Queen of the Fahrradschlüssel

Meine spezielle, geheime Superkraft: Niemand mag mein Fahrrad klauen. Münster, Hauptstadt des Fahrraddiebstahls zumindest in Westdeutschland, will meine Fahrräder offenbar nicht. Das ist ganz gut, denn ich kombiniere diese Superkraft mit einer großen Schwäche: Ich bin nicht in der Lage, mein Fahrrad regelmäßig abzuschließen.

Tatsache ist, dass mein Fahrrad zwar in der Regel abgeschlossen sein sollte, wenn ich mich nicht in seiner Nähe befinde. Doch oft, wenn ich denke, ich hätte das auch getan, entpuppt sich dieses “hätte” als Bestandteil des so passenden “hätte, hätte, Fahrradkette” und somit als Irrglaube meinerseits. Man sollte meinen, als tägliche Radfahrerin hätte ich eine gewisse Routine entwickelt… Schließlich parke ich mein Rad von Montag bis Freitag täglich an der gleichen Stelle. Doch offenbar gibt es da eine Synapse in meinem Gehirn, die ab und zu ausfällt.


Zu Beginn meiner Karriere als Königin der unabgeschlossenen Fahrräder* sorgte das regelmäßig dafür, dass ich in Panik verfiel, wenn ich mein Rad wiederum aufschließen wollte. Wo zum Kuckuck war mein Fahrradschlüssel? Hektisch wurden Taschen durchwühlt, Oberkörper abgetastet (in der Regel nur mein eigener), Schubladen aufgerissen. Das habe ich sogar vor viele, vielen Jahren mal im Blog dokumentiert – das war 2010! Mittlerweile läuft das ungefähr so ab: “Oh, wo ist denn mein Fahrradschlüssel? *wühl* Ach, der steckt sicher noch.”

Und so ist es dann auch: Wenn die Bürotür hinter mir zufällt, wartet mein Fahrrad draußen auf mich, nicht abgeschlossen oder mit geduldig im Schloss wartendem Schlüssel. Kein Problem. Die Menschen sind gar nicht so schlecht, wie man denkt. Oder es fällt ihnen nicht auf. Oder sie wittern eine Falle. Oder: keiner will mein Rad klauen.

Queen of Fahrrad abschließen, I am.

Ein von Nele (@buntgestreifthuepfig) gepostetes Foto am

Gestern jedoch, da war alles anders. Es fing an wie so oft. Ich steckte die Hand in die Tasche (ein großes “Yay!” für Kleider mit Taschen!) – kein Schlüssel. Ich schaute flüchtig in die Handtasche – kein Schlüssel. Nun denn, also auf nach unten, wo das nicht abgeschlossene Fahrrad sicher auf mich warten würde. So war es auch. Fast. Denn unten wartete mein Fahrrad.

Abgeschlossen.

Öhm. Okay. Ich hatte es also offensichtlich doch abgeschlossen. Mist, dann war der Schlüssel wohl in den Untiefen meiner Handtasche verschwunden, wie blöd. Ordentlich wühlen würde da wohl helfen. Also wühlte ich. Und wühlte. Und wühlte noch ein bisschen. Nichts.

Ach so ein Mist, dann lag der Schlüssel doch noch oben auf dem Schreibtisch. Also: Handtasche wieder vom Fahrrad entfernen, Bürotür aufschließen, Treppen hochflitzen, zweite Bürotür aufschließen, Schreibtisch durchsuchen – nichts.

Langsam wurde ich misstrauisch. Aber hey, irgendwo musste der Schlüssel ja sein! Ich räumte meine riesige Tasche komplett aus (und entsorgte ungefähr 34 alte Kassenzettel, Bonbonpapiere und ein “Erfrischungstuch”). Ich öffnete alle Schubladen, in die ich nie etwas lege. Ich nahm meinen Fahrradhelm ab und prüfte, ob ich den Schlüssel dort hineingelegt und dann beim Aufsetzen nicht bemerkt hätte (mache ich manchmal, aber WTF, das hätte sowas von gedrückt). Ich suchte akribisch den Boden meines Büros ab und das Treppenhaus, schaute in allen Büroräumen, in der Küche und auf dem Klo. Nichts.

Dann dämmerte es mir. Und ein erneuter Blick auf das Fahrrad bestätigte: SO schließe ich mein Fahrrad nicht ab. Oder sollte die Betonung sein “So schließe ICH mein Fahrrad nicht ab”? Jemand anders hatte mein Rad abgeschlossen! Als grenzenlose Optimistin war mir klar: Das waren meine Kollegen. Irgendwer war draußen, stellte fest, dass ich mal wieder mein Rad nicht abgeschlossen hatte, war dann so nett, hatte aber vergessen, mir den Schlüssel zu geben. Doch eine kurze Rundnachricht an alle stellte fest: Nööö. Keiner wusste, wovon ich rede, und ich musste fünf Mal erklären, was passiert war (jedem Kollegen einmal – schwer von Begriff sind sie nun auch wieder nicht!).

Tja. Letzten Endes stellte ich das Fahrrad ins Treppenhaus und machte mich auf den Fußweg (immerhin gut für die Schrittstatistik – Pokemon Go war allerdings down). Heute ließ ich mich vom Helden mit dem Auto ins Büro bringen und habe den Ersatzschlüssel eingepackt.

Nur meine geheime Superkraft, die hat sich wieder bestätigt. Keiner, wirklich keiner, möchte mein Fahrrad klauen. Auch wenn ich es auf dem Präsentierteller hinstelle. Das hat ja auch wieder was, oder?

* Kann man als Königin überhaupt Karriere machen? Oder ist man schon automatisch auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen? Höher geht’s ja eigentlich kaum…

14 Antworten

  1. Und? Schlüssel immer noch nicht aufgetaucht?
    Mülleimer? Unter der Tastatur festgeklemmt? Alle Hosentaschen/Blusentaschen etc. überprüft? In eine Tempopackung reingerutscht?

    Ich habe mal eine Sonnenbrille ein paar JAHRE später wieder gefunden. ich wusste noch genau: Im Urlaub 2006 auf Irland hatte ich sie noch. Danach war sie verschwunden. Als ich 2011 (oder 2012) bei Rock am Ring war und wieder meinen großen Backpack hervor gekramt habe, ist die Sonnenbrille wieder aufgetaucht. Tja, den Backpack hatte ich 2006 tatsächlich das letzte Mal gebraucht…

    Liebe Grüße,
    Denise

    • Nele

      Ich schließe mein Fahrrad definitiv so nicht ab, also kann ich Tempotaschentücher, Blusen und Co. ausschließen. Ich hab mal ein bischen in den Beeten rund ums Büro nachgeschaut und hoffe nun höchstens noch auf den Hausmeister, der ab und an vorbeischaut. Aber im Prinzip denke ich, es waren irgendwelche Kids, die das unglaublich lustig fanden.

  2. Immerhin wusstest du ja wo der Ersatzschlüssel war!
    Nachdem ich gefühlte dreitausend mal schon meinen Fahrradschlüssel verlegt hatte (einmal sogar das Schloss durchzwicken musste weil ich ihn partout nicht wiederfinden konnte), hab ich ihn dann an den Schlüsselbund gehängt. Der Mann hat dann gefragt, warum ich nicht einfach ein Zahlenschloss gekauft hätte. Stimmt… Wär auch ne Möglichkeit gewesen…

    • Nele

      Haha, die guten Lösungen sind manchmal so einfach! Das wäre ein guter Plan fürs nächste Mal! 😀 Ich hab nicht mal gewusst, dass ich einen Ersatzschlüssel habe, und war dann sehr glücklich, als er tatsächlich einfach in dem Schälchen mit den 1.000 überzähligen Schlüsseln lag, die man so hat.

  3. Ich schließe mein Rad auch nicht ab. Wer es klauen will, tut das sowieso..Man muss nur an das Gute glauben. Und Glück haben… Wir haben unser vollgepacktes Auto vor zwei Wochen auf einem öffentlichen Parkplatz in Frankreich die ganze Nacht mit weit geöffneter Schiebetür stehen lassen (irgendeiner hat vergessen sie zu schließen).Und voila: nix passiert. Da hat sicher jeder Langfinger Angst gehabt in eine Falle zu tappen, anstatt an trottelige Touristen zu denken

    • Nele

      Manchmal muss man auch Glück haben! 🙂 Ich schließe mein Fahrrad schon ab (ääähm gelegentlich) – allein um solchen Gelegenheitsdieben zu entgehen, die damit eben kurz nach Hause fahren und es zwischendurch in den Graben werfen, wenn sie es nicht mehr brauchen. Spaßvögel. Klar, wer’s knacken will, der knackt es eh. Gegen Profis kann man wenig machen, aber gegen Teenager schon. 😉

  4. Hallo Nele,
    Deine Berichte sind so lustig – vor allem aus der Kategorie: Alltagsroutinen. Ich musste so schmunzeln beim Lesen und Bilder anschauen. Echt eine geniale Art und Weise sein Fahrrad zu sichern. 😉 Und scheinbar funktioniert es bei dir ja auch. Wünsche dir weiterhin viel Erfolg und nette Mitmenschen in der Nähe deines Fahrrads.

    LG
    Nika

    • Nele

      Danke liebe Nika 🙂

  5. Ups du Heldin. Für eine Steigerung von Königin könnte ich dir Kaiserin anbieten, aber das ist vielleicht wenig erstrebenswert.
    Hin und wieder kann ich das auch gut. Abschließen und Schlüssel stecken lassen, mitten in der Innenstadt, direkt vor der Haustür oder am Schulhof. Bisher war es auch immer noch da, aber mir steht dann häufig doch der Schweiß auf der Stirn. Gelassen kann ich dabei kaum sein.
    Hingegen früher als Kind kannte ich es kaum anders. Da haben wir unsere Räder nie abgeschlossen. Sie standen stets fahrbereit vor dem Haus und selbst vorm Dorfsupermarkt wurde kein Rad abgeschlossen. Heute undenkbar.
    Allerdings hätte ich mir direkt nen neues Schloss gekauft jetzt und nicht mehr das alte benutzt. Nicht das doch noch jemand das Rad mitnimmt.

    • Nele

      Ich hab mir kein neues Schloss gekauft, aber ich habe es mit dem Fahrradschloss des Helden getauscht. Das alte Schloss ist also jetzt an seinem Rad, keiner weiß ja, wo das steht und dass das dieses Schloss ist. Sein Rad parkt ja auch nie bei mir am Büro. Ich hab sein Schloss. Mal sehen, ob ich es immer abschließe. Bislang funktioniert es noch ganz gut. 😉

  6. Ach Nele, da habe ich doch geschmunzelt, wie schön. Sowas passiert mir tatsächlich nie, aber ich habe auch nur so ein olles Ringschloss. Was ich schon öfter sehr problematisch fand: Schlösser, für die man zum Abschließen kein Schloss braucht. Diese typischen gekringelten. Da habe ich schon oft ohne Schloss – weil zuhause vergessen – mit abgeschlossenem Rad gestanden und durfte es dann nach Hause schieben – HInterrad in die Luft gehoben, versteht sich. Örgs!

    • Nele

      Du verwirrst mich etwas. Verwendest du die Worte Schloss und Schlüssel gerade synonym? *grübel* 😉
      Beim Ringschloss (=Rahmenschloss – oder?) ist mir das an-dau-ernd passiert!

  7. Hi Nele,

    Dein Fahrrad und mein Auto müssen miteinander verwandt sein. Zwar lasse ich – bis auf eine Ausnahme *hust* – den Schlüssel nicht in der Türe stecken, stelle es aber gerne mal unabgeschlossen auf den Parkplatz. Oder ins Parkhaus. Dazu muß ich vielleicht erwähnen daß ich gar keine Fernbedienung für mein olles Auto habe, ich schließe noch ganz altmodisch am Schloß auf und zu.

    Wenn ich denn zuschließe … Bis jetzt ist mir auch noch nie etwas aus dem Auto abhanden gekommen – lohnen würde sich ohnehin nur das Autoradio, doch selbst das will keiner 😉

    Und ja, ich glaube auch es gibt mehr ehrliche Menschen als wir glauben.

    Liebe Grüße,
    Mirtana

    • Nele

      Hallo Mirtana, unabgeschlossene Autos kann ich gelegentlich auch. Zum Glück sieht man denen ja nicht direkt an, dass sie unabgeschlossen sind. Da müsste man ja erst mal die Tür prüfen. Wer macht das schon? 🙂

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