Bei meinen Eltern ist in diesen Tagen einiges los. Erst wandelten jede Menge Fremde durchs Haus, dann ein ganzer Haufen Verwandter, die wir seit Jahren nicht gesehen hatten. Seit gestern ist es offiziell: Meine Eltern haben ihr Haus verkauft.

Das ist vermutlich für jeden ein großer Schritt. Bei uns ist es noch mal etwas ganz besonderes, denn dieses Haus ist nicht nur das Elternhaus meiner Mutter, sondern auch das ihrer Mutter. Wenn ich alles richtig verstanden bzw. mir gemerkt habe, hat mein Ur-Urgroßvater das Haus erbaut, um die Jahrhundertwende herum (die Zahlen schwanken zwischen 1894 und 1904). Das Haus war also nun wirklich sehr, sehr lange im Familienbesitz, viele Anekdoten und Familiengeschichten spielten sich hier ab und natürlich fällt es schwer, es jetzt aufzugeben. Aber es ist groß, es ist alt und es macht viel Arbeit. Es ist eindeutig sinnvoller, jetzt in eine kleinere Wohnung umzuziehen, wenn man noch problemlos in der Lage ist, so einen Umzug und eventuelle Arbeiten in der neuen Wohnung über die Bühne zu bringen.

Beim Familientreffen haben wir dann Kisten voller alter Fotos angeschaut. Endlich war mal jemand da, der wusste, wer dort auf den ganzen Bildern überhaupt zu sehen ist! Jedenfalls sind mir dabei natürlich auch jede Menge Bilder in die Hand gefallen, die im und ums Haus aufgenommen wurden. Da habe ich mich direkt wieder an den wunderbaren Bildband erinnert, den ich letztes Jahr zu Weihnachten bekam: Dear Photograph ist ein Projekt, bei dem Menschen Fotos am Original-Schauplatz noch einmal fotografieren und ein paar Worte dazu schreiben. Die Idee finde ich super und die zugehörigen Texte haben mich schon das eine oder andere Mal ein Tränchen verdrücken lassen. Meine Fotos bekommen nur teilweise Texte – trotzdem finde ich sie allesamt großartig.

Bei den Massen an Bildern musste ich doch tatsächlich überlegen, welche Fotos ich dafür jetzt nehmen wollte. Es gab zum Beispiel selbstverständlich Bilder, die fast noch als neu zu bezeichnen sind. Auch wenn sie für mich schon wirklich alt sind, denn ich bin darauf ca. 14 Jahre alt und es kommt mir wie eine Ewigkeit vor:

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Dear Photograph, I remember taking many of these pictures with one of my best friends. Now we haven’t talked to each other for about ten years… I wish I knew why.

Etwas älter, aber immer noch jüngeren Datums: Dieses großartige Foto meiner beiden großen Cousins beim Krippenspiel! Damals wohnte noch meine Oma in dem Haus, und ich war noch nicht auf der Welt.

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Dear Photograph, these two were some of my childhood heroes – always someone to look up to. I wish we could have had some more Christmases together at Grandma’s before she died way too early.

Weihnachten wurde in genau dieser Ecke des Hauses übrigens wohl häufiger gefeiert! Wir kommen jetzt zu den deutlich älteren Bildern… Ich finde es faszinierend, wie sogar die Lampe fast an der gleichen Stelle hängt und wie gut die Tür passt, obwohl es selbstverständlich schon lange nicht mehr die gleiche ist. Und die Krippe kann man auch im vorherigen Foto wiederfinden:

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Dear Photograph, this was taken way before my time but I still remember the nativity set next to the Christmas tree. Family memories…

Aber die Ecke war für alle Fotos zu haben, die so nötig waren. Zum Beispiel hier bei der Kommunion meiner Tante – die jüngste ist meine Mama:

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Dear Photograph, I love how proud my grandparents look and I wish I had known them both. It makes me so sad to know that only one of the persons in this photo is still alive…

Beliebteste Foto-Location war aber ungeschlagen der Garten. Da musste ich wirklich aussortieren, um euch nicht (noch mehr) mit Bildern zu erschlagen. Da war zum Beispiel Platz für verliebte Pärchen…

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Dear Photograph, I have no idea who’s that happy couple, but we have lots and lots of pictures of these two in our garden. I hope they lived to be happily ever after.

…oder kleine Mädchen!

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Dear Photograph, I hope this little girl ran just as enthusiastically into her future as she’s running towards the photographer in this picture!

Und die einzige, die Bilder vor dem Haus gemacht hat, scheint meine Oma gewesen zu sein. Das aber dafür von jungen Jahren an, das hier dürfte der erste Schultag sein…

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…bis ins Erwachsenenleben hinein! Großartig, hier passt sogar die Jahreszeit. 🙂

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Und zum Schluss noch der Beweis, dass das Haus wirklich eine Menge Arbeit macht – schon immer! „Schwere Arbeit“ steht übrigens in krakeliger Kinderschrift auf der Rückseite dieses Fotos geschrieben.

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Es ist ein wirklich komisches Gefühl, sich von diesem Haus endgültig zu verabschieden. Vor ziemlich genau zehn Jahren bin ich zwar bereits ausgezogen. Ich selbst habe keine zehn Jahre dort gewohnt, wir sind erst 1994 eingezogen. Trotzdem kenne ich es natürlich schon mein Leben lang. Mein Kinderzimmer habe ich nun endlich ausgeräumt – es sind immerhin noch 4 Kartons zusammengekommen – und die Räume leeren sich nach und nach. Meine (potenziellen, keine Sorge) Kinder werden dieses Haus nie kennen lernen. Ich hoffe, die neuen Bewohner wissen es zu schätzen.

Post Author: Nele

10 Replies to “Ein Blick in die Vergangenheit”

  1. Das ist wirklich eine großartige Art, von dem Haus Abschied zu nehmen! (Und auch perfekt umgesetzt!) Ich wünschte, ich hätte diese Idee gehabt, als es bei mir letztes Jahr soweit war… Ich war damals auch wirklich richtig traurig – ich wohnte darin, seit ich zwei war und damit war es wirklich eine Heimat, ein Elternhaus, mein Zuhause… Hach! 🙁

  2. Was für eine coole, coole Idee! Bin total begeistert. Ich hoffe, ich denke an dich, wenn ich das nächste Mal bei meinen Eltern bin. Da könnte man das nämlich auch prima machen. Bei uns ist dieselbe Situation. Uraltes Haus, 1910 gebaut. Aber es wird vermutlich mit uns Kindern die Familie verlassen. Das wird sooo seltsam werden. Ich mag gar nicht dran denken. Dieses Haus und der Garten ist die heimatigste Heimat, die ich habe.
    Liebe Grüße!
    Steffi

  3. Ich kleiner Schritt für den Menschen … Noch wohnen meine Eltern in ihren Haus und meine Schwester wohnt auch noch dort, aber ich kann verstehen, welche ein „großer Schritt“ das ist. Irgendwie von etwas Abschied zu nehmen, das man zwar seit Jahren nicht mehr mehr bewohnt, aber trotzdem kennt wie seine Westentasche. Man erinnert sich plötzlich wieder an Dinge, die man längst verdrängt hatte. Erinnerungen kommen wieder, von denen man nicht mal wußte, daß man sie jemals hatte. Die Idee mit den Fotos ist eine tolle Sache. schöner Post.

    LG
    Michael

  4. Tolle Idee & toll umgesetzt. Mein Elternhaus & das Haus meiner Großeltern (in dem auch meine Oma schon geboren wurde) sind wohl in den nächsten Jahren auch fällig & ich hab schon öfter drüber nachgedacht, was das bedeuten würde. Macht einen Klos im Hals.
    Hoffe Ihr konntet Euch gut verabschieden,
    Grüße
    Nike
    (@Garten: Klar, mach was, bringt wirklich Spaß! Grade Rauke (also Ruccola), Salat & Tomaten kann man gut in Kübeln (wir haben Apfelkisten & große schwarze Maurerwannen, die sind günstig & frostsicher) anpflanzen und das sind ja auch Sachen, bei denen man geschmacklich einen richtig großen Unterschied bemerkt, wenn sie frisch sind & selbst angebaut!)

  5. Wow, das Haus war ja richtig richtig lange in Familienbesitz!
    Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie es sein wird, falls meine Eltern mal ihr Haus verkaufen. Sie haben es selbst gebaut und sind kurz vor meiner Geburt dort eingezogen. Das heißt es gibt keine Kinder- und Familienfotos ohne dieses Haus!
    Die Idee mit denen Fotos finde ich richtig richtig toll und auch super umgesetzt – müsste ich auch mal machen!
    Das wäre auch eine schöne Idee für ein Weihnachtsgeschenk o.ä.!
    Liebe Grüße,
    Goldengelchen

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