht nicht.
  • Das Übergewichtsproblem ist überbewertet. (Das ist doch noch nicht adipös!)
  • Tägliches Wiegen ist schlecht oder sogar gefährlich.

Und? Also, ich muss zugeben, obwohl ich “weiß, wie es geht” und quasi frei Schnauze schon mal erfolgreich abgenommen hatte, hätte ich einigen dieser Sätze zugestimmt. Vor allem der Aussage, dass man langsam abnehmen soll, damit es gesund bleibt; aber auch, dass leichtes Übergewicht gesünder sei als Normalgewicht oder dass man maximal einmal in der Woche auf die Waage steigen sollte. Tja. Ich werde jetzt nicht Punkt für Punkt widerlegen, aber allen diesen Punkten (und zahlreichen mehr) widerspricht Nadja Hermann in dem Buch. Sämtliche Aussagen untermauert sie dabei mit Studien, bezieht auch Studien ein, die vermeintlich das Gegenteil beweisen, und nimmt diese Studien Schritt für Schritt auseinander, was den Aufbau und die Aussagekraft betrifft.

Jojo-Effekt und Hungerstoffwechsel: Kann man nix machen!

Zum Beispiel der Jojo-Effekt: Das weiß man doch, dass der Körper nach einer Diät froh ist, endlich wieder genug zu essen zu bekommen, und alles einlagert, was er kriegen kann. In Vorbereitung auf die nächste Hungersnot. Der Stoffwechsel fährt runter und man nimmt plötzlich viel schneller zu – gibt’s doch Studien zu und hat auch jeder schon mal erlebt, nach einer Diät wiegt man ganz schnell und quasi urplötzlich wieder mehr als vorher, obwohl man nicht anders isst.

Tja, nun. Das denkt man so. Und ja, es stimmt. Nimmt man ab, verbraucht man weniger Kalorien und kann nicht mehr so viel essen wie vorher. Zudem man ja auch schon vorher mit eben dieser Menge an Nahrung offenbar zugenommen hat, sonst wäre ja die Diät nicht nötig gewesen. Aber ja, auch abgesehen von den Kalorien, die man aufgrund von geringerer Körpermasse weniger verbraucht, benötigen laut einigen (längst nicht allen) Studien einige Menschen nach einer Diät plötzlich weniger Kalorien als erwartet. Und zwar ungefähr 50-80 täglich. Das ist nicht besonders viel. Es ist also nicht so, als dürfte man nach einer Diät keinen Apfel mehr ansehen, ohne zuzunehmen. Und selbst dieser Effekt trat nur bei Menschen auf, die bei der Abnahme völlig auf Sport verzichtet hatten. Warum der Hungerstoffwechsel Unsinn ist, wird im Buch ausführlich und nachvollziehbar erklärt.

Umsetzung: Wiegen, wiegen, wiegen oder Quantifizierung ist alles

Fettlogik überwinden” sagt dem Leser nicht, was er tun soll. Es will keine Anleitung zur Abnahme sein. Nadja erzählt von ihrem eigenen Weg und stellt ansonsten eben die üblichen Mythen auf die Probe. Daraus kann sich jeder selbst mitnehmen, was ihm weiterhilft. Mein Weg war der folgende: Ich habe Kalorien gezählt. Alle. Ich habe mir eine Mini-Waage fürs Büro gekauft und mein Mittagessen abgewogen. Ich habe beim Kochen jede Zutat einzeln auf die Waage gelegt und in die FDDB-App eingetragen. Ich hatte kein festes Kalorienziel; möglichst wenig halt, ohne zu viel Hunger zu haben (und oh Wunder, Hunger kann man manchmal aushalten, wenn man das will). An manchen Tagen war das mehr, an anderen weniger. Ich habe ganz normal auswärts gegessen, wenn es Anlässe gab; aber das Essen dort habe ich dann eben geschätzt und trotzdem in die App eingetragen. So war ich eben manchmal nur knapp unter meinem täglichen Kalorien-Gesamtumsatz und manchmal sehr viel.

Nicht nur mein Essen habe ich gewogen; auch mich selbst. Täglich. So lernte ich, dass Schwankungen ganz normal sind und konnte auch ein bisschen abschätzen, woran sie lagen. Bei bisherigen Abnahme-Aktionen hatte ich mich maximal einmal in der Woche gewogen. Das kann sehr frustrierend sein, wenn die Waage dann genau am Wiegetag einen Ausreißer nach oben hatte. Außerdem gab es mir Routine, sich halt jeden Tag draufzustellen. Wenn mir das Ergebnis gefiel, freute ich mich; wenn nicht, gab ich nicht allzu viel drum.

Die dritte Säule meines “Quantifizierungswahns” kam nach ein paar Monaten hinzu. Ich erstand nämlich günstig ein gebrauchtes Fitbit-Fitnessarmband. Yay, ein Gerät, das alle meine Bewegungen aufzeichnet und auf dubiosen Servern in den USA speichert! Was tut man nicht alles. Das Armband zählte zuverlässig meine Schritte und zeichnete meinen Sport auf. Außerdem rechnete es erstaunlich genau meinen Kalorienverbrauch aus, was natürlich fürs Zählen äußerst hilfreich war. Und das tägliche Schrittziel von 10.000 Schritten zu erreichen – und sich womöglich gar in Wettbewerben mit anderen Nutzern zu messen – hat mich enorm motiviert. Vor allem, weil ich sehen konnte, was ein Tag mit 3.000 Schritten für einen Kalorienverbraucht hat im Vergleich zu einem mit 10.000. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage: Der Unterschied ist erstaunlich. So ein paar Schritte durch die Wohnung, da erwartet man ja nix. Aber doch, es bringt etwas, definitiv. (Mittlerweile habe ich ein neues Armband, das die Kalorien weitaus ungenauer ausrechnet, aber ich kann den Verbrauch relativ zuverlässig selbst abschätzen.)

Sportlich bin ich also viel gegangen (dazu kam ja auch noch Pokemon Go in der Zeit, yay!). Und mit dem Bouldern habe ich in der Zeit angefangen. Was das so verbraucht, weiß ich aber nicht, doch Muskelaufbau kann ja schließlich auch nicht schaden und der Spaß stand dabei im Vordergrund.

Ein Fazit und zwei Sätze, die ich nicht mehr hören kann


Bis September 2016 hatte ich also 15 Kilo abgenommen. Aber in der Überschrift steht doch 20? Bin ich danach etwa auf meinen ominösen Setpoint gestoßen, ab dem es nicht mehr weitergeht? Nö, es ist viel banaler. Ich habe pausiert. Im Oktober sind wir umgezogen und danach bin ich irgendwie nicht mehr richtig in den Tritt gekommen. Wie sagt Nadja so schön? Es ist nicht schwierig, aber es ist trotzdem schwer. Ungefähr im März habe ich wieder angefangen, und seither sind wieder etwa fünf Kilo runter. Also, keine Sorge: Es klappt. Außerdem keine Sorge: Ich bin weder magersüchtig noch zu dünn, noch werde ich zu dünn, wenn ich mein Gewichtsziel eines mittleren Normalgewichts erreicht haben werde. Denn das ist einer der beiden Sätze, die ich nicht mehr hören kann – in verschiedensten Variationen: Wo willst du denn noch abnehmen? Jetzt ist es aber gut. Das reicht doch jetzt. Vor der Magersucht hat mich noch niemand gewarnt, aber hey, ich schmiere es auch nicht allen aufs Butterbrot, dass ich noch nicht fertig bin. Ich finde dennoch, das muss eigentlich niemand kommentieren. Ich sage ja auch niemandem, dass er unbedingt abnehmen sollte; wieso sollte es besser sein, jemandem zu sagen, dass er das auf keinen Fall tun sollte?

Die zweithäufigste Satzvariation kommt nach meiner Antwort auf die Frage, wie ich das denn gemacht hätte (zur Erinnerung: weniger essen, mehr bewegen). Dann kommt nämlich gefühlt in der Hälfte der Fälle eine Rechtfertigung, wieso das bei mir zwar geklappt hat, aber bei meinem Gegenüber auf keinen Fall so klappen kann: Ach, in deinem Alter geht das ja auch noch. Dafür habe ich keine Zeit. Das klappt bei mir nicht, habe ich schon probiert. Wenn das mal so einfach wäre. Das ist zu kompliziert. Das ist ja auch Typsache. Leute, echt jetzt? Ihr braucht euch nicht zu rechtfertigen. Mir ist das doch egal, was ihr wiegt. Ihr habt mit dem Thema angefangen. Allerdings ist die Hälfte von dem, was ihr sagt, durch Studien widerlegt. In der Regel habe ich aber keine Lust auf Diskussionen und steige aus dem Gespräch aus. Manchmal erwähne ich das Buch – das ich mir mittlerweile gleich zwei Mal als Printversion gekauft habe, weil ich gern darin blättere, es aber auch regelmäßig verleihe.

1000 mal Willkommen – Kopfschütteln reicht nicht

“Ganz ehrlich: So lange reihenweise Menschen, die die deutsche Sprache nicht beherrschen, Kommentarspalten im Internet mit rassistischen Kommentaren vollkotzen, können wir gar nicht genug Titelseiten haben, auf denen ‘Willkommen’ steht.” – Florian Schroeder im ZEITraffer.

Liebe Leute, genau so schaut’s aus. Flüchtlinge aus allen Ecken der Welt versuchen, Europa zu erreichen, und die Deutschen reagieren – mit Hass, Zynismus, Hetze. Egal, in welchem Online-Medium man in die Kommentare schaut, in welchen sozialen Netzwerk man die Diskussionen liest: von “Ich hab nichts gegen Ausländer, aber…” bis “Super, wieder ein paar hundert weniger” als Reaktion auf ein gesunkenes Flüchtlingsboot ist alles dabei. Das ganze Spektrum der fiesesten Fratze, des hässlichsten Gesichts Deutschlands. Und es ist gesellschaftsfähig geworden.

Wenn man nur online unterwegs ist, kann man tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass mittlerweile eine Mehrheit der Deutschen so denkt. Tatsächlich nicht mehr nur anonym, sondern völlig offen sind viele unterwegs, und sie ernten Zustimmung. Sie ernten aber auch Widerspruch, und weil das Internet nun einmal das Internet ist, entstehen daraus viel zu häufig tiefe, niveaulose Grabenkämpfe, mit Beleidigungen und Schwanzvergleichen, mit völlig absurden Argumenten und an den Haaren herbeigezogenen Statistiken auf beiden Seiten, so dass man einfach keine Lust hat, sich da jetzt wirklich einzumischen.

Aber!

Bei uns im Stadtteil wurde Anfang des Jahres ein Flüchtlingswohnheim gebaut. Und weil unser Dorf ein tolles ist, war die Reaktion, zumindest die öffentlich sichtbare, ausschließlich positiv (was beim einen oder anderen am Abendbrottisch geredet wurde, weiß ich natürlich nicht). Informationsveranstaltungen waren gut besucht, und alle wollten nur eins: helfen. Bei Treffen der ehrenamtlichen Mitarbeiter gab es nicht genügend Stühle, und die mittlerweile gegründete Kleiderkammer bittet im regelmäßigen Newsletter, von weiteren Spenden zunächst einmal abzusehen, weil es sonst zu viel wird. Wenn eine Email rumgeht, weil etwas benötigt wird, kommt eine Stunde später eine weitere, dass es bereits gefunden wurde. Die Menschen engagieren sich, die Menschen sind positiv eingestellt und heißen die Flüchtlinge willkommen, so gut es geht.

Können, wollen, dürfen wir wirklich zulassen, dass im Internet der Eindruck entsteht, uns sei es egal, was dort geschrieben wird – weil wir es schließlich in der Realität anders sehen? Dass Rassisten unter dem Deckmantel der Besorgnis lügen, dass sich die Balken biegen, ohne das jemand groß widerspricht? Dass Beleidigungen und Hetze der übelsten Sorte von anderen noch bejubelt werden? Denn ich bin mir sicher: Das ist nicht die Mehrheit. Die Mehrheit liest die Kommentare, schüttelt den Kopf und denkt sich seinen Teil (und macht sich über die häufig der deutschen Rechtschreibung nur mäßig mächtigen Autoren lustig – was nicht hilft, sorry). Während sich die Minderheit daran aufgeilt, jetzt vermeintlich das Sagen zu haben, und zur Abwechslung mal ein Flüchtlingsheim anzündet, hey, endlich mal.

“Wenn man also nicht der Meinung ist, dass alle Flüchtlinge Schmarotzer sind, die verjagt, verbrannt oder vergast werden sollten, dann sollte man das ganz deutlich kundtun, dagegenhalten, Mund aufmachen, Haltung zeigen, öffentlich an den Pranger stellen.” Anja Reschke findet ihm Tagesthemen-Kommentar großartige Worte zu diesem Thema, und zu Recht wird ihr Beitrag zahlreich geteilt. Und allein, wenn man einige Kommentare unter dem Video liest, weiß man, was sie meint.

Lutz ist übrigens auch dieser Meinung, und deswegen hat er die Aktion “1000 mal Willkommen” ins Leben gerufen. “Ich möchte den stummen (und lauten) Befürwortern eine Plattform bieten auf denen wir alle gemeinsam sagen können: ‘Herzlich willkommen – schön, dass Du da bist!'” – so stellt er die Aktion auf der zugehörigen Website vor. Gern reihe ich mich ein und sage “Herzlich Willkommen” an alle Flüchtlinge, die Deutschland erreichen und auf Hilfe, nicht auf Hetze treffen sollten.

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Mit einem coolen W für “Willkommen” und einer Begrüßung in vielen Sprachen, bei denen ich hoffe, dass Google alles richtig übersetzt hat! 😉

Natürlich reicht ein Blogpost nicht aus. Aber allein einmal zu zeigen, dass die schreienden Hetzer eben nicht die Mehrheit stellen, dafür lohnt es sich. Daher würde ich mich über jeden freuen, der sich der Aktion anschließt – auch, wenn man vielleicht sonst nicht so ein Aktionsfan ist. Auch als Nicht-Blogger kann man mitmachen und sein Bild auf der Aktionsseite hochladen (das ist, soweit ich das sehe, sogar die überwiegende Mehrheit)!

Ich fürchte, ganz ehrlich, dass mir meine Energie auch weiterhin für Kommentarschlachten auf Facebook & Co. zu schade sein wird. Aber je nach Thema schaffe ich es vielleicht doch, dem einen oder anderen zu widersprechen – einfach, damit ihm widersprochen wird. Damit niemand der Ansicht ist, er könne seine fremdenfeindlichen Botschaften ohne Gegenwehr in die Welt setzen. Und wenn jeder von uns das nur bei dem einen oder anderen Kommentar macht, bleibt vielleicht kein hetzender Satz auf Facebook unwidersprochen. Denn ich glaube nach wie vor fest daran, dass die Mehrheit der Deutschen nicht aus Rassisten und Nazis besteht, sondern dass wir, die “Gutmenschen” (diesen Begriff trage ich gern), nur einfach bislang viel zu leise sind.

Weiblich, männlich, ganz egal? #wasanderswäre

Habt ihr schon die Aktion #wasanderswäre mitbekommen? “Ich mach mir die Welt” haben dieses Blogstöckchen ins Leben gerufen, und ich finde das Thema sehr interessant. Es geht nämlich darum, was in eurem Leben anders wäre, wenn ihr mit einem anderen Geschlecht geboren worden wäret. Also in meinem Fall, wenn im Mai 1984 keine kleine Nele, sondern ein kleiner Felix auf die Welt gekommen wäre. Dazu gibt es sechs Fragen, die ich versuche, zu beantworten. Und ich entschuldige mich jetzt schon bei meiner Mutter, falls ich irgendwelche Aspekte aus meiner Kindheit falsch darstelle oder interpretiere.

Geburtskarte

Rosa, nicht hellblau wie die vom Helden: Kategorisiert schon im Krankenhaus.

 

Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann wärst?

In meiner Erziehung wurde sehr viel Wert auf Geschlechtergerechtigkeit gelegt. Ich habe immer vermittelt bekommen, dass ich alles genauso gut kann wie ein Junge/Mann, dass es eigentlich keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Ich lernte mehr Handwerk als Handarbeit, hatte niemals Barbies und habe im Kinderzimmer gleichwertig mit Matchbox-Autos und Puppen gespielt, war Fußballfan und mochte Boygroups. Ich würde mich weder als “typisches Mädchen” bezeichnen, noch würde ich sagen, dass ich das genaue Gegenteil war, wie man es häufig (oft mit einem Hauch von Stolz) hört von Frauen, die als Kind mit Autos gespielt haben. Ich war einfach ich, und ich habe meine Puppen genauso geliebt wie meine Bücher, meine Autos, meine Playmobil- und Lego-Kisten. Nur Schminken war ein Thema, mit dem ich (eigentlich bis heute) nie zu tun hatte.

Und wenn ich tatsächlich ein Junge gewesen wäre? Hätte ich dann die gleiche Erziehung bekommen, in der die Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit so eine große Rolle spielte, oder war das ein “Mädchenthema”, damit ich lerne, dass ich gleichberechtigt bin? Hätte ich auch mit Puppen gespielt, oder das doof gefunden? Ich hätte sicherlich andere Freunde gehabt (und mir sowohl in der Grund- als auch in der weiterführenden Schule einigen Zickenkrieg ersparen können), denn meine beste Freundin hätte sich in der 5. Klasse vermutlich nicht neben mich gesetzt und zu ihrer Freundin erkoren, wäre ich ein Junge.

Vielleicht hätte ich etwas anderes studiert, hätte mein Interesse für Informatik und Computerthemen mehr verfolgt. Vielleicht aber auch nicht, denn eigentlich bin ich ja nicht unglücklich mit meinem Weg – ich hatte nie das Gefühl, dass ich lieber etwas technischeres machen würde, aber nicht kann, weil ich ein Mädchen bin. Vermutlich hätte ich es beim Bewerben leichter gehabt – als junge Frau im gebärfähigen Alter ist man ja oft nicht ganz oben auf der Wunschliste. Aber das ist Spekulation, da ich nicht mit Bestimmtheit sagen kann, ob es jemals daran lag, dass ich einen Job nicht bekommen habe.

Ich wäre mit Sicherheit nicht mit dem Helden verheiratet. 😉 Aber vielleicht wäre ich mit einer anderen Person, männlich oder weiblich, glücklich. Vielleicht hätte ich schon Kinder, ohne mir über die Arbeit und Beruf so große Gedanken machen zu müssen.

Und im konkreten Alltag, wenn wir jetzt einfach mal annehmen, dass der Held eine Frau wäre und ich ein Mann? Es wäre wohl vieles ähnlich. Ich würde vermutlich nicht unbedingt das Nähen als Hobby angefangen haben, sondern mehr Xbox zocken – aber das mache ich auch. Vielleicht würde ich nicht im Chor singen, sondern in den Fußballverein gehen. Vielleicht würde ich mehr Geld verdienen. In der generellen Aufgabenverteilung im Haushalt wäre es vermutlich gleich, das ist bei uns sehr ausgeglichen. Im Büro hätte ich es vielleicht sogar schwerer, da mir die Kollegen in der Werkstatt , mehrfache Nachfragen zu technischen Themen durchaus verzeihen. Allerdings müsste ich mir vermutlich weniger Kommentare zum Thema Familienplanung anhören (definitiv aber andere, und es würde weniger vorausgesetzt, dass ich zuhause bleibe und mich um potentielle Kinder kümmere).

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Ich konnte auch ohne rosa!

 

Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau bist?

Bei Einladungen in der Küche oder beim Abräumen helfen, because that’s what you do. Ich sehe ein, dass es nur höflich ist, “Kann ich dir helfen?” zu fragen. Aber ich mache es nicht, weil ich Spaß daran habe, sondern eben, weil es sich so gehört. Das ist auch ok und ich finde es nicht schlimm, aber: Die Männer fragen das nie. Oder erst nach einem strengen Blick und Tritt unterm Tisch von ihrer Partnerin. (Disclaimer: Der Held schwört, dass das bei ihm anders ist.)

Mich an bestimmten Körperstellen rasieren und meine Haare in einer mehr oder minder weiblichen Frisur tragen (ich hasse Frisörbesuche und ich hasse es, mir zu überlegen, wie mein Haar aussehen soll. Als Mann hat man es da leichter, denke ich. Kurz und gut.)

Als Teenager hatte ich außerdem ein wahnsinniges Bedürfnis, mich zu beweisen. Meine Coolness unter Beweis zu stellen, zu zeigen, dass ich genauso viel trinken kann wie die Jungs (Spoiler: kann ich nicht), dass ich kein “Mädchen” bin, dass ich mutig bin und selbstbewusst und ganz sicher nicht schwach und “weiblich”. Urgs. Heute taucht das noch gelegentlich auf, aber ich versuche, es im Griff zu haben.

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Aber in rosa gab’s mich auch!

 

Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du eine Frau bist?

Gar keine. Das wiederum lässt sich wahrscheinlich auf die Erziehung zurückzuführen, die mich ja schließlich gelehrt hat, dass ich alles genauso gut kann wie ein Mann. Und zu einem gewissen Teil auf meine Persönlichkeit (die aber genausogut ebenfalls von der Erziehung beeinflusst sein kann, wer weiß das schon). Ich habe keine Angst, im Dunkeln allein unterwegs zu sein – diesen Satz habe ich in anderen Beiträgen am häufigsten gelesen. Ich habe einfach nie negative Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht (glücklicherweise) und sehe gar nicht ein, dass ich mich einschränken soll aufgrund diffuser Ängste und weil einige Menschen (Männer) Arschlöcher sind. Pfff. Ich denke mir immer “Je mehr ehrliche Menschen jetzt hier unterwegs sind, desto sicherer wird die Gegend.” Das habe ich mir vor allem in meiner Zeit in Düsseldorf oft gedacht, wo ich nicht im besten Viertel in Bahnhofsnähe gewohnt habe. Ich hatte drei Möglichkeiten, zum HBF zu laufen. Einen sehr langen, “sicheren” Weg, einen sehr kurzen durch einen Park und einen mittellangen, unter einer Brücke hindurch an der Drogenberatungsstelle mit Spritzenautomaten (also wie Zigarettenautomat, nur für Spritzen) vorbei. Ich bin eigentlich immer durch den Park, meine Nachbarin hat immer den langen Weg genommen und das hat mich persönlich schon irgendwie genervt, obwohl es ja wirklich nicht mein Problem war. Aber Angst ist sowieso kein vorherrschender Charakterzug meinerseits.

In der Oberstufe gab es zwei Kurse, einen mit Fußball als Schwerpunktthema und einen mit Badminton und Tanz. Im Fußballkurs waren aber ausschließlich Jungen, daher habe ich den anderen gewählt. Nunja, letzten Endes wären glaube ich beide Kurse dank ihrer Lehrer nicht die beste Erfahrung meines Lebens geworden.

Im Studium habe ich in verschiedenen WGs gewohnt, und ich hätte keine “gemischte” WG gewollt. Dafür gibt und gab es keinen sachlichen Grund, und vielleicht hätte ich es auch besser mal riskieren sollen. Im Studentenwohnheim im Auslandsjahr waren auch Jungs, und es war gar kein Problem.

 

Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Durch jedes. Erwähnte ich den Drang, mich zu beweisen? 😉 Ich kann Autofahren und Einparken, Handwerken, schwere Dinge tragen und eigentlich alles (muss da noch wer an Lotta denken?). Und was ich nicht kann, das kann ich lernen.

Im Alltag fühle ich mich persönlich aber eigentlich nicht eingeschränkt. Wenn, dann gebe ich direkt Contra, und das muss ich nicht besonders oft.

Ich mag es allerdings nicht so gern, wenn Leute sich Sorgen machen, dass ich (vor allem nachts/abends) nicht sicher nach Hause kommen könnte. Obwohl sie es alle nur nett meinen. Das würden sie vermutlich nicht machen, wenn ich ein Mann wäre.

 

Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen zu gehören.

Wenn es um körperliche Arbeit geht, hat man es als Frau leichter, diese an einen Mann abzugeben. Ich habe lange gebraucht, bis ich zugeben konnte, dass Männer nun mal in den meisten Fällen stärker sind als ich – aber nun, meine Güte, dann lass sie doch meinen Koffer tragen, die Möbel aus dem Auto schleppen oder die Einkaufstasche übernehmen. Welche Rolle spielt es, ob ich das wirklich nicht kann? Wenn’s sie glücklich macht, der starke Gentleman zu sein… Aber ich möchte bitte selbst fragen. Männer, um Himmels Willen, hört bitte auf, mir Hilfe anzubieten oder zu fragen “Sollen wir nicht lieber warten, bis XY da ist, der helfen kann?” Ich bin auch stark! Unterschätzt mich nicht, verdammt! Ja, das ist verwirrend. Ich habe nie behauptet, dass alle meine Überlegungen und Gefühle zwangsläufig logisch sind. 😉

 

Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ich möchte behaupten, die meisten in meinem Leben, glücklicherweise. Bei uns im Büro spielt das Geschlecht keine Rolle, im Haushalt bei uns spielt das Geschlecht keine Rolle (wenn man den Helden fragt, ist er für das Auto verantwortlich, weil er der Mann ist – wenn man mich fragt, dann wasche ich es deshalb nicht, weil es mich nicht interessiert und weil ich Waschstraßen etwas gruselig finde, und es ihm persönlich wichtiger ist). Ich habe es da tatsächlich ganz gut.

Für die Allgemeinheit fallen mir jetzt nicht wirklich Situationen ein, in denen das Geschlecht egal ist. In den meisten Fällen spielt es wohl schon eine Rolle. Sei es im Job, im Sport (Frauenfußball, anyone?), in der Schule oder schon im Kindergarten, im Straßenverkehr, im Restaurant, im Baumarkt, in der Buchhandlung, … Das einzige könnte eventuell der Supermarkt sein. Ja, ich glaube, im Supermarkt ist das Geschlecht nicht so wichtig. Vielleicht. Wer weiß. Man muss ja nicht gerade die Chips kaufen, die nach Geschlecht getrennt vermarktet werden…


 Inspiriert wurde ich zur Teilnahme an dieser Aktion von der lieben Nike, die die Fragen selbst sehr lesenswert beantwortet hat – und ihr Mann hat sich ebenfalls daran gesetzt, was ich super finde! Und auch ich möchte jemanden zum Mitmachen aufrufen, nämlich Katha, Jana und Steffi. Katha, weil ich einfach neugierig bin. 😉 Jana, weil sie mir auf Facebook immer wunderbare feministische Links in die Timeline spült, die ich höchst interessiert lese (das mache ich, Jana, auch wenn ich nicht immer etwas dazu schreibe!). Und Steffi, weil wir das Thema letztens gaaaanz kurz am Rande gestreift hatten (es ging um Teilzeitjobs & Co.). Ich hoffe, ihr habt Lust! Alle anderen sind natürlich auch herzlich eingeladen, mitzumachen, ich finde es sehr spannend – und ich selbst habe mir das Stöckchen schließlich auch “einfach so” gemopst, ohne direkt nominiert gewesen zu sein. 😉

“Sicher bin ich nur dahinter?” Gefährliches Radfahren in Münster.

Heute Morgen fuhr ich wieder einmal mit meinem Fahrrad zur Arbeit. Es ist reine Faulheit, dass ich mittlerweile den Weg an den Hauptstraßen entlang gegenüber dem idyllischen Feld-, Wald- und Wiesenweg bevorzuge: Er ist einen Kilometer kürzer, und über die komplette Strecke kann ich einen Radweg benutzen. Heute radelte ich an einem ellenlangen Auto-Stau vorbei, das freut mich ja heimlich immer etwas. An einer Kreuzung regelte die Polizei den Verkehr, obwohl die Ampeln alle funktionierten, und ich wunderte mich etwas.

Später klärte sich dies bei einem Blick in die Polizeimeldungen: Kaum 45 Minuten, bevor ich über die Kreuzung radelte, versuchte dies auch eine 23jährige Münsteranerin. Doch ein LKW-Fahrer, der rechts abbiegen wollte, missachtete die Vorfahrt, erfasste das Fahrrad samt Fahrerin mit seinem LKW und verletzte die junge Frau lebensgefährlich. Ein “klassischer” Abbiege-Unfall – wieder einmal. Nicht nur heute, sondern auch schon vergangene Woche, vor 14 Tagen, vor einem Monat sogar am selben Tag zwei Mal wurden Radfahrer in Münster das Opfer von abbiegenden Kraftfahrzeugen. Und ich könnte sicherlich mehr aufzählen, hätte ich Lust, das Meldungsarchiv weiter als zwei Monate zurückzudurchforsten.

In der Presse liest sich das dann so: “Dabei übersah er eine 53-jährige Fahrradfahrerin”, “Nach ersten Erkenntnissen der Polizei übersah der 56-jährige Schwetzinger die Radlerin”, “Eine 72-jährige Frau ist an der Kanalstraße von einem Lkw-Fahrer übersehen worden”. Der Hinweis auf Verkehrsbehinderungen durch den Unfall darf nie fehlen, und in manchen Fällen wird der Artikel von einer Bilderserie des zermalmten Fahrrads illustriert. Wirklich, liebe Medien? Aber darum soll es heute nicht gehen.

Spuren des heutigen Unfalls.

Spuren des heutigen Unfalls.

 

Polizei warnt Radfahrer

Im Zuge dieser viel zu zahlreichen Unfälle hat die Lokalzeitung kürzlich einen Artikel veröffentlicht, in dem die Polizei erhöhte Aufmerksamkeit fordert. Man solle aufpassen und an den toten Winkel denken. Logisch, denkt man sich, wenn man sich an die Sätze aus den vorangegangenen Artikeln erinnert, in denen das Wort “übersehen” die Hauptrolle spielt. Aber wen warnt die Polizei? Die Radfahrer. Und zwar ausschließlich die Radfahrer.

Ungelogen, ich zitiere diesen Artikel: “Mit einem Blick in die Unfallstatistik rät die Polizei Radfahrern eindringlich zu einer erhöhten Aufmerksamkeit bei abbiegenden Kraftfahrzeugen. So sind im vergangenen Jahr 23 Radler bei sogenannten Abbiege­unfällen schwer verletzt worden, wobei die Zusammenstöße mit Lkw oftmals die folgenschwersten waren. (…) In vielen Fällen wurde der Radfahrer, der zumeist parallel zur Fahrbahn unterwegs war, übersehen.” Der Radfahrer solle sich doch bitteschön darauf besinnen, dass der LKW im Zweifel stärker sei, und im Zweifel “nicht auf sein Recht beharren”.

Fassen wir zusammen: Der Radfahrer verhält sich regelkonform. Der Kraftfahrer biegt ab und hat die Pflicht, zu schauen – Stichwort Schulterblick, zumindest bei Autofahrern. Der Kraftfahrer “übersieht” den schwächeren Verkehrsteilnehmer, fügt ihm in vielen Fällen ernsthaften Schaden zu. Und wer soll besser aufpassen? Der Radfahrer. Liebe Polizei Münster, ist das dein Ernst?

 

Schuldumkehrung: Pass doch auf, wenn dir jemand die Vorfahrt nimmt!

Natürlich verstehe ich diese Warnung. Und ich beherzige sie in meinem Fahrrad-Alltag. Niemals neben Fahrzeuge an der Ampel stellen, lediglich davor oder besser noch dahinter. Was mir herzlich wenig weiterhilft, wenn ich an der Ampel bereits stehe, aber das nachkommende Fahrzeug sich neben mich stellt (fahre bzw. stehe ich weiter mittig, wird oft geschimpft und sogar gehupt). Oder wenn ich auf dem Radweg fahre. Ich gucke vor jeder Kreuzung, ob jemand abbiegt, und fahre nur, wenn ich sicher bin, dass der Fahrer mich gesehen hat – durch Blickkontakt (bei LKW schwierig, so hoch oben) oder wenn er sichtbar verlangsamt. Trotzdem bin ich letztes Jahr von einem Auto angefahren worden, in genau so einer Situation.*

Also, es ist nicht der Punkt, das Radfahrer selbstverständlich aufmerksam sein müssen im Straßenverkehr, da sie im Zweifel der schwächere Verkehrsteilnehmer sind. Niemand will auf seine Vorfahrt bestehen und im festen Glauben, im Recht zu sein, überfahren werden. In solchen Fällen wünsche ich mir übrigens laute Autohupen, damit die Kraftfahrer, die mir gerade die Vorfahrt genommen haben, das wenigstens merken und bei der nächsten Kreuzung aufmerksamer sind. Leider sind laute Hupen für Fahrräder in Deutschland verboten.

Der eigentliche Kritikpunkt, den ich an dieser Stelle anmerken möchte, ist folgender: Die Reduzierung des Warnhinweises auf die Radfahrer ist eine absolut ungerechtfertigte Schuldumkehrung, die letzten Endes den Radfahrer selbst dafür verantwortlich macht, wenn er überfahren wird. Wäre es nicht sinnvoll, die Kraftfahrer mindestens genauso, eher mehr zu Aufmerksamkeit beim Abbiegevorgang aufzufordern? Das “Übersehen” durch den Kraftfahrer ist ein aktiver Vorgang des Unfallverursachers. Nicht des Radfahrers, der hier passiv übersehen wird und auch überfahren wird. Aber die Polizei erwähnt mit keinem Wort, dass auch Auto- und LKW-Fahrer eine “erhöhte Aufmerksamkeit” walten lassen sollten. Die können ja nichts sehen. Ist ja nicht ihre Schuld. Ist eben so. Das wird nicht gesagt, jedoch eindeutig impliziert. Aber stimmt das?

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Die Unfallkreuzung. Tatsächlich warten Fahrräder hier teilweise sogar etwas vorgelagert zu den Autos.

 

Sicher bin ich nur dahinter

Der tote Winkel bei LKW und Bussen ist sicherlich ein Problem. In Münster wird dies schon seit Jahren mit der Kampagne “Sicher bin ich nur dahinter” angegangen, die Radfahrer dazu auffordert, nicht neben oder vor, sondern eben hinter großen Kraftfahrzeugen zu fahren und zu stehen. Ausgehebelt wird dies allerdings sehr schnell, wenn man von der Fahrbahn separierte Radwege hat, wie es gerade an den Hauptstraßen gängig ist. Auf diesen Wegen fühlen sich die meisten Hobby-Radler sicherer, und auch ich fahre im Grunde lieber dort als auf der Straße. Problematisch wird es auch erst an Kreuzungen, denn klar – hier fährt man als Radfahrer immer bis an die Ampel heran. Man hält ja nicht ernsthaft mitten auf dem Radweg zehn Meter vor der Ampel, weil dort ein LKW steht. Schon ist man – zack! – im toten Winkel, so schnell geht das. Statistisch sind separierte Radwege daher deutlich weniger sicher als das Fahren direkt auf der Straße, auch wenn es sich anders anfühlt. Allerdings ist in vielen Fällen das Benutzen des Radwegs Vorschrift, und selbst wenn nicht, akzeptieren Autofahrer es in der Regel kaum, wenn man trotz Radwegs auf der Straße fährt.

Es ist also ein Problem, wenn man zeitgleich an einer roten Ampel wartet und auf dem Radweg steht. Ein anderes Problem ist es, wenn es evtl. gar keine Ampel gibt oder man schon Grün hat. Meiner Ansicht nach ist es dann die Pflicht eines Kraftfahrers, zu wissen, ob ein Fahrrad auf der Strecke ist. Man hat es schließlich höchstwahrscheinlich gerade erst überholt. Selbst im Video, das die Aktion “Vorsicht Toter Winkel” zur Veranschaulichung auf ihre Webseite gestellt hat (hier ganz unten), sieht man, dass der LKW zunächst am Radfahrer vorbeifährt, um ihn dann im toten Winkel urplötzlich zu übersehen. Ganz ehrlich? Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin und weiß, dass ich gleich rechts abbiegen muss, achte ich schon weit vorher auf Radfahrer auf dem Radweg. Als Radfahrer wird man ja nicht plötzlich in den toten Winkel hineingezaubert, man war schon vorher da.

 

Lösungen sind nicht in Sicht – leider

Meiner Meinung nach gibt es mehrere Lösungsmöglichkeiten für das offensichtlich vorhandene Problem:

Sicherlich wichtig sind technische Lösungen. Zum einen gibt es die Black Spot-Spiegel, die in Münster nun schon an diversen Kreuzungen installiert wurden. Auch LKW könnte man mit weiteren Sicherheitssystemen ausstatten – mehr Spiegel, anders gestaltete Kabinen, Computersysteme oder mehr. Vieles ist in Arbeit – allein, es fehlt die Vorschrift und somit wohl auch der Wille der Unternehmen, das Geld zu investieren (der einzelne LKW-Fahrer hat vermutlich wenig dagegen, wenn es ihm das Fahren erleichtert).

Sinnvoller, aber auch erheblich teurer und schwieriger umzusetzen ist eine komplette Umstrukturierung des Verkehrsraums. Radfahrer und Kraftfahrer müssen im Prinzip gleichberechtigt zusammengelegt werden. Raum wird in unserem Verkehr viel zu selbstverständlich von Autos eingenommen.** Es macht im Grunde für jeden Verkehrsteilnehmer wenig Sinn, rechts von Rechtsabbiegern unterwegs zu sein (sehr lesenswert dazu der erste Absatz dieses Kommentars, um zu illustrieren, wie absurd das eigentlich ist). Kreuzungen, bei denen die Radfahrer ihre eigene kleine “Wartebox” eben vor den Autofahrern haben, sind ein guter Anfang. Generell sollte man aber den kompletten Rad- und Autoverkehr zusammenlegen, was ja erwiesenermaßen sicherer ist. Die Frage ist, ob dies nicht wiederum viele Hobby-Radler davon abhält, überhaupt Rad zu fahren, weil es sich eben auf der Straße rein subjektiv unsicherer anfühlt.

Bis dahin hilft eben nur eins: Aufmerksamkeit. Auf beiden Seiten – natürlich muss ein Radfahrer im Eigeninteresse besonders aufpassen. Aber meiner Meinung nach liegt die Verantwortung insbesondere auf Seiten des stärkeren Verkehrsteilnehmers. Wenn ich nicht sehen kann, ob jemand kommt, dann muss ich eben anhalten und genauer gucken. Punkt. Wenn ich einen Radfahrer kurz zuvor noch überholt habe, dann löst er sich nicht einfach in Luft auf, weil er im toten Winkel ist. Die einseitige Ermahnung an Radfahrer, sich an den toten Winkel zu erinnern, halte ich jedenfalls für unverschämt gegenüber den Opfern solcher Unfälle.

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An dieser Kreuzung gibt es einen Spiegel (keinen Black Spot-Mirror) und ein blinkendes Warnlicht, das Autos und LKW vor Radfahrern und Fußgängern warnen soll. Das hat der 23jährigen heute aber leider auch nicht geholfen.

 

Aber die Radfahrer…

Übrigens, weil es an dieser Stelle gern und häufig kommt: Ja, es halten sich nicht alle Radfahrer an die Verkehrsregeln. Aufschrei: Rüpelradler!!! Falls es euch neu sein sollte, das tun auch nicht alle Autofahrer. Das eine wie das andere hat aber überhaupt nichts mit diesem Thema zu tun – und wenn man es doch unbedingt miteinander verknüpfen möchte, dann sollte man diese britische Studie nachlesen. Dort wurde 2007 untersucht, wieso Frauen häufiger als Männer Opfer solcher Abbiegeunfälle wurden, obwohl ihr Gesamtanteil am Radverkehr viel geringer ist (übrigens, dort sind es natürlich Linksabbieger, nicht verwirrt sein). Der Grund: Frauen halten sich eher an die Verkehrsregeln, während Männer häufiger mit dem Fahrrad über rote Ampeln düsen und somit schon lange auf und davon sind, wenn der LKW losfährt. Deal with it.


* Nicht hilfreich ist es übrigens, liebe Autofahrer, wenn ihr mit unverminderter Geschwindigkeit herankommt und erst im letzten Moment recht kräftig bremst. Im Zweifelsfall bremse ich nämlich, und dann darf ich wieder von Null lostreten, und wir beide müssen länger warten.

** Ein Beispiel: “Kurzes Halten” auf dem Radweg ist eine absolute Selbstverständlichkeit für deutsche Autofahrer (in anderen Städten als Münster, beispielsweise Düsseldorf, ersetze “Kurzes Halten” durch “Dauerhaftes Parken”). Beim Abbiegevorgang auf eine größere Straße steht das Auto auf dem Radweg, geht ja auch nicht anders, sonst kann der Fahrer ja nichts sehen. Weicht der Radfahrer auf die Straße aus, weil ein Auto auf dem Radweg steht, wird gehupt und geschimpft. Wie gesagt: selbstverständliche Vereinnahmung des öffentlichen Raums durch Autofahrer.

Dieser Beitrag wird bei der Aktion “Like2Bike” von Bikelovin verlinkt.

Filmtipp: Wir sind jung. Wir sind stark.

Letzte Woche waren der Held und ich zum ersten Mal seit Jahren wieder in dem kleinen Programmkino in Münster, dem Cinema. Dort war ich zuletzt zu Studienzeiten! Wir wollten den Film “Wir sind jung. Wir sind stark.” sehen, der von den Ausschreitungen gegen ein Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhage im Jahr 1992 erzählt.

Wie alt wart ihr 1992? Ich war gerade einmal 8 Jahre alt und habe keine Erinnerung an die damaligen Geschehnisse. Natürlich wusste ich im Großen und Ganzen, was dort geschehen ist. Ein unangenehmes Kapitel der neuesten deutschen Geschichte. Etwas, worüber man nicht gern redet. Woran man nicht gern erinnert wird.

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Nun aber dieser Film. Er zeigt aus drei Perspektiven die Ereignisse an diesem einen Tag im August 1992 – nicht die Entwicklung dahin, nicht die Hintergründe, sondern chronikartig einzelne Szenen des Tages. Eine Clique Jugendliche, ohne Arbeit, ohne Perspektive. Mit Zeit, Alkohol, Frust im Bauch. Sie fühlen sich allein gelassen und werden später ganz selbstverständlich auf Seiten der Randalierer stehen. Eine junge Vietnamesin, die im sogenannten Sonnenblumenhaus wohnt. Sie hat nicht das Gefühl, dass die aufgeheizte Stimmung im Ort sich gegen sie richtet – sie geht arbeiten, hat eine Aufenthaltsgenehmigung, sie ist doch keine Asylsuchende. Zu guter Letzt ein Politiker (der einzige Schauspieler, den ich kannte: Devid Striesow), der hin- und hergerissen ist zwischen Verantwortung, Angst um die Karriere und Sorge um den Sohn.

Gerade in den heutigen Tagen kommt man natürlich nicht umhin, Parallelen zu sehen. Glücklicherweise kommt es derzeit in Dresden & Co. nicht zu Gewalt (jedenfalls nicht im größeren Ausmaß), und glücklicherweise gehen (deutschlandweit gesehen) sehr viel mehr Menschen gegen Ausländerhass auf die Straße als dafür. Aber die Sprüche klingen ähnlich. Und ich glaube, vielen geht es auch ähnlich wie den Jugendlichen im Film: keine Perspektive, Frust, und dann kommt eben jemand und sagt ihnen, wer Schuld dran ist. In einem interessanten Interview zieht auch der Drehbuchautor und Regisseur Burhan Qurbani Parallelen zwischen damals und heute, obwohl die Arbeit an dem Film bereits vor fünf Jahren, also lange vor Pegida und Co. begann: “Wie leicht Gewalt entstehen kann, wenn Menschenfeindlichkeit verbal legitimiert wird. Dort waren über Monate die Sinti und Roma beschimpft worden, die vor dem überfüllten Heim campieren mussten. (…). Einige Lokaljournalisten schrieben von berechtigtem Zorn auf die Asylpolitik. So etwas legt die Basis für den Ton einer Diskussion – und das passiert uns gerade wieder. Wir geben die Deutungshoheit über Fragen von Zuwanderung und Asyl an die „Spaziergänger“ in Dresden ab. Deren Jargon wird wieder salonfähig.”

Ich möchte euch diesen Film wirklich empfehlen. Ich kam beeindruckt aus dem Kino und der Held und ich hatten noch einiges zu bereden. Auch habe ich es selten so mucksmäuschenstill im Kino erlebt wie bei einigen der ruhigen Stellen des Films. Da wurde nicht mal laut geatmet, ich hatte den Eindruck, alle halten gerade die Luft an. Der Film ist übrigens zum größten Teil in schwarz-weiß gedreht und ich fand, das passte sehr gut.

Ich hoffe (und glaube) nicht, dass es in Dresden dieser Tage zu Ausschreitungen wie damals kommen wird. Vielmehr bin ich der Ansicht, dass Pegida sich bereits wieder auf dem “absteigenden Ast” befindet – durch Streitereien untereinander, durch Geschichten wie den Rücktritt eines Herrn Bachmann, aber auch dadurch, dass sie im politischen Diskurs einfach keine Forderungen haben, die sie sinnvoll durchsetzen könnten und dadurch, dass sie ein Sammelbecken für zu viele, teilweise absurde, Proteste geworden sind. Die Sache ist nur: Auch wenn vielleicht nicht mehr jeden Montag demonstriert sind, die Menschen sind trotzdem noch da. Mit ihren Gedanken, mit ihren rechtsextremen Tendenzen (oder mehr), mit ihren kruden Verschwörungstheorien, mit ihrer Ablehnung unserer Demokratie. Das ist ein Problem, das man dann nur nicht mehr sehen wird. Ich hoffe, es wird dadurch nicht gleich wieder vergessen – auch, wenn es ein unbequemes Thema ist.

Gedanken zum Weihnachtsfest, zum Glauben und zu Pegida

Es ist ja so: Weihnachten ist ein christliches Fest. Ich liebe Weihnachten. Aber ich bin keine Christin.

Tatsächlich bin ich nicht getauft, und ich habe eigentlich auch niemals ernsthaft darüber nachgedacht, mich taufen zu lassen. Vermutlich bin ich am ehesten Agnostikerin, oder Skeptikerin (aber normalerweise versuche ich nicht, mich in Kategorien einzusortieren). Wie Fee bin ich auch manchmal etwas traurig, dass ich nicht glauben kann – und ich habe es versucht. Und ja, ich schicke in schwierigen Momenten trotzdem Stoßgebete gen Himmel und verhandle gelegentlich in meinem Kopf mit einem Gott, an den ich eigentlich gar nicht glaube (und der ansonsten vermutlich auch nicht mit sich verhandeln ließe).

“Konsequenterweise dürfte ich Weihnachten also auch gar nicht feiern”, schreibt Fee in ihrem Blogpost weiterhin. Tja, das stimmt wohl. Aber wir tun es trotzdem. Wobei ich vermutlich mehr über Weihnachten weiß als so mancher getaufte Christ. Immerhin kann ich dank Weihnachtsoratorium das halbe Lukas-Evangelium auswendig und ich bestehe auch darauf, dass wir Weihnachten in die Kirche gehen. Weil ich die Atmosphäre mag, weil ich total gern Weihnachtslieder singe, weil mich eine gute (!) Predigt zu Tränen rühren, zum Nachdenken oder zur Dankbarkeit anregen kann. Weil es Tradition ist. Weil die Weihnachtsgeschichte dazugehört. Weil es feierlich ist und einfach schön.

Weihnachten ist die Zeit der Lichter, der Gemütlichkeit, von Glühwein und Weihnachtsfilmen, vom Zusammentreffen lieber Menschen , die Zeit leuchtender Kinderaugen und süßer Leckereien. Die Zeit, in der man an Menschen denkt, die man gern hat, und ihnen eine Freude machen möchte. Tim Minchin, australischer Komiker und bekennender Atheist, hat ein schönes Lied dazu geschrieben. Den Text findet ihr hier, mit einigen Erläuterungen, die ich sehr interessant fand.

Ich mag aber auch viele der christlicheren Gedanken hinter Weihnachten. Es ist eben nicht nur Glühwein, Konsumterror und Glitzerkugeln. Es ist auch “Nun soll es werden Frieden auf Erden, den Menschen allen ein Wohlgefallen”. Die Quintessenz von Weihnachten ist für mich, an andere Menschen zu denken. Im Kleinen umzusetzen, was an christlichen Werten eine Selbstverständlichkeit sein sollte: Nächstenliebe. Verzeihen. Helfen. Und ja, natürlich sollte man das nicht nur an Weihnachten tun, aber es ist schön, einmal im Jahr besonders daran erinnert zu werden.

Nicht alle, die sich als gläubige Christen bezeichnen (und für die das Weihnachtsfest damit sicherlich auch dazugehört), haben derzeit einen angemessenen Bezug zu diesen Werten. Zehntausende gehen gegen die “Islamisierung des Abendlandes” auf die Straßen. Sicherlich sind das nicht alles Christen, aber höchst wahrscheinlich feiern sie alle Weihnachten. Denn das wollen sie ja unter anderem retten. Ich möchte dazu keine längeren Ausführungen niederschreiben, sondern empfehle das, was andere dazu schon gesagt haben:

  • Lotte Fuchs wohnt in Leipzig und studiert in Dresden. Sie beschreibt hier ihre Gedanken zu “Pegida”.
  • Nils Bokelberg schreibt hier: “Pegida, ihr mögt ein Querschnitt aus dem Volk sein, aber ihr seid nicht das Volk. Ihr seid die Gefahr.”
  • Und diesen Beitrag, in dem Tobi Schlegl als gläubiger Moslem verkleidet auf einer Pegida-Demo Leute interviewt, habt ihr wahrscheinlich schon gesehen.

Nicht nur in der Weihnachtszeit finde ich diese “Bewegung” absolut unerträglich. Aber gerade jetzt finde ich es zynisch, auf der einen Seite die Geburt Jesu zu feiern, der nun einmal wie kein anderer nicht nur für Nächstenliebe, sondern sogar für Feindesliebe und Gewaltfreiheit steht; und im nächsten Moment “Das Boot ist voll”-Sprüche zu klopfen. “Ich bin ja kein Rassist, aber…” Dass die ersten brennenden Asylantenheime leerstanden, kann man da fast schon Glück nennen. Und was heißt eigentlich “die ersten”? “23 Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte habe es in diesem Jahr deutschlandweit gegeben”, so der Artikel in der taz. Da dreht sich mir der Magen um. Und nicht, weil ich zu viele Weihnachtsplätzchen hatte.

Fazit? So richtig gibt es keins, denn der Artikel hat sich irgendwie in eine andere Richtung entwickelt, als ich das eigentlich vorhatte. Vielleicht lest ihr euch bei einem Weihnachtsplätzchen die oben verlinkten Artikel durch und bildet euch eine eigene Meinung. Vielleicht denkt ihr an eure Lieben, aber auch an Menschen, denen es nicht so gut geht. Vielleicht denkt ihr noch mal kritisch über eure Meinung nach, bevor euch ein “Das wird man ja noch sagen dürfen” rausrutscht. Vielleicht schweigen wir nicht, sondern sagen unsere Meinung, wenn wir wieder mal irgendwo blöde Sprüche hören, ob vom Kollegen oder von der Schwiegermutter – auch wenn schweigen und sich seinen Teil denken einfacher wäre.

Und natürlich dürfen wir auch weiterhin Glühwein, Kekse und Weihnachtsfilme genießen. Schließlich ist Weihnachtszeit. Und da gilt nun einmal:

Hema: Blogger-Event oder Shoppingtour?

Vielleicht habt ihr es schon mitbekommen – auf Instagram, auf Blogs oder bei Twitter: Neulich hat HEMA zum großen Blogger-Event geladen. Natürlich habe ich die Einladung vollkommen verpasst, und so konnte ich nur noch etwas neidisch die Vorbereitungen der anderen mitverfolgen. Bis ich am Freitagmittag auf einmal eine SMS von Jutta auf dem Handy hatte. Spontan war ein Platz freigeworden – und noch viel spontaner bewarb ich mich auf diesen!

Und erstaunlicherweise war es tatsächlich so, dass ich kurze Zeit später eine Nachricht von HEMA im Postfach hatte. “Hallo Nele, toll, dass du so spontan bist!” Ich war tatsächlich dabei und freute mich riesig.

Abends fuhren Jutta, Maike, Münstermama und ich also nach Essen – wunderbar chauffiert vom Münsterpapa! Wir hatten keine Ahnung, was auf uns zukommen würde. Also, ich als absolut Unvorbereitete sowieso nicht – aber auch die anderen, die eine offizielle Einladung hatten, waren sehr gespannt, was passieren würde.

Was erwartet man sich eigentlich von einem Blogger-Event? Nun, ich kann natürlich nicht für alle sprechen, aber ich selbst freue mich in erster Linie immer darauf, andere Bloggerinnen zu treffen und mit ihnen zu quatschen. Gerne mache ich dabei auch etwas – basteln, kochen, fotografieren, essen… Bei einem Event eines Unternehmens gehe ich davon aus, dass ich etwas über das Unternehmen erfahre, dass das Unternehmen eventuell etwas Neues vorstellt, über das ich später gern im Blog berichten möchte, weil es noch nicht so bekannt ist oder weil ich total begeistert und überzeugt bin.

Unternehmen auf der anderen Seite wünschen sich Berichterstattung, die über reine Werbung hinausgeht. Emotionale Blogposts, hübsche Bilder auf Instagram. Blogger liefern das gerne – wir sind begeistert, wenn uns jemand einlädt, wir freuen uns riesig, wenn’s dann vor Ort noch hübsch aussieht, und wir loben in den höchsten Tönen, wenn’s was Leckeres zu essen gibt. Auf Instagram und Co. hagelt es dann Kommentare und Likes – “Ach, ich wäre auch so gern dabei gewesen”, “Ich bin soooo neidisch” oder “Toll, dass muss ich mir auch unbedingt ansehen” – Ziel erfüllt. Wir sind ja dankbar, wir Blogger, wir brauchen ja schließlich auch etwas, worüber wir schreiben können, und wenn man dann noch unsere liebsten Blogger-Freundinnen ebenfalls einlädt, kann man eigentlich schon nicht mehr viel falsch machen.

Zurück zum aktuellen Thema: Das HEMA-Event. Wir wussten also alle nicht, was auf uns zukommt. Vor dem HEMA in Essen trafen wir die anderen Bloggerinnen, einige bekannte Gesichter, einige neue. Freundliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen verteilten Sekt und O-Saft, blitzschnell wurde noch eine Garderobe für uns organisiert und dann trat auch schon der Geschäftsführer Norbert van der Hoeven auf die Bühne bzw. Treppe und stellte sich und das Unternehmen HEMA ein bisschen vor. Soweit war also alles ganz so, wie ich es mir erwünscht hatte. Sekt, ein paar Infos, nette Leute.

Im weiteren Verlauf des Abends waren 3 “Stationen” eingeplant: Eine Bastel-Station, eine Schmink-Station und eine Muffin-Station. Beste Voraussetzungen also für einen schönen Abend, oder? Nun ja. An den Bastel-Stehtisch passten 3 Personen gleichzeitig, und erst hinterher sagte mir eine andere Bloggerin, dass man das ausliegende Bastelsortiment wohl noch hätte ergänzen dürfen durch weiteres Material, einfach aus den Regalen. Denn mal ehrlich: HEMA hat eine wirklich super Papeterie- und Bastelabteilung, in der ich mich supergern austobe, aber auf dem Tisch lagen nur 3 oder 4 verschiedene Produkte. Am Muffin-Tisch war es meist voll, daher habe ich diesen ausgelassen – und da Schminken nicht so mein Fall ist, kann ich zu dieser Station leider gar nichts sagen.

Stattdessen haben wir was gemacht? Eingekauft. 😀 Es sollte 15% Rabatt auf das gesamte Sortiment geben, und im HEMA findet man ja immer etwas. Also haben wir uns diese praktischen rollenden Einkaufskörbe geschnappt und sind durchs Geschäft gezogen. Ich persönlich ungefähr drei Mal. Das war nett, aber nun ja, es war halt: Einkaufen. Wie zu erwarten war, wenn man mich zwei Stunden in einen HEMA steckt, war mein Einkaufskorb anschließend recht voll (wenn auch nichts im Vergleich zu einigen anderen Ladys) und mein Geldbeutel leer. 😉

Leider war es schwierig, mit den anderen ins Gespräch zu kommen. Man begegnete sich im Gang zwischen den Kuchenformen und den Küchenhandtüchern, spähte sich gegenseitig im Korb und rief mal ein begeistertes “Was hast du denn da tolles?”, gab sich gegenseitig den Tipp, dass da hinten so wunderbare Kerzen stehen, und zog dann weiter, weil man gerade in verschiedene Richtungen ging. So habe ich mit Frauke und Michaela, die ich beide unbedingt mal persönlich kennenlernen wollte, nur wenige Worte gewechselt und stattdessen weiter meinen Einkaufskorb vollgeladen. Die einzigen Gespräche kamen zustande, als man gemeinsam an der Kasse anstand oder anschließend, als wir auf der Treppe noch auf andere warteten.

Mein Fazit? Es war nett. Genau das – nett, nicht mehr und nicht weniger. Eigentlich wollte ich gar nicht darüber bloggen – weil es eben einfach nett und nicht toll war, weil es nett und nicht Mist war. Also weder ein Grund für Begeisterungsstürme noch für Wutausbrüche. Aber dann habe ich den Artikel bei Frauke gelesen und auch den bei Sandra. Und ich dachte: Es hilft ja auch keinem, wenn ich nichts darüber schreibe. Vor allem nicht HEMA selbst. Denn: Wenn man mich jetzt noch einmal einladen würde – ich würde darüber nachdenken, ob ich noch einmal Lust habe, abends einfach mal zwei Stunden einzukaufen, Rabatt hin oder her. Und das HEMA-Team hätte keine Ahnung, weshalb.

Also, was hätte man besser machen können? Ein paar Sitzplätze hätten schon viel geholfen. Wenn man sich zum Basteln oder Muffins dekorieren hätte hinsetzen können, vielleicht auch mit mehr Leuten als drei zugleich. Auch eine dauerhafte “Betreuung” des Bastelstandes hätte ich super gefunden. Dann hätte ich auch fragen können, ob ich denn vielleicht noch diesen einen Stanzer auspacken darf oder den Stempel aus dem Regal verwenden kann. Grundsätzlich finde ich nämlich das Bastel-Muffin-Schmink-Dreiergespann eine gute Sache, um fast das gesamte HEMA-Sortiment vorzustellen. In der Zukunft könnte man sich vielleicht auf bestimmte Aspekte oder Teile konzentrieren oder das ganze unter ein Thema stellen. Ein Weihnachts-Event zum Beispiel könnte ich mir super vorstellen.

So wie Sandra es berichtet, war das HEMA-Event sicherlich aus Unternehmenssicht durchaus erfolgreich. Es hat Aufmerksamkeit und Begehrlichkeiten geweckt, keine Frage. Meiner Ansicht nach war dieses Event aber keines, dass sich die meisten Besucher im Terminkalender rot anstreichen werden, um zu sagen “War das ein toller Abend – das muss ich wieder machen!” Und damit hält sich sicherlich auch die Berichterstattung in den Blogs in Grenzen – oder sollte ein verloster 50-Euro-Gutschein wirklich so ein großer Anreiz sein? Ich habe noch nicht viele begeisterte Berichte gelesen. Vielleicht irre ich mich aber auch, es ist ja nur meine ganz persönliche Meinung.

Natürlich darf man nicht vergessen, dass es das erste HEMA Blogger-Event war. Der gute Wille zählt. 😉 Und es war ja auch nicht schlecht, so kommt es hoffentlich auch nicht rüber. Es hat einfach noch viel Potential nach oben geboten! Und, wie Frauke es perfekt auf den Punkt bringt: Es fehlte einfach irgendetwas.

Eins muss ich aber nun noch loswerden: Den ganzen Abend über superfreundlich und absolut motiviert waren übrigens die HEMA-Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Ehrlich, ein großes Lob an dieser Stelle!

Facebook, Twitter und die toten Kinder

Liebe Menschen im Internet,

ich weiß nicht ganz, wie ich euch nennen soll. Ihr selbst haltet euch wahrscheinlich für “Aktivisten”. Es ist schön, dass ihr euch für Frieden im Gazastreifen einsetzt. Leider besteht eure “Aktivität” vor allem aus einem: Ihr postet online Bilder von toten Kindern. Und zwar besonders dort, wo die Menschen, die sie zu sehen bekommen, nicht damit rechnen. Auf Instagram unter dem Hashtag “#Worldcup2014”. Auf Facebook in den Kommentaren zur neuesten Folge einer Fernsehserie. Auf Twitter, wenn man sehen will, was andere zum aktuellen Formel 1-Rennen zu sagen haben.

Ich möchte das nicht sehen. Das hat nichts damit zu tun, dass ich meine Augen vor dem Thema verschließe, oder dass ich keine Ahnung habe. Ich möchte keine Bilder von toten Kindern sehen. Und wenn, dann möchte ich, dass man mir die Wahl lässt, und mir nicht völlig unvorbereitet ein Bild unter die Nase hält, bei dem einem Dreijährigen der halbe Schädel fehlt.

In der vergangenen Nacht bin ich um 3 Uhr aus einem Albtraum hochgeschreckt. Sofort hatte ich wieder die Bilder vor Augen. “Da siehst du mal, wie es die Menschen vor Ort erleben”, werdet ihr sagen, “Wieso soll es dir besser gehen?” und vielleicht werdet ihr denken, dass ihr euer Ziel erreicht habt: Dass ich nachts um 3 in meinem gemütlichen, sicheren Bett an tote Kinder im Gaza-Streifen denke. Nun, da bin ich anderer Ansicht. Den Menschen im Krieg hilft es kein Stück, dass ich nachts nicht schlafen kann. Niemandem auf der Welt hilft es, wenn ich nachts nicht schlafen kann. Und meiner Ansicht nach sollte niemand, der es nicht muss, solche Bilder sehen (im Optimalfall sollte überhaupt niemand sie sehen, weil sie gar nicht erst entstehen; aber das ist nicht das, worüber ich heute schreiben möchte).

Bei mir rufen solche Aktionen folgende Reaktionen hervor: Ich bin verärgert. Ich fühle mich schlecht. Ich schließe das Browserfenster. Verärgert bin ich dann nicht über den Krieg im Nahen Osten, sondern über denjenigen, der meinte, meine Freude über ein Fußballspiel damit zerstören zu müssen. Das schlechte Gefühl lässt von Mal zu Mal nach – man stumpft ab. Man sollte nicht abstumpfen, wenn man solche Bilder sieht, aber das Browerfenster schließe ich inzwischen nur noch bei den wirklich drastischen Bildern (und falls jemand solche Bilder noch nicht gesehen habt – seid erstens froh und glaubt mir zweitens, dass es auch hier noch besonders drastische Bilder gibt). Merkt ihr was?

Niemand hat etwas davon. Ihr macht mir ein schlechtes Gewissen, allein dafür, dass ich hier lebe. Wofür ich übrigens jetzt schon ausgesprochen dankbar bin, ohne dass man mir bildlich zeigt, wie es mir anderswo gehen könnte. Ihr seid ungefähr so hilfreich wie Eltern, die ihren Kindern am Esstisch sagen: “Und in Afrika hungern die Kinder!” Wenn euer Beitrag zur Lösung des Gaza-Konflikts darin besteht, diese Fotos unvorbereiteten Internetnutzern unter die Nase zu halten, wie soll dann meiner aussehen? Soll ich die Bilder teilen? Was wollt ihr?!

Außerdem: Woher stammen diese Bilder überhaupt? Ihr ward doch nicht selbst vor Ort, um sie zu schießen. Dies sind reine Propaganda-Bilder! Woher sie kommen, ist euch völlig egal. Ob sie echt sind, ob sie schon Jahre alt sind oder aus einer ganz anderen Region stammen – Hauptsache, sie schockieren und man kann damit emotional manipulieren.

Lasst es euch gesagt sein: Das Bild eines toten Kindes bringt niemanden dazu, seine Meinung zu ändern. Wir alle wissen, dass es falsch ist, Kinder zu töten (und die meisten von uns sind der Ansicht, dass dies nicht nur für Kinder gilt). Die israelische Armee wird nicht plötzlich auf so ein Bild stoßen und sagen “Oh, ach, upps, das war uns gar nicht klar, wir hören sofort auf”. Außerdem ist es generell eher kurz gedacht, denn dass ihr diese Bilder postet, spielt ja auch der Hamas enorm in die Hände, die davon profitieren, dass “Israel den Medienkrieg schon verloren hat” und die Mehrheit der Medien sich gegen Israel stellt. Derselben Hamas, die diese toten Kinder mindestens billigend in Kauf nimmt, indem sie Zivilisten verbietet, angekündigt bombardierte Häuser zu verlassen.

Also: Der Krieg ist schlimm. Jeder Krieg ist schlimm. Und ja, vielleicht sollten wir uns mehr mit dem Thema beschäftigen. Das heißt aber nicht, dass wir nicht mehr glücklich sein dürfen, keinen Spaß mehr haben dürfen. Denn dann dürfte man nie wieder Spaß im Leben haben – irgendwo passiert immer gerade etwas Schreckliches, so traurig das auch ist. Einen Facebook-Post über jegliches positive Thema mit einem toten Kind zu kommentieren (“Während ihr hier feiert, sterben dort übrigens unschuldige Kinder!!!!!!!”), ist einfach pervers. Diese Bilder retten nicht die Welt. Diese Bilder sorgen lediglich dafür, dass ich morgens von 3 bis 4 Uhr wachliege und in Gedanken einen ausgesprochen eloquenten Blogpost verpasse (den ich jetzt, am nächsten Tag, deutlich weniger eloquent niedergeschrieben habe) und mich über euch aufrege.

Verbindliche Grüße. Bitte hört auf.

Besser leben

Eigentlich versuche ich immer, ein “gutes Leben” zu führen. Das versuchen vermutlich alle Menschen, auch wenn sie alle andere Maßstäbe dafür haben. “Gut”, das heißt so im großen und ganzen für mich: Gesund leben. Der Umwelt nicht schaden. Anderen Menschen nicht schaden. Das war es auch schon. Klingt doch eigentlich ganz einfach, oder?

Als ich in meine erste eigene Wohnung gezogen bin, war eine meiner ersten Amtshandlungen, Ökostrom zu beziehen. Ich wollte das schon vorher, aber konnte meine WG-Mitbewohnerin nicht überzeugen. Seither bin ich (und sind wir auch seit dem Umzug wieder) zufriedene Kunden von Naturstrom, und ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob wir da so viel mehr bezahlen, denn um sowas kümmert man sich sowieso viel zu selten und das ist in diesem Fall vielleicht sogar ein Segen. 😉

Seit wir die Biokiste haben, esse ich definitiv mehr Obst und vielleicht auch mehr Gemüse. Leider bin ich mit unserem derzeitigen Anbieter nicht sehr zufrieden (es ist zwar Öko, aber nicht regional und saisonal). Und ebenfalls leider wird uns immer wieder Obst und Gemüse aus der Biokiste schlecht, weil wir es einfach nicht essen. Aber der Ansatz ist da und ich überlege derzeit, den Anbieter zu wechseln – es gibt zum Glück zwei in Münster (falls einer meiner Leser Kunde ist, bitte Erfahrungen unten niederschreiben!).

Ich versuche immer, “politisch korrekt” zu sein, gerate ab und zu in Konflikt mit meinen Mitmenschen darüber, was man so sagen darf und was nicht, fordere gleiche Rechte für alle, probiere auf dem Laufenden zu bleiben, gehe selbstverständlich wählen, vermeide Kik & Co. (kaufe aber trotzdem bei C&A, H&M undwiesiealleheißen…), fahre mit dem Fahrrad zur Arbeit, lasse im Supermarkt Leute mit weniger Teilen vor und stehe im Bus für ältere Menschen auf, versuche generell freundlich und höflich und interessiert zu sein, ich fliege nur ungefähr alle 2 Jahre irgendwo hin, wenn’s hoch kommt. Insgesamt versuche ich nach dem Motto “Be the change that you want to see in the world” zu leben, das angeblich ein Zitat von Ghandi ist. Jede Menge Pluspunkte, könnte man meinen!

Es gibt aber auch noch viel zu viele Punkte, die mich irgendwie stören.

  • Ich bin Kundin einer Direktbank. Das gefährdet doch sicherlich Arbeitsplätze in der Region? Oder noch besser wäre vielleicht eine nachhaltige, total korrekte “Ökobank”, die nur in “ethisch korrekte” Fonds investiert? Mir machen vor allem die Arbeitsplätze Bauchschmerzen, so wie generell die Verlagerung von allem ins große weite Internet. Allerdings hat mir selbst der hiesige Volksbank-Filialleiter kürzlich bestätigt, dass wir bei unserer Bank hervorragende Konditionen haben, bei denen er nicht mithalten kann.
  • Konsum. Wir kaufen zu viel Zeug. Definitiv. Natürlich auch wieder im Internet. Und das dann auch noch bei Amazon – wir sind sogar Prime-Mitglieder. Urgs. Aber wir tun es trotzdem. Es ist günstig, und es ist bequem.
  • Fleisch. Wir essen es. Und ja, wir kaufen es im Supermarkt. An der Fleischtheke. Ist das besser als aus der Kühltheke? Es ist kein Bio-Fleisch, und wir essen es sicherlich auch viel zu häufig (vor allem, wenn man die Wurst mitrechnet). Fleisch ist mäßig gesund, sehr schlecht fürs Klima und von den Tieren selbst wollen wir mal gar nicht sprechen.
  • Andere Bloggerinnen machen sooo viel selbst. Backen Brot, halten Hühner, upcyceln, machen Käse, basteln und nähen und stricken (was ich supergern könnte!) wie die Verrückten, haben dabei noch Kinder und kochen super-abwechslungsreich. And I’m just sitting here watching Doctor Who… Bei uns gibt’s Dr. Oetker-Backmischungen, Cola und XBox-Spiele.

Zum Konsumthema hat Nike kürzlich einen lesenswerten Beitrag geschrieben. Und ich finde alle ihre Vorschläge super (und habe mittlerweile auch den empfohlenen Film angeschaut), vor allem den mit dem Haushaltsbuch: “Führt für ein, zwei Monate Haushaltsbuch. Penibel. Schreibt alles auf. ALLES. Auf A4 Seiten. Die führen es einem besonders brutal vor Augen. Markert am Ende des Monats alles an, was es echt nicht gebraucht hätte. Ruhig diese Ausgaben auch mal aufaddieren.”  Trotzdem werde ich das meiste davon wahrscheinlich nie umsetzen. Auf der einen Seite ist da der Aufwand und der eigene Schweinehund. Auf der anderen der Held, der ein großer Sammler ist und recht viel kauft. Davon habe ich mich etwas anstecken lassen, muss ich zugeben.

Das ist überhaupt das Thema, weshalb ich viele Sachen schwierig umzusetzen finde: Ich wohne ja nicht alleine hier. Und nur weil ich plötzlich zu der Einsicht gekommen sein sollte, dass Fleisch essen doof ist, will ich das doch dem Helden nicht aufdrängen. Ich glaube nicht, dass er da jemals mitmachen würde (wobei er kürzlich, vor die Wahl gestellt, das vegetarische von zwei Kochbüchern ausgesucht hat). Ob ich vielleicht doch mal Jonathan Safran Foer lesen sollte? Ich traue mich nicht so richtig, ehrlich gesagt.

Langer Rede kurzer Sinn? Am Ende steht für mich die Erkenntnis, dass meine “Pro-Liste” doch schon mal gar nicht so schlecht aussieht. Die großen Themen sind wohl Fleisch und Konsum, und da kann ich dran arbeiten. An mir selbst. Mein erstes Ziel ist: Weniger online bestellen, mehr lokal kaufen. Was zwangsläufig zu “weniger kaufen” führen sollte, weil ich nicht für jeden Pups in die Stadt fahre oder zufällig Dinge sehe, die im Angebot sind. Mein zweites Ziel: eine vegetarische Woche, was die Hauptgerichte betrifft für uns beide und ansonsten nur für mich (wenn der Held auf Wurst zum Frühstück verzichten will, kann er das natürlich tun – mal sehen, wie er das so möchte).

Was gehört für euch zu einem “guten” Leben dazu? Was bereitet euch Bauchschmerzen, wo habt ihr Tipps für mich?

…die schwarz-weiß-grüne Fahne in der Hand!

Als Kind/junger Teenie war ich großer Fußballfan. Ich weiß gar nicht mehr so recht, wie das passiert ist – in der Familie gab es eigentlich keine besondere Begeisterung für Fußball, aber in der Schule war das Thema ganz groß. Jedenfalls sammelte ich zusammen, was ich mir so leisten konnte. Auf jedes T-Shirt, jede Mütze mit Vereinslogo war ich äußerst stolz, der Schal hing mir fast ständig um den Hals und das absolute Highlight war das schönste Trikot aller Zeiten, das irgendwann unter dem Weihnachtsbaum lag. Ich habe es heute noch. Im Stadion war ich in dieser ganzen Zeit glaube ich ganze zwei Mal – aber jedes Spiel habe ich am Radio verfolgt, die Zeitungsartikel ausgeschnitten und an meine Zimmerwand gehängt (!) und emotionale Tagebucheinträge darüber verfasst.

(Achja, und ich kann heute noch darüber schimpfen, dass Michael Tarnat vom FC Bayern damals im DFB-Pokalfinale vor 15 Jahren unseren Stürmer Bachirou Salou fies foulte und deswegen, nur deswegen der MSV verlor, obwohl er zur Halbzeit schon 1:0 führte und eindeutig besser war. Jawollja, so war das! Das hat uns Duisburger so stark traumatisiert, dass es Leute gibt, die darüber heute noch bei YouTube Videos hochladen.)

Irgendwann flaute meine Leidenschaft für den Fußball aber ab – ich war wohl zu sehr mit Schule, der großen Liebe und anderen Dingen beschäftigt. Geblieben ist eine gewisse Sympathie für den Sport und das Gefühl, immer ein bisschen zur Heimatmannschaft halten zu müssen. Womit ich nicht nur meine alte Heimatmannschaft von damals meine, sondern meine stets aktuelle. Und so freue ich mich über jeden Sieg vom MSV Duisburg, der Fortuna aus Düsseldorf und jetzt eben Preußen Münster, obwohl das alles nicht so die Top-Vereine sind.

Ein Freund von uns hingegen geht regelmäßig zu Preußen ins Stadion. Für die DFB-Pokalspiele bekam er Tickets von der Arbeit und so waren auch der Held und ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder in einem Fußballstadion zu Besuch! Beim ersten Spiel vor einigen Wochen klappte das ganz hervorragend und Preußen Münster besiegte den FC Sankt Pauli mit 1:0, was zur Folge hatte, dass wir diese Woche wieder zu einem Spiel durften: Preußen Münster spielte wie schon im letzten Jahr in der 2. Runde gegen Augsburg.

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Also fix ins schwarz-weiß-grüne Outfit geschmissen und auf ins Preußenstadion! Tatsächliche Fan-Artikel besitze ich leider keine, aber da Grün eine meiner Lieblingsfarben ist, bestand zumindest bei der Kleidung genügend Auswahl.

Dieses Mal lief es nicht so rund wie beim letzten Spiel. Auch wenn wir vor dem Anpfiff noch guter Dinge waren:

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Hinterher sah das mit den großen Pappschildern übrigens so aus. Ich war ja wie schon beim ersten Mal fasziniert von dieser Fan-Choreographie, die zum Einlauf der Mannschaft ins Stadion gestartet wurde. Plakate bzw. beim letzten Mal Fahnen wurden verteilt und vorn auf dem Zaun saß dann ein Megaphon-Mensch und wies uns an, wann wir die Dinger hochhalten mussten und wie lange. Ich habe ein Video gesehen vom letzten Mal (von diesem Mal habe ich keins gefunden) und es sah wirklich toll aus, man selbst sieht es ja leider nicht! Darüber, dass so etwas ja vorbereitet und koordiniert werden muss, habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, wenn ich Fans im Fernsehen gesehen habe. Aber es wird gemacht, und zwar nicht vom Verein, sondern von Fans.

Diese Fans waren es dann auch, die während des Spiels richtig Stimmung verbreiteten. Leider waren sie in der absoluten Minderheit. Natürlich war beim DFB-Pokalspiel das Stadion viel, viel voller als sonst – wir beispielsweise waren ja auch absolute Newbies und sind sonst nie da. Und so standen eben die meisten Besucher um uns herum und guckten. Ich fand es ganz, ganz furchtbar. Rechts von uns die Ultras, die durchgehend vom Anfang bis zum Ende sangen, Fahnen schwenkten und ihre Mannschaft anfeuerten. Na gut, zwischendurch stieg auch ein bisschen grüner Rauch auf und es wurden Ermahnungen über die Lautsprecher abgegeben. Aber das war immer noch hundert mal besser als die Menschen links von mir, die wie Fische waren und nicht einmal mitgebrüllt oder gesungen haben (und es sah ehrlich gesagt sehr cool aus).

Es ist nicht so, als hätte ich die Lieder vorher gekannt. Aber nach 2-3 Wiederholungen kann ich mir durchaus merken, dass wir gerade “Ale, ale, Preußen Münster ale” rufen oder zum 100. Mal wiederholen “Wir ziehen durch das Land, wir ziehen durch das Land, die schwarz-weiß-grüne Fahne in der Hand”. Stattdessen wurde sich um mich herum darüber beklagt, dass man wegen der Fahnen gelegentlich nicht alles vom Spiel sehen konnte. Ähm. Hallo? Wir sind im Stadion? Da schwenkt man Fahnen, singt und grölt? Wer jede Minute sehen will und zwischendurch eine Nahaufnahme und Zeitlupe braucht, sollte sich das Spiel vor dem Fernseher angucken. Ins Stadion gehe ich wegen der Atmosphäre. Meine Meinung jedenfalls.

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Natürlich hat Preußen Münster an diesem Abend auch 0:3 verloren, was der Gesamtstimmung sicherlich nicht zuträglich war. Aber auch beim letzten Spiel war ich jetzt nicht unbedingt berauscht von diesen “Fans”. Dieses Mal stand ich aber wirklich da, sang als einziger weit und breit lauthals mit den Ultras mit und beschwerte mich zwischendurch beim Helden über die mangelnde Begeisterung um mich herum… Ich fand es einfach deprimierend. Der Held meinte schon, nächstes Mal gibt er mich einfach vor Spielbeginn bei den Ultras ab: “Hier, die Kleine möchte auch mal mitsingen!” Die waren aber auch wirklich die einzigen, die richtig Stimmung gemacht haben!

Kurz habe ich hinterher mit dem Gedanken gespielt, jetzt häufiger zum Fußball zu gehen. Mir macht das Anfeuern im Stadion wirklich sehr viel Spaß und die stummen Fisch-Fans sind ja sicherlich bei den normalen Ligaspielen sowieso nicht da, und so eine kleine Mannschaft kann jeden Unterstützer gebrauchen. Aber sind wir mal ehrlich, auch wenn ich da durchaus in Euphorie verfallen kann, so finde ich es tief in meinem Herzen doch immer noch etwas seltsam, Spielern zuzujubeln, die nach einem Jahr sowieso wieder weg sind, und unfassbar unkreative Schmäh-Schlachtrufe wie “Scheiß Sankt Pauli!” wollte ich schon beim letzten Mal nicht mitbrüllen. Daher bleibe ich bei meiner anderen Freizeitaktivität: Beim Chor darf ich auch singen, jede Woche, und werde zwischendurch nicht davon unterbrochen, dass ein Tor gefallen ist. 😉