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Filmtipp: Wir sind jung. Wir sind stark.

Letzte Woche waren der Held und ich zum ersten Mal seit Jahren wieder in dem kleinen Programmkino in Münster, dem Cinema. Dort war ich zuletzt zu Studienzeiten! Wir wollten den Film “Wir sind jung. Wir sind stark.” sehen, der von den Ausschreitungen gegen ein Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhage im Jahr 1992 erzählt.

Wie alt wart ihr 1992? Ich war gerade einmal 8 Jahre alt und habe keine Erinnerung an die damaligen Geschehnisse. Natürlich wusste ich im Großen und Ganzen, was dort geschehen ist. Ein unangenehmes Kapitel der neuesten deutschen Geschichte. Etwas, worüber man nicht gern redet. Woran man nicht gern erinnert wird.

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Nun aber dieser Film. Er zeigt aus drei Perspektiven die Ereignisse an diesem einen Tag im August 1992 – nicht die Entwicklung dahin, nicht die Hintergründe, sondern chronikartig einzelne Szenen des Tages. Eine Clique Jugendliche, ohne Arbeit, ohne Perspektive. Mit Zeit, Alkohol, Frust im Bauch. Sie fühlen sich allein gelassen und werden später ganz selbstverständlich auf Seiten der Randalierer stehen. Eine junge Vietnamesin, die im sogenannten Sonnenblumenhaus wohnt. Sie hat nicht das Gefühl, dass die aufgeheizte Stimmung im Ort sich gegen sie richtet – sie geht arbeiten, hat eine Aufenthaltsgenehmigung, sie ist doch keine Asylsuchende. Zu guter Letzt ein Politiker (der einzige Schauspieler, den ich kannte: Devid Striesow), der hin- und hergerissen ist zwischen Verantwortung, Angst um die Karriere und Sorge um den Sohn.

Gerade in den heutigen Tagen kommt man natürlich nicht umhin, Parallelen zu sehen. Glücklicherweise kommt es derzeit in Dresden & Co. nicht zu Gewalt (jedenfalls nicht im größeren Ausmaß), und glücklicherweise gehen (deutschlandweit gesehen) sehr viel mehr Menschen gegen Ausländerhass auf die Straße als dafür. Aber die Sprüche klingen ähnlich. Und ich glaube, vielen geht es auch ähnlich wie den Jugendlichen im Film: keine Perspektive, Frust, und dann kommt eben jemand und sagt ihnen, wer Schuld dran ist. In einem interessanten Interview zieht auch der Drehbuchautor und Regisseur Burhan Qurbani Parallelen zwischen damals und heute, obwohl die Arbeit an dem Film bereits vor fünf Jahren, also lange vor Pegida und Co. begann: “Wie leicht Gewalt entstehen kann, wenn Menschenfeindlichkeit verbal legitimiert wird. Dort waren über Monate die Sinti und Roma beschimpft worden, die vor dem überfüllten Heim campieren mussten. (…). Einige Lokaljournalisten schrieben von berechtigtem Zorn auf die Asylpolitik. So etwas legt die Basis für den Ton einer Diskussion – und das passiert uns gerade wieder. Wir geben die Deutungshoheit über Fragen von Zuwanderung und Asyl an die „Spaziergänger“ in Dresden ab. Deren Jargon wird wieder salonfähig.”

Ich möchte euch diesen Film wirklich empfehlen. Ich kam beeindruckt aus dem Kino und der Held und ich hatten noch einiges zu bereden. Auch habe ich es selten so mucksmäuschenstill im Kino erlebt wie bei einigen der ruhigen Stellen des Films. Da wurde nicht mal laut geatmet, ich hatte den Eindruck, alle halten gerade die Luft an. Der Film ist übrigens zum größten Teil in schwarz-weiß gedreht und ich fand, das passte sehr gut.

Ich hoffe (und glaube) nicht, dass es in Dresden dieser Tage zu Ausschreitungen wie damals kommen wird. Vielmehr bin ich der Ansicht, dass Pegida sich bereits wieder auf dem “absteigenden Ast” befindet – durch Streitereien untereinander, durch Geschichten wie den Rücktritt eines Herrn Bachmann, aber auch dadurch, dass sie im politischen Diskurs einfach keine Forderungen haben, die sie sinnvoll durchsetzen könnten und dadurch, dass sie ein Sammelbecken für zu viele, teilweise absurde, Proteste geworden sind. Die Sache ist nur: Auch wenn vielleicht nicht mehr jeden Montag demonstriert sind, die Menschen sind trotzdem noch da. Mit ihren Gedanken, mit ihren rechtsextremen Tendenzen (oder mehr), mit ihren kruden Verschwörungstheorien, mit ihrer Ablehnung unserer Demokratie. Das ist ein Problem, das man dann nur nicht mehr sehen wird. Ich hoffe, es wird dadurch nicht gleich wieder vergessen – auch, wenn es ein unbequemes Thema ist.