Kalt war es in der Kirche. Wir saßen in unseren Jacken auf den Bänken, nur die Handschuhe hatte ich ausgezogen, damit ich besser im Programmheftchen blättern konnte. Meine kleinen Füße standen auf diesem schmalen Bänkchen, das an der Rückseite der Vorderbank angebracht war. Das Heftchen hatte ich jetzt schon von Anfang bis Ende durchgelesen, stattdessen bewunderte ich nun diese wunderbaren, riesengroßen, leuchtenden Sternen, die von der Decke hingen. Wie gerne hätte ich so einen gehabt! Und natürlich die Gesichter: Die Konzentration der Chorsängerinnen und Chorsänger, der Blick in die Ferne bei den Solisten. Das Orchester: Pauken und Trompeten, im wahrsten Sinne des Wortes! Der wild tobende oder fast still stehende Dirigent. Und natürlich: Die Musik, die durch die Kirche hallte und die wie keine andere nach Weihnachten klang.

Ich kann mich nicht erinnern, wie lange ich nun schon mit meiner Mama jeden Dezember in einer Kirche sitze und dem Weihnachtsoratorium von Bach lausche (und ich bin mir auch sicher, dass es zwischendurch öfter mal ausgefallen ist – aber in meiner Erinnerung waren wir jedes Jahr dort). Es hat sich zu einer meiner liebsten Weihnachtstraditionen entwickelt. Umso schöner, dass in den letzten Jahren auch mein Vater Interesse entwickelt hat und mitkommt. (Den Helden bearbeiten wir noch… 😉 )

Dum-dum-dum-dum-DAM! Die ersten Töne auf der Pauke erklingen, die Trompeten setzen ein und ich bin im Advent angekommen. Ich kann mich hinsetzen und das ganze Werk am Stück hören, ganz versunken in die Musik; oder ich kann die CD im Auto einschieben und laut mitsingen. Ich pfeife die Melodien den ganzen Advent über vor mich hin und kann nur dank dieses Stückes die Weihnachtsgeschichte des Lukas-Evangeliums auswendig.

Jedes Jahr setzen wir uns hin und suchen heraus, wo das Oratorium dieses Mal aufgeführt wird. Und so haben wir es nun schon in zahlreichen Städten und Kirchen gesehen. Mal hervorragend, mal nicht so super – egal. Meist bewundern wir danach die Solistenleistung, seit ich im Chor singe, beobachte ich natürlich auch diese Damen und Herren ganz besonders und weiß auch die Arbeit des Dirigenten viel mehr zu schätzen. Es ist ein Termin, der in der oft vollgepackten Weihnachtszeit auf gar keinen Fall ausfallen darf. Ich verzichte gern aufs Plätzchenbacken, ich habe keine Zeit für das Lieblingsessen auf dem Weihnachtsmarkt in Essen, ich spare mir Weihnachtsfilme oder Nikolausgeschenke, wenn es gerade nicht passt. Letztes Jahr haben wir sogar auf einen besonderen Adventskalender verzichtet. Aber auf gar keinen Fall ausfallen darf: Das Weihnachtsoratorium. Hoffentlich noch viele, viele Jahre lang.

Dieses ist übrigens mein Lieblingsstück:

http://youtu.be/PcEcO5XOzQM

Zu diesem Text haben mich Andrea und Bine mit ihrer Aktion „short stories 2014“ inspiriert, diesen Monat mit dem Thema „Tradition“. Ich habe zwar nicht monatlich teilgenommen, aber immer wieder gern; und ich freue mich zu hören, dass sie die Reihe nächstes Jahr fortsetzen wollen. Weitere Texte zum Thema „Tradition“ findet ihr hier! Was sind eure liebsten Traditionen im Advent?

Post Author: Nele

3 Replies to “Jauchzet, frohlocket! {short stories 2014: Traditionen}”

  1. Oh, das Weihnachtsoratorium ist für uns auch eine vielgeliebte Weihnachtstradition. Obwohl es nicht nur das WO ist. Irgendwie packen wir auch die Bach-Passionen aus, sobald es November wird. Passt zwar so gar nicht zum liturgischen Kalender. Aber wunderschön ist es allemal 🙂

    Liebe Grüße!

  2. Oh mein Gott, du bist auch ein Weihnachtsoratoriums-Fan. Das wird ja langsam echt unheimlich mit uns beiden 😉 Wir (d.h. meine Eltern und ich) gehen jedes Jahr in Bonn, immer in die Kreuzkirche (sehr empfehlenswert, wenn du mal in der Zeit hier sein solltest), und ich glaube bei meinem ersten Mal war ich fünf. Haaach, schön!

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