Die feine Kunst der Unproduktivität

“Brrrrrt”, brummt das Smartphone. “Brrrt-brrrt-brrrrrrrt”, vibriert analog der neue Fitnesstracker, der sich mit “Smartwatch-Features” rühmen kann. Immerhin muss ich das Handy nun nicht extra zur Hand nehmen, um festzustellen, dass ich einen Termin habe. Den dritten diese Woche. Oder vierten? Kommt drauf an, was man alles als Termin zählt, nehme ich an. Bouldern, Stammtisch, eine Geburtstagseinladung – alles Spaß, alles Stress. Freizeitstress. Dazwischen kommen die ganzen “Eigentlichs”. Eigentlich müsste man mal wieder. Da fällt ja so ungefähr alles drunter, von “zum Zahnarzt gehen” über “alte Freunde anrufen” bis hin zu “früher ins Bett gehen”.

Ein voller Terminkalender ist mittlerweile Standard, das merke ich, wenn ich mich mit jemandem verabreden will. Wie mit der Freundin, die ich im Oktober treffen wollte, dann im November, mittlerweile ist das Treffen auf unbestimmte Zeit verschoben (ich winke hier mal unauffällig rüber – es ist immer noch Saunazeit, meine Liebe!). Aktivität ist positiv, Produktivität ist Alltag. Selbst beim Seriengucken wird es doch heutzutage produktiv – schnell, die neue Staffel von der Lieblingsserie rein-bingen, damit wir den Anschluss bei der anderen Serie nicht verpassen, und einen Haken dranmachen können! Ich nehme mich da nicht aus, gerade bei Serien leide ich unter einem schweren Fall von #Fomo, mir fällt es wirklich schwer, Serien abzubrechen oder als “Interessiert mich nicht” abzulegen, insbesondere, wenn alle Welt begeistert ist. Und die ständige Verfügbarkeit von ganzen Staffeln ist zwar ganz schön, setzt aber auch unter Druck. Angst vor Spoilern! Mitreden können! Aber ich schweife ab.

Denn eigentlich geht es mir um Unproduktivität und das Gefühl, wie gut es tun kann, einmal völlig absichtlich gar nichts zu tun. Oder etwas, das kein Ziel hat. Zeit mit sich allein zu verbringen. Zeit nicht effizient zu nutzen – wie wir es tun, wenn wir in der Schlange im Supermarkt eben Instagram checken oder auf dem Weg ins Büro ein Hörbuch hören, das wir sonst nie gelesen kriegen würden, weil die Zeit fehlt. Sondern im Gegenteil: Zeit zu verschwenden, indem wir sie eben nicht nutzen. Denn diese Zeit ist nicht verschwendet, und wir tun nicht “gar nichts”. Wir laden unseren Akku auf, gewinnen vielleicht Selbsterkenntnis oder Ruhe. Ich persönliche verspüre nach solch “verschwendeter Zeit” oft ein wohliges Gefühl von Zufriedenheit und bemerke plötzlich ein Lächeln in meinem Gesicht – ob ich mir nun fünf Minuten oder eine Stunde gegönnt habe, oder auch mal einen ganzen Tag. “Mental Health Day” habe ich kürzlich gelesen – klingt ja auch besser als “schluffiger, fauler Sonntag”! 😉 Jedenfalls tut es mir gut, nichts zu tun. Eindeutig ein Grund, es weiterzuempfehlen!

Inspiriert von diesem Blogpost habe ich aufgeschrieben, was ich gern so unproduktives mache. Manches davon könnt ihr jetzt direkt, right now, einfach mal ausprobieren -anderes dauert etwas länger:

  1. Einen Spaziergang machen
  2. Ohne Kopfhörer
  3. Und ohne zu fotografieren, wenn dir ein Motiv über den Weg läuft
  4. Aus dem Fenster schauen
  5. Die Musik ausschalten
  6. Eine Zeitschrift durchblättern
  7. Das Fenster öffnen und die frische Luft einatmen
  8. Ein Buch lesen, das man schon kennt
  9. Oder einen Film schauen, denn man schon oft gesehen hat
  10. Ohne Smartphone-Ablenkung
  11. Ein Foto bewusst nicht machen
  12. Eine Email an Freunde schreiben – noch besser einen Brief, aber wir wollen realistisch bleiben
  13. Aufstehen und eine Runde durch die Wohnung gehen
  14. Auf dem Sofa sitzen. Die Wohnung anschauen.
  15. Eine Tasse Kaffee trinken
  16. Deine/n Liebste/n umarmen
  17. Atmen
  18. Bewusst Musik hören
  19. Eine Liste mit Ideen aufschreiben, was man schon lange mal machen wollte
  20. Nichts davon heute machen
  21. Oder nur etwas, was wirklich Freude macht

Wie nutzt ihr eure Zeit am liebsten unproduktiv?

10 Antworten

  1. Ich mag es auch, effizient zu sein. Für mich ist es oft schon Zeit nicht nutzen, wenn ich beim Tatort mal nicht stricke. Das entspannt mich dann auch, ab und an. Besonders bei gutem Wetter kann ich aber auch auf der Terasse sitzen, in den Garten gucken, und gucken, und gucken … dasselbe Phänomen im Urlaub, wenn man in einem Café sitzt. Auch da gucke ich gerne herum und lasse die Seele baumeln.
    Den täglichen Radweg (ohne Kopfhörer etc.) empfinde ich auch immer mal wieder als einen solchen Moment, die Gedanken schweifen und zack sind 10 Minuten um und man ein ganz kleines bisschen ein neuer Mensch.
    Ansonsten fällt mir das Stichwort Achtsamkeit ein, damit habe ich täglich auf der Arbeit zu tun und einige der von dir aufgelisteten Dinge fallen da auch runter. Falls du noch mehr Tipps brauchst 😉

    • Nele

      Hach, ja, Achtsamkeit… Das ist ja momentan so ein Schlagwort und oft kann ich damit nichts anfangen, aber mir kam gestern auch der Gedanke, dass das vermutlich unter dieses Schlagwort fällt. 😉
      Du sitzt im Garten und guckst – ich mache das im Lieblingsraum in der Wohnung (in Düsseldorf konnte ich ewig in der Küche sitzen, jetzt mache ich das im Wohn- oder Nähzimmer!). Vielleicht sollte ich auch mal auf dem Radweg die Kopfhörer weglassen (oder sie einstöpseln, aber nichts einschalten – ich finde sie nämlich auch hilfreich gegen laut rauschende LKW und Blaulichter, da fallen einem nicht gleich die Ohren ab).
      Mehr Tipps – immer her damit 😉

  2. Auf dem Sofa liegen und Podcast hören. Du hast mich ganz schön angefixt mit Dear Hank & John. Ich habe schon etliche Folgen gehört und bin immer begeisterter. Und ich muss auch sagen, dass ich Hank lieber mag, aber die beiden ergänzen sich einfach gut. Herrlich!

    pumpkins & penguins,
    Andrea

    • Nele

      Ui, das freut mich zu hören! 🙂 Es stimmt, ich setze mich auch eigentlich nie hin und höre “nur” Podcast. Das mache ich normalerweise immer nebenher beim Rad- oder Autofahren. So ist diese Zeit gut genutzt………. 😉

  3. Oh ja, das kenne ich. Ich bin gerne am Wochenende, gerade wenn das Wetter so schäbig ist, zu Hause. Einfach nur in meinem Sessel sitzen, ganz simple Projekte auf den Nadeln die sich fast von alleine stricken (also irgendwas glatt rechtes, am Besten noch in Runden) und Dokus gucken. Oder einfach Hörbücher hören und dabei faul auf der Couch liegen. Manchmal sitze ich auch im Sessel am Fenster und gucke dabei zu wie der Regen die Scheibe herunter läuft. Ich mag auch dieses graue, diesige Licht so gerne – dann einfach eine Kerze anmachen, unter die Lieblingsdecke kuscheln und einfach nichts tun.

    • Nele

      Gucken, wie der Regen runterläuft – beste Entschleunigung aller Zeiten!!! <3

  4. Also beim Seriengucken kann ich mich ja gänzlich vom FOMO freisprechen (ich musste sogar erst deinem Link folgen um zu gucken, was das bedeutet) – ich war noch nie Seriengucker und werde es vermutlich in diesem Leben auch nicht mehr…
    Aber zum eigentlichen Thema: Eigentlich kann ich glaub ich ganz gut unproduktiv sein, besonders am Wochenende. Viele Leute packen ja den Samstag mit Erledigungen voll, ich bin dann meist diejenige, die noch um kurz vor 20 Uhr zum Supermarkt losflitzt, weil sie den ganzen Tag gemütlich rumgetrüngelt hat und noch irgendwas fürs Kochen braucht…
    Ich muss gestehen, dass ich in letzter Zeit auch versucht bin, am WE viel zu erledigen und mir einen To-Do-Listen-Zettel zu schreiben, zumal der Freund ja meist arbeiten ist und man sich dann “doppelt” faul vorkommt. Andererseits muss ich dem Kind ja auch “beibringen”, dass am WE ausgeschlafen wird 😉 und somit kann ich am Samstag auch hervorragend erstmal lange liegen bleiben, dann im Bett lesen, dann nochmal n bisschen drömmeln, um dann um 12 Uhr in Ruhe zu frühstücken 😉
    Und was auch wirklich “meine” Minuten sind, ist der Weg zur Arbeit, wenn ich fietse. Ich merke wirklich, wie mir was fehlt, wenn ich mit dem Auto fahre (so wie heute, weil ich den Freund wegbringen musste, oder ich direkt nach der Arbeit irgendwohin muss, was mit dem Auto besser zu erreichen ist). Es sind nur 10 Minuten mit dem Fahrrad, aber ich muss mir keine Gedanken um die Parkplatzsuche machen, ich kann einfach gemütlich die 2,5km fietsen und die Gedanken schweifen lassen. Da ich auch viel durch Anliegerstraßen oder auf Fahrradwegen fahre, gibt es quasi nur 1-2 Stellen, wo ich wirklich aufmerksam auf den Verkehr achten muss, das ist auch das schöne an der Strecke. Gerade in den letzten Tagen & Wochen, die nicht immer einfach waren, hat mir das richtig gut getan.

    Liebe Grüße, Denise

    • Nele

      Das finde ich echt spannend, du bist ja nach Tüt schon die zweite, die das mit dem Fahrrad schreibt. Ich muss sagen, ich genieße es als totalen Luxus, wenn ich mal mit dem Auto fahren kann oder gebracht werde. 😉 Ich genieße das Radfahren als “Me-Time” nur an besonderen Tagen, wenn es zum Beispiel endlich wieder wärmer wird und ich die schöne Strecke fahre, weil ich Zeit habe und ausgeschlafen bin… Ansonsten ist das eher Routine bis lästige Pflicht, je nach Wetter (boaaah was war das heute windig, nervig).
      Ich kann mittlerweile gar nicht mehr gut liegenbleiben – da packt mich das schlechte Gewissen, dass ich den halben Tag vertrödelt habe. Vielleicht sollte ich das einfach mal wieder machen. 😉

      • Ich glaube, es macht aber auch einen großen Unterschied, ob man immer mit dem Fahrrad fahren muss oder ob man auch ein Auto für schlecht-Wetter- oder faule Tage zur Verfügung hat, so wie ich.
        Diese Woche bin ich zum Beispiel bisher auch mit dem Auto gefahren. Montag Morgen wäre ich gerne gefietst, musste aber den Freund zum Bahnhof bringen und war dann nachmittags auch echt froh, das Auto da zu haben, und momentan ist das Wetter ja auch so wechselhaft, dass ich faul war.
        Und bei mir kommt hinzu, dass ich mit dem Fahrrad quasi genauso schnell bin wie mit dem Auto. Mit dem Fahrrad parke ich direkt vor dem Gebäude, mit dem Auto parke ich meist auf dem allerletzten Parkplatz und rege mich über all die Park-Deppen auf, die immer so halbe Lücken lassen.

        Das mit dem liegen bleiben konnte ich in letzter Zeit auch nicht mehr sooo gut, aber die letzten Wochen wieder schon. Wer weiß, wie lange ich das noch kann. Zumal ich Sonntags auch meist “mit Wecker” aufstehe, weil ich mitm Freund frühstücken will, wenn er vom joggen kommt.

        • Nele

          Ich bin mit Auto auch nicht schneller als mit dem Fahrrad. 😉 Aber mit dem Rest hast du natürlich völlig Recht.

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