Zwölf Götter gibt es in Camorr, dem Stadtstaat, in dem Locke Lamora lebt. Alles, was man so aus den üblichen Fantasy-Geschichten kennt, ist dabei. Da ist Iono, Gott des Wassers und des Meeres; Azra, Göttin des Krieges; oder Gandolo, Gott der Händler und Kaufleute. Locke Lamora, als Waisenkind in Camorr großgeworden, folgt keinem von ihnen. Er betet zum dreizehnten Gott: der namenlose Gott, der „korrupte Wächter“, der Schutzherr der Diebe und Ganoven. Von klein auf ist Locke bei Dieben in die Lehre gegangen, denn ich Camorr herrscht der „Geheime Frieden“, der besagt, dass Verbrecher relativ ungestraft davonkommen, solange sie sich an gewisse Regeln halten und der Aristokratie nicht schaden. Doch Locke hat andere Pläne. Größere Pläne…

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Das Buch „Die Lügen des Locke Lamora“ von Scott Lynch stand bei uns schon seit Jahren im Regal. Eigentlich hat der Held es einmal geschenkt bekommen, aber wie das so ist, man hat so viele ungelesene Bücher, das manches in Vergessenheit gerät. Doch ich hatte schon viel gutes über den Roman gehört, daher nahm ich ihn kurz vor Weihnachten selbst in die Hand. Und nach einem etwas holprigen Einstieg war ich schnell gefesselt. Sehr gefesselt!

Persönlich tue ich mich immer etwas schwer, in völlig neue Fantasywelten einzutauchen. Auf den ersten Seiten muss man sich ja erst mal daran gewöhnen, wo man eigentlich ist: Was gibt es hier, was es in unserer Welt nicht gibt? Wie sieht alles aus? Was ist normal, wie sind die Sitten? Mag sein, dass mancher sich da sofort hineinwerfen kann, aber ich kann es nicht. Ich brauche ein-zwei Kapitel. Daher möchte ich den holprigen Einstieg auch gar nicht dem Buch vorwerfen. Es liegt an mir, nicht an dir…

Scott Lynch hat eine stimmige Welt erschaffen, die sich erst nach und nach eröffnet. Das fand ich sehr hilfreich. Das erste Buch spielt ausschließlich in der Stadt Camorr, und wir erfahren nur ein wenig über die Hintergründe der gesamten Welt. Stattdessen lernen wir Camorr von Kopf bis Fuß kennen. Die Verwaltung, die Aristokratie, aber auch die strengen Regeln der Unterwelt, in der klar festgelegt wird, wer wem unterstellt ist und wen man überhaupt bestehlen darf. Locke Lamora widersetzt sich diesen Regeln von klein auf. Daher muss der Lehrherr der Diebe ihn loswerden. Vater Chains, Priester des dreizehnten Gottes, nimmt ihn auf in seine Bande der Gentleman-Ganoven. So bleibt er kein bloßer Taschendieb oder gewöhnlicher Straßenräuber, sondern kann seinen Kopf einsetzen und lernt seine besten Freunde kennen, die bald wie eine Familie für ihn sind.

Das erste Buch springt noch recht viel hin und her zwischen Lockes Kindheit und seinem aktuellen Coup. Das kann manchmal etwas verwirrend sein, zumal Locke in seine Pläne gern Tarn-Identitäten, Plottwists und Betrug im Betrug einbaut. Wenn er gerade einen auf die Nase bekommt, weiß man nie, ob das nicht vielleicht eigentlich doch zu seinem gewieften Plan dazugehörte. Und selbst wenn nicht: Er hat es sicherlich schnell raus, diesen Rückschlag zu seinen Gunsten zu nutzen. Doch auch seine Gegner nutzen Intrigen und Täuschungsmanöver, und sind Locke und den Gentleman-Ganoven vielleicht schon einen Schritt voraus…

Im zweiten Buch „Sturm über roten Wassern“ verschlägt es Locke dann in die weite Welt: Nachdem er aus Camorr fliehen muss, findet er sich unerwartet auf einem Piratenschiff wieder. Wir lernen weitere Orte, Herrscher, Traditionen kennen. Auch hier gibt es wieder unerwartete Wendungen noch und nöcher, und das Buch fängt schon mit einem unfassbaren Cliffhanger an, der erst ganz am Ende aufgelöst wird.

Ich habe beide Bücher verschlungen – schon lange habe ich keine solchen Page-Turner mehr gelesen. Wobei ich dennoch gute Bücher gelesen habe, aber halt keine, wo man un-be-dingt wissen muss, wie es weitergeht. Besonders gut hat mir gefallen, dass Locke Lamore und seine Kumpane keine eindimensionalen, schwarz-weißen Figuren sind. Es gibt Krisen, Streit, Loyalitätskonflikt, man gewinnt Vertrauen und verliert es wieder, jeder macht mal einen Fehler, keiner ist perfekt, und es „darf“ auch mal gestorben werden (nicht ganz so viel wie bei George R.R. Martin, aber trotzdem werden hier auch Protagonisten nicht zwangsläufig geschont). In den Büchern wird gesoffen und geflucht. Da darf natürlich auch Sex nicht fehlen, auch wenn der Autor hier freundlicherweise nie sehr ins Detail geht – Kinderbücher sind es trotzdem nicht. Schön fand ich hier, dass es nicht nur relativ schnurz ist, wer jetzt wen liebt; generell sind Frauen in der Welt von Locke Lamora völlig gleichberechtigt, ohne das großes Aufheben darum gemacht würde. Dass der Kapitän oder der Kopf der Stadtwache Frauen sind, erkennt man plötzlich an den Pronomen (die Namen helfen nicht immer, wie das in Fantasiewelten nun mal manchmal so ist) und ist kurz überrascht, weil das immer noch nicht überall üblich ist. Ich persönlich fand es sehr angenehm.

Auch nach dem Ende des zweiten Buchs gibt es noch einige offene Fragen. Ich persönlich möchte ja endlich wissen, was aus Lockes alter Jugendliebe geworden ist und was es nun mit diesen geheimnisvollen Eldren auf sich hat, die überall in der Welt Bauwerke aus mysteriösen Materialien zurückgelassen haben, lang bevor dort Menschen lebten… Zum Glück sind bisher schon zwei weitere Bände erschienen: „Die Republik der Diebe“ (hier geht es tatsächlich um Lockes erste Liebe) und „Das Schwert von Emberlain„. Diese beiden werden sicherlich bald den Weg in mein Bücherregal finden!

Was war euer spannendstes Buch der letzten Zeit?

Post Author: Nele

5 Replies to “Diebe! Piraten! Abenteuer! Ein Buchtipp.”

  1. Oooh, das klingt gut! Kommt gleich mal auf meine Goodreads-Leseliste! 🙂
    Ich lese aktuell „Lycidas“ von Christoph Marzi, von dem ich auch extrem begeistert bin; der schreibt wahnsinning schön und hat es sprachlich einfach drauf. Guck dir das mal an, falls du es noch nicht kennst!
    GLG!!!

    1. Huch, du bist in meinem Spam-Ordner gelandet! Ich hab dich gleich mal als Kein Spam markiert, also benimm dich bitte. 😉
      Christoph Marzi sagt mir was, aber ich habe noch nichts von ihm gelesen. Werde ich gleich mal nachschauen gehen!

  2. Hallo Nele,
    Danke für die beiden Buchvorstellungen. Die Bücher klingen sehr interessant und ich packe sie mir direkt mal auf die Wunschliste. Vielleicht kann ich sie ja irgendwo als Schnäppchen bekommen. 🙂

    Liebe Grüße
    Nika

  3. Oh, die Bücher habe ich auch verschlungen! Die sind wirklich toll und ich habe diese Welt geliebt. Erinnert mich ein wenig an Ocean’s Eleven meets Fantasy oder so etwas in der Richtung.

    Ich könnte sie eigentlich mal wieder hervor kramen und ein zweites Mal lesen, Zeit genug habe ich ja bis der Herr George R. R. Martin endlich, endlich, endlich mal dazu kommt Band sechs zu veröffentlichen … Hilf, der läßt sich aber auch Zeit! 😉

    Liebe Grüße,
    Mirtana

    1. Hast du denn alle Bände gelesen? Auch den vierten? 🙂
      Und ja, der George… *hier Augenroll-Geräusch einfügen* Mal sehen, ob der noch fertig wird im Leben 😉

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