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Abend

Ich wollte gerade schon ins Bett gehen. Der Laptop in der Küche war aber noch an, ich füllte mein Wasserglas noch einmal am Hahn auf und öffnete die Balkontür, um etwas Luft hineinzulassen. Das Fenster mit meinem letzten Eintrag war noch geöffnet…

Ich sitze hier am Küchentisch, die kühle Luft strömt herein und ich fühle mich eigentlich ganz friedlich. Wenn ich nach rechts in Richtung Küchenzeile sehe, blicke ich auf ein fast ebenso großes Chaos wie heute früh. Doch ich weiß, dass ich seit dem Morgen sämtliches Geschirr weggespült habe, ein riesengroßes Kartoffelbrot sowie niedliche kleine Quarkbrötchen gebacken habe. Ich habe auch die Wäsche aufgehängt, mit meinem Helden zwei Folgen Akte X geschaut, ein gutes Stück in meinem Buch gelesen und bin einkaufen gewesen (nein, die Reihenfolge stimmt natürlich nicht).

Letzten Endes ist ein Tag meistens gar nicht komplett gut oder schlecht. Meistens muss ich mich einfach nur zwingen, anzufangen, um dann auch irgendwann fertig zu werden. Die Tatsache, dass ich so viel Zeit habe, führt im Grunde häufig dazu, dass ich sie sehr viel schlechter nutze. “Früher” habe ich ja auch einen Haushalt geführt UND bin arbeiten gegangen. Na gut, das war anstrengend, aber machbar. Heute habe ich dann oft so ein Gefühl “Mach ich es jetzt nicht, mach ich es halt später” und das ist doch auf Dauer sehr unbefriedigend.

Daher wohl auch meine plötzlichen Putz-, Organisier- und immer öfter auch Backanfälle. Naja, schaden kann’s ja nicht. 😉

Gute Nacht. Ich werde die friedvolle, stille Küche jetzt alleinlassen, mir die Zähne putzen und mich in den kuschligen Winterschlafanzug, den ich gestern aus dem Schrank geholt habe, packen und dann ganz, ganz leise ins Schlafzimmer schleichen, um meinen Helden nicht zu wecken, der morgen wieder fleißig arbeiten muss.

Gute Tage, schlechte Tage

Im Moment schwankt meine Tagesform ganz enorm. Ich habe viele gute Tage, aber ich habe auch viele schlechte Tage. Heute ist ein besonders energieloser Tag. Ich sitze hier herum und mir ist ein bisschen schlecht von den Fertigcannelloni, die es zu Mittag gab. Mein Held ist arbeiten und ich bin den ganzen Tag allein, da habe ich keine Lust zu kochen. Die Cannelloni waren ganz lecker, wenn man sie nicht angeschaut hat, denn sie sahen aus, als seien sie mit Sägespänen gefüllt…

Jedenfalls habe ich mir doch so viel vorgenommen für heute. Ich muss noch Wäsche aufhängen (eigentlich meine liebste Haushaltsbeschäftigung), fertig spülen (nicht einmal das schaffe ich “am Stück” – ich brauche Pausen) und ein Brot backen, und eigentlich wollte ich auch noch Brötchen zum Abendbrot machen. Das ist nicht viel, aber es türmt sich vor mir auf wie ein riesiger Berg.

Bald habe ich ein Vorstellungsgespräch. Ich habe beim Schreiben der Bewerbung einen kurzen Blick auf die Firmenhomepage geworfen und weiß ganz grob, was die Firma so tut. Seit Dienstag weiß ich von dem Termin und ich kann mich beim besten Willen nicht aufraffen, mich genauer zu informieren. Mir fehlt die Kraft für alles. Eigentlich möchte ich den ganzen Tag nur am Küchentisch sitzen. Der Sessel im Wohnzimmer wäre auch okay.

Die halbe Zeit bin ich kurz davor, in Tränen auszubrechen. Ich fühl mich nicht gut. Alles ist so anstrengend. Wozu das alles? Heute ist ein schlechter Tag.

Alternativen

Ja, ich rede viel über Jobsuche & Co. im Moment. Heute könnte ich zum Beispiel erzählen, dass mich der nicht kommende Anruf nach dem Vorstellungsgespräch so genervt hat, dass ich voller Elan die nächste Bewerbung geschrieben und verschickt habe. Oder dass mein Held nächste Woche 30 wird und immer noch keine Stelle hat. Es wäre seine erste, wohlgemerkt.

Ich könnte aber auch den Kopf hochnehmen, die Brust rausstrecken und weiterlaufen. Ich könnte mich über den nahenden Frühling freuen, mit Krokussen, die am Straßenrand schon blühen, und strahlend blauem Himmel (leider soll es heute schon wieder schneien). Ich könnte mich darüber freuen, dass heute Freitag ist und somit so gut wie Wochenende. Darüber, dass wir am Wochenende gar nichts vorhaben außer faul sein und unsere gemeinsame Zeit genießen. Ich könnte mich auf die Hochzeit meiner Schwägerin-in-spe freuen und auf den 50. Geburtstag meiner Zweit-Mama, ich könnte mich darüber freuen, dass ich endlich mal wieder Ahoj-Brause gekauft habe und Waldmeister immer noch besonders gut schmeckt. Ich könnte mich auf den Geburtstag meines Helden und seine tollen Geschenke freuen, von denen ich auch etwas habe.  😉  Ich könnte mich auf seine Geburtstagsfeier freuen und darauf, dass wir endlich mal wieder in seine Heimatstadt fahren und die Familie besuchen. Ich könnte mich auf die nächste Folge einer spannenden TV-Serie freuen und auf die nächste Chorprobe.

Es gibt immer Alternativen, und an der blöden beruflichen Situation zu verzweifeln oder nur immer darüber nachzudenken, bringt ja überhaupt nichts. Solange man trotzdem daran arbeitet, sie zu verändern – Kopf hoch, Brust raus, weiterlaufen – kann man sich gedanklich genauso gut mit anderen Dingen beschäftigen. Also los!