Kategorie Archive: Gedankenhüpfer

Buchtipp: 20 Kilo weniger dank “Fettlogik überwinden”

Mir fällt es etwas schwer, diesen Beitrag zu beginnen. Immerhin leben wir irgendwie zwischen zwei Polen. Zwischen Magerwahn und Body Positivity, zwischen Schlank im Schlaf und Fat Acceptance. Das Buch, das ich empfehlen möchte, hat auf Twitter auch in meiner Timeline Staub aufgewirbelt, das Wort “Sektenanhänger” fiel, und der Satz “Ich dachte, übers Kalorienzählen wären wir als Gesellschaft mittlerweile hinaus”. Das ist die eine Seite; auf der anderen Seite lese ich von Menschen, denen nach Jahren plötzlich wieder die Jeans passen und die plötzlich Spaß an der Bewegung haben. Ich habe mich bisher selten dazu geäußert: Das Thema Gewicht ist sehr persönlich, ich habe keine Lust auf Grabenkriege und von mir aus soll jeder nach seiner Fasson glücklich werden. Wer mich nicht fragt, kriegt zumeist auch nichts gesagt und selbst bei meiner Meinung nach offensichtlichem Bullshit seufze ich zumeist nur innerlich und schweige. Der Mensch will ja in der Regel nicht belehrt werden und die Reaktion ist in den seltensten Fällen positiv. Dann sollen die Leute doch glauben, was sie gern glauben möchten; da bin ich mit den Jahren offen gestanden etwas resigniert.

Dieser recht lange Beitrag wird daher vor allem nicht: Anleitung zum Abnehmen. Regeln für alle. Vorschriften darüber, wer welche Figur haben sollte. Leute! Ihr wisst selbst, wie ihr euch am wohlsten fühlt und wenn ihr Menschen, die abnehmen möchten oder Kalorien zählen oder davon erzählen, dass sie zu dick sind,  grundsätzlich blöd findet, solltet ihr jetzt das Browserfenster schließen.

Selbstdiagnose: Huch, ich bin dick!

In unserer Familie bin ich ja so was wie die Fotografin. Bei allen wichtigen Ereignissen schleppe ich die große Kamera an – neulich bekam ich sogar den offiziellen Auftrag, die Taufe der Mini-Nichte festzuhalten. Das hat eine logische Konsequenz, die vermutlich die meisten Bloggerinnen kennen: Auf den meisten Fotos bin ich nicht zu sehen. Viel lieber dokumentiere ich, wie die Kinder groß werden – die sind ja auch viel niedlicher.

Umso erschrockener war ich, als ich Weihnachten 2015 die Kamera doch mal aus der Hand gab. Plötzlich war ich nämlich auch auf den Bildern. Und nicht von mir selbst möglichst vorteilhaft in Pose gesetzt. Denn natürlich war mir aufgefallen, dass ich mir dafür mittlerweile etwas mehr Mühe geben musste. Gewisse Winkel sehen einfach besser aus als andere. Oder man hält sich einfach dekorativ-unauffällig einen Puschel vors Doppelkinn. Aber auf familiären Schnappschüssen klappt das eben nicht. Und so sah ich mich damit konfrontiert:

Ein Schritt auf die Waage bestätigte: Ich kratzte langsam, aber sicher am Rand des starken Übergewichts, wenn man meinen BMI ausrechnete. Die 30 hatte ich nämlich so gerade überschritten. Hallo, Adipositas! Und da der BMI nicht mit dem Alter identisch sein sollte (naja, außer vielleicht, man ist gerade Anfang 20), sollte sich etwas tun.

Fettlogik überwinden? Nadja to the rescue!

Den Blog von Nadja Hermann lese ich schon lange: erzählmirnix. Er steht auch seit Jahren auf meiner Blogroll. Als ich angefangen habe, dort mitzulesen, war Nadja selbst noch stark übergewichtig. Also, deutlich mehr noch als ich. Wenn ich mich recht entsinne, wog sie um die 150 Kilo. Sie postete gelegentlich darüber – eher in Richtung Fat Acceptance denn kritisch. Mir war’s recht, im Grunde genommen war es mir egal, ich mochte ihren Blog eher wegen der politischen, feministischen Grundeinstellung und natürlich der Comics, die zum Lachen bringen und gleichzeitig zum Nachdenken anregen.

Irgendwann jedoch begann Nadja, auf dem Blog Artikel zum Thema Abnehmen einzustreuen. Und sie nahm ab (im Buch erfährt man, dass eine Verletzung und andere Gesundheitsprobleme der Auslöser waren). Und sie beschäftigte sich mit dem Thema, recherchierte, las Studien, las Gegenstudien, und sicherlich gibt es auch Gegen-Gegenstudien, las Bücher, Foreneinträge, Artikel. Und schließlich und endlich veröffentlichte sie ein Buch zum Thema: Fettlogik überwinden.

Aufgrund der regelmäßigen Begleitung des Themas auf ihrem Blog bekam ich das schnell mit. Trotzdem kaufte ich mir das Ebook erst, als es bei mir selbst akut wurde. Und ganz klassisch, am 1. Januar 2016, begann ich: mit dem Abnehmen. Mit der Diät? Mit der Lebensumstellung? Nahrungsumstellung? Von allem etwas, nehme ich an.

Erkenntnisse: Das nehme ich mit

Nun bin ich weder Neuling in Sachen Abnehmen (ich habe vor zehn Jahren schon einmal rund zehn Kilo abgenommen und danach mehrere Jahre mein Gewicht gehalten), noch ernähre ich mich unfassbar ungesund. Tatsächlich ist es bei mir die schiere Menge, die das Übergewicht langsam, aber sicher angefuttert hat. Ein Gummitierchen nach dem anderen, eine Portion Nudeln extra, eine große statt kleiner Pizza, und zum Überbacken die Hand großzügig in die Tüte mit dem Reibekäse.

Innerhalb von 9 Monaten verlor ich ungefähr 15 Kilo. Keine Frage wurde mir seither so oft gestellt wie: Wie hast du das gemacht? Und meine Antwort lautet stets: weniger essen, mehr bewegen. Die meisten sind dann enttäuscht. Sorry, aber das ist das ganze Geheimnis. Weniger essen, als man verbraucht. Das wusste ich auch, bevor ich “Fettlogik überwinden” gelesen habe. Und ja: So revolutionär, wie es oft dargestellt wird, ist das Buch vermutlich nicht. Es stellt im Grunde gängige Ernährungsmythen bzw. übliche Ratschläge und “Allgemeinwissen” zum Thema Gewicht nacheinander auf den Prüfstand und untersucht sie einzeln anhand von Studien. Und ich wette, jeder fühlt sich bei wenigstens einer dieser so genannten “Fettlogiken” irgendwie ertappt. Hier eine Checkliste für alle, die das Buch noch nicht gelesen haben – welchen dieser Aussagen würdet ihr zustimmen:

  • Es ist gefährlich, wenig zu essen, dann hat man keine Energie und baut Muskeln ab!
  • Im Alter nimmt man zu, weil der Stoffwechsel langsamer wird.
  • Leichtes Übergewicht ist sogar gesünder als Normalgewicht!
  • Jojo-Diäten sind viel schädlicher als Dicksein!
  • Wer mit dem Rauchen aufhört, nimmt unweigerlich zu.
  • Von Diätprodukten nimmt man zu!
  • Wer abnehmen will, sollte mehr Obst essen.
  • Kalorien zählen ist essgestört und genussfeindlich.
  • Man sollte maximal ein Pfund pro Woche verlieren.
  • Manche Menschen können nie wirklich schlank sein, dafür sind sie körperlich einfach nicht gebaut.
  • Kalorienzählen funktioniert bei mir nicht. Ich esse nur 1.000 Kalorien am Tag und nehme trotzdem nicht ab! Mein Stoffwechsel ist ruiniert!
  • Bei zu schnellem Abnehmen oder zu viel Gewichtsverlust rutscht man ganz schnell in die Magersucht.
  • Das Idealbild der dünnen Frau ist ein Phänomen unserer Zeit, früher war das ganz anders.
  • Abnehmen ohne Sport geht nicht.
  • Das Übergewichtsproblem ist überbewertet. (Das ist doch noch nicht adipös!)
  • Tägliches Wiegen ist schlecht oder sogar gefährlich.

Und? Also, ich muss zugeben, obwohl ich “weiß, wie es geht” und quasi frei Schnauze schon mal erfolgreich abgenommen hatte, hätte ich einigen dieser Sätze zugestimmt. Vor allem der Aussage, dass man langsam abnehmen soll, damit es gesund bleibt; aber auch, dass leichtes Übergewicht gesünder sei als Normalgewicht oder dass man maximal einmal in der Woche auf die Waage steigen sollte. Tja. Ich werde jetzt nicht Punkt für Punkt widerlegen, aber allen diesen Punkten (und zahlreichen mehr) widerspricht Nadja Hermann in dem Buch. Sämtliche Aussagen untermauert sie dabei mit Studien, bezieht auch Studien ein, die vermeintlich das Gegenteil beweisen, und nimmt diese Studien Schritt für Schritt auseinander, was den Aufbau und die Aussagekraft betrifft.

Jojo-Effekt und Hungerstoffwechsel: Kann man nix machen!

Zum Beispiel der Jojo-Effekt: Das weiß man doch, dass der Körper nach einer Diät froh ist, endlich wieder genug zu essen zu bekommen, und alles einlagert, was er kriegen kann. In Vorbereitung auf die nächste Hungersnot. Der Stoffwechsel fährt runter und man nimmt plötzlich viel schneller zu – gibt’s doch Studien zu und hat auch jeder schon mal erlebt, nach einer Diät wiegt man ganz schnell und quasi urplötzlich wieder mehr als vorher, obwohl man nicht anders isst.

Tja, nun. Das denkt man so. Und ja, es stimmt. Nimmt man ab, verbraucht man weniger Kalorien und kann nicht mehr so viel essen wie vorher. Zudem man ja auch schon vorher mit eben dieser Menge an Nahrung offenbar zugenommen hat, sonst wäre ja die Diät nicht nötig gewesen. Aber ja, auch abgesehen von den Kalorien, die man aufgrund von geringerer Körpermasse weniger verbraucht, benötigen laut einigen (längst nicht allen) Studien einige Menschen nach einer Diät plötzlich weniger Kalorien als erwartet. Und zwar ungefähr 50-80 täglich. Das ist nicht besonders viel. Es ist also nicht so, als dürfte man nach einer Diät keinen Apfel mehr ansehen, ohne zuzunehmen. Und selbst dieser Effekt trat nur bei Menschen auf, die bei der Abnahme völlig auf Sport verzichtet hatten. Warum der Hungerstoffwechsel Unsinn ist, wird im Buch ausführlich und nachvollziehbar erklärt.

Umsetzung: Wiegen, wiegen, wiegen oder Quantifizierung ist alles

Fettlogik überwinden” sagt dem Leser nicht, was er tun soll. Es will keine Anleitung zur Abnahme sein. Nadja erzählt von ihrem eigenen Weg und stellt ansonsten eben die üblichen Mythen auf die Probe. Daraus kann sich jeder selbst mitnehmen, was ihm weiterhilft. Mein Weg war der folgende: Ich habe Kalorien gezählt. Alle. Ich habe mir eine Mini-Waage fürs Büro gekauft und mein Mittagessen abgewogen. Ich habe beim Kochen jede Zutat einzeln auf die Waage gelegt und in die FDDB-App eingetragen. Ich hatte kein festes Kalorienziel; möglichst wenig halt, ohne zu viel Hunger zu haben (und oh Wunder, Hunger kann man manchmal aushalten, wenn man das will). An manchen Tagen war das mehr, an anderen weniger. Ich habe ganz normal auswärts gegessen, wenn es Anlässe gab; aber das Essen dort habe ich dann eben geschätzt und trotzdem in die App eingetragen. So war ich eben manchmal nur knapp unter meinem täglichen Kalorien-Gesamtumsatz und manchmal sehr viel.

Nicht nur mein Essen habe ich gewogen; auch mich selbst. Täglich. So lernte ich, dass Schwankungen ganz normal sind und konnte auch ein bisschen abschätzen, woran sie lagen. Bei bisherigen Abnahme-Aktionen hatte ich mich maximal einmal in der Woche gewogen. Das kann sehr frustrierend sein, wenn die Waage dann genau am Wiegetag einen Ausreißer nach oben hatte. Außerdem gab es mir Routine, sich halt jeden Tag draufzustellen. Wenn mir das Ergebnis gefiel, freute ich mich; wenn nicht, gab ich nicht allzu viel drum.

Die dritte Säule meines “Quantifizierungswahns” kam nach ein paar Monaten hinzu. Ich erstand nämlich günstig ein gebrauchtes Fitbit-Fitnessarmband. Yay, ein Gerät, das alle meine Bewegungen aufzeichnet und auf dubiosen Servern in den USA speichert! Was tut man nicht alles. Das Armband zählte zuverlässig meine Schritte und zeichnete meinen Sport auf. Außerdem rechnete es erstaunlich genau meinen Kalorienverbrauch aus, was natürlich fürs Zählen äußerst hilfreich war. Und das tägliche Schrittziel von 10.000 Schritten zu erreichen – und sich womöglich gar in Wettbewerben mit anderen Nutzern zu messen – hat mich enorm motiviert. Vor allem, weil ich sehen konnte, was ein Tag mit 3.000 Schritten für einen Kalorienverbraucht hat im Vergleich zu einem mit 10.000. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage: Der Unterschied ist erstaunlich. So ein paar Schritte durch die Wohnung, da erwartet man ja nix. Aber doch, es bringt etwas, definitiv. (Mittlerweile habe ich ein neues Armband, das die Kalorien weitaus ungenauer ausrechnet, aber ich kann den Verbrauch relativ zuverlässig selbst abschätzen.)

Sportlich bin ich also viel gegangen (dazu kam ja auch noch Pokemon Go in der Zeit, yay!). Und mit dem Bouldern habe ich in der Zeit angefangen. Was das so verbraucht, weiß ich aber nicht, doch Muskelaufbau kann ja schließlich auch nicht schaden und der Spaß stand dabei im Vordergrund.

Ein Fazit und zwei Sätze, die ich nicht mehr hören kann


Bis September 2016 hatte ich also 15 Kilo abgenommen. Aber in der Überschrift steht doch 20? Bin ich danach etwa auf meinen ominösen Setpoint gestoßen, ab dem es nicht mehr weitergeht? Nö, es ist viel banaler. Ich habe pausiert. Im Oktober sind wir umgezogen und danach bin ich irgendwie nicht mehr richtig in den Tritt gekommen. Wie sagt Nadja so schön? Es ist nicht schwierig, aber es ist trotzdem schwer. Ungefähr im März habe ich wieder angefangen, und seither sind wieder etwa fünf Kilo runter. Also, keine Sorge: Es klappt. Außerdem keine Sorge: Ich bin weder magersüchtig noch zu dünn, noch werde ich zu dünn, wenn ich mein Gewichtsziel eines mittleren Normalgewichts erreicht haben werde. Denn das ist einer der beiden Sätze, die ich nicht mehr hören kann – in verschiedensten Variationen: Wo willst du denn noch abnehmen? Jetzt ist es aber gut. Das reicht doch jetzt. Vor der Magersucht hat mich noch niemand gewarnt, aber hey, ich schmiere es auch nicht allen aufs Butterbrot, dass ich noch nicht fertig bin. Ich finde dennoch, das muss eigentlich niemand kommentieren. Ich sage ja auch niemandem, dass er unbedingt abnehmen sollte; wieso sollte es besser sein, jemandem zu sagen, dass er das auf keinen Fall tun sollte?

Die zweithäufigste Satzvariation kommt nach meiner Antwort auf die Frage, wie ich das denn gemacht hätte (zur Erinnerung: weniger essen, mehr bewegen). Dann kommt nämlich gefühlt in der Hälfte der Fälle eine Rechtfertigung, wieso das bei mir zwar geklappt hat, aber bei meinem Gegenüber auf keinen Fall so klappen kann: Ach, in deinem Alter geht das ja auch noch. Dafür habe ich keine Zeit. Das klappt bei mir nicht, habe ich schon probiert. Wenn das mal so einfach wäre. Das ist zu kompliziert. Das ist ja auch Typsache. Leute, echt jetzt? Ihr braucht euch nicht zu rechtfertigen. Mir ist das doch egal, was ihr wiegt. Ihr habt mit dem Thema angefangen. Allerdings ist die Hälfte von dem, was ihr sagt, durch Studien widerlegt. In der Regel habe ich aber keine Lust auf Diskussionen und steige aus dem Gespräch aus. Manchmal erwähne ich das Buch – das ich mir mittlerweile gleich zwei Mal als Printversion gekauft habe, weil ich gern darin blättere, es aber auch regelmäßig verleihe.

Die feine Kunst der Unproduktivität

“Brrrrrt”, brummt das Smartphone. “Brrrt-brrrt-brrrrrrrt”, vibriert analog der neue Fitnesstracker, der sich mit “Smartwatch-Features” rühmen kann. Immerhin muss ich das Handy nun nicht extra zur Hand nehmen, um festzustellen, dass ich einen Termin habe. Den dritten diese Woche. Oder vierten? Kommt drauf an, was man alles als Termin zählt, nehme ich an. Bouldern, Stammtisch, eine Geburtstagseinladung – alles Spaß, alles Stress. Freizeitstress. Dazwischen kommen die ganzen “Eigentlichs”. Eigentlich müsste man mal wieder. Da fällt ja so ungefähr alles drunter, von “zum Zahnarzt gehen” über “alte Freunde anrufen” bis hin zu “früher ins Bett gehen”.

Ein voller Terminkalender ist mittlerweile Standard, das merke ich, wenn ich mich mit jemandem verabreden will. Wie mit der Freundin, die ich im Oktober treffen wollte, dann im November, mittlerweile ist das Treffen auf unbestimmte Zeit verschoben (ich winke hier mal unauffällig rüber – es ist immer noch Saunazeit, meine Liebe!). Aktivität ist positiv, Produktivität ist Alltag. Selbst beim Seriengucken wird es doch heutzutage produktiv – schnell, die neue Staffel von der Lieblingsserie rein-bingen, damit wir den Anschluss bei der anderen Serie nicht verpassen, und einen Haken dranmachen können! Ich nehme mich da nicht aus, gerade bei Serien leide ich unter einem schweren Fall von #Fomo, mir fällt es wirklich schwer, Serien abzubrechen oder als “Interessiert mich nicht” abzulegen, insbesondere, wenn alle Welt begeistert ist. Und die ständige Verfügbarkeit von ganzen Staffeln ist zwar ganz schön, setzt aber auch unter Druck. Angst vor Spoilern! Mitreden können! Aber ich schweife ab.

Denn eigentlich geht es mir um Unproduktivität und das Gefühl, wie gut es tun kann, einmal völlig absichtlich gar nichts zu tun. Oder etwas, das kein Ziel hat. Zeit mit sich allein zu verbringen. Zeit nicht effizient zu nutzen – wie wir es tun, wenn wir in der Schlange im Supermarkt eben Instagram checken oder auf dem Weg ins Büro ein Hörbuch hören, das wir sonst nie gelesen kriegen würden, weil die Zeit fehlt. Sondern im Gegenteil: Zeit zu verschwenden, indem wir sie eben nicht nutzen. Denn diese Zeit ist nicht verschwendet, und wir tun nicht “gar nichts”. Wir laden unseren Akku auf, gewinnen vielleicht Selbsterkenntnis oder Ruhe. Ich persönliche verspüre nach solch “verschwendeter Zeit” oft ein wohliges Gefühl von Zufriedenheit und bemerke plötzlich ein Lächeln in meinem Gesicht – ob ich mir nun fünf Minuten oder eine Stunde gegönnt habe, oder auch mal einen ganzen Tag. “Mental Health Day” habe ich kürzlich gelesen – klingt ja auch besser als “schluffiger, fauler Sonntag”! 😉 Jedenfalls tut es mir gut, nichts zu tun. Eindeutig ein Grund, es weiterzuempfehlen!

Inspiriert von diesem Blogpost habe ich aufgeschrieben, was ich gern so unproduktives mache. Manches davon könnt ihr jetzt direkt, right now, einfach mal ausprobieren -anderes dauert etwas länger:

  1. Einen Spaziergang machen
  2. Ohne Kopfhörer
  3. Und ohne zu fotografieren, wenn dir ein Motiv über den Weg läuft
  4. Aus dem Fenster schauen
  5. Die Musik ausschalten
  6. Eine Zeitschrift durchblättern
  7. Das Fenster öffnen und die frische Luft einatmen
  8. Ein Buch lesen, das man schon kennt
  9. Oder einen Film schauen, denn man schon oft gesehen hat
  10. Ohne Smartphone-Ablenkung
  11. Ein Foto bewusst nicht machen
  12. Eine Email an Freunde schreiben – noch besser einen Brief, aber wir wollen realistisch bleiben
  13. Aufstehen und eine Runde durch die Wohnung gehen
  14. Auf dem Sofa sitzen. Die Wohnung anschauen.
  15. Eine Tasse Kaffee trinken
  16. Deine/n Liebste/n umarmen
  17. Atmen
  18. Bewusst Musik hören
  19. Eine Liste mit Ideen aufschreiben, was man schon lange mal machen wollte
  20. Nichts davon heute machen
  21. Oder nur etwas, was wirklich Freude macht

Wie nutzt ihr eure Zeit am liebsten unproduktiv?

Vom Gönnen.

“Gönnen Sie sich was”, sagt die Ärztin zu mir. Ich bin zu ihr gegangen, weil es mir nicht gut geht. An der (Ur-)Sache können wir nichts ändern – nur an meinem Umgang damit. “Gönnen Sie sich etwas – belohnen Sie sich, kümmern Sie sich um sich selbst.”

Ein paar Monate ist das jetzt schon her. Und der Satz blieb hängen. Vor allem, weil es mir erst einmal so schwer fiel, mir etwas zu überlegen, was ich mir gönnen könnte. Alles, was mir einfiel, war Essen. Pizza, Weingummi, Lasagne und dazu ein leckerer Wein? Aber ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn man nicht innerhalb eines Monats wie ein kleiner Kürbis auf Beinen durch die Gegend rollen will, sollte man diese Art des Gönnens auf Ausnahmefälle beschränken.

Das zweite, was mir einfiel: mir Dinge kaufen. Geld ausgeben für Sachen, die nicht wirklich nötig sind. Das habe ich auch probiert. So bin ich an ein wunderbares neues Fitness-Armband gekommen, eine neue Handyhülle durfte einziehen, und generell hab ich im Laden häufiger mal “was soll’s” gesagt und die Schuhe, die Zeitschrift, die Hose halt einfach gekauft. Die Strategie funktioniert – kurzfristig und wenn man nicht zu sehr auf das Bankkonto guckt.

Letzten Endes ist es aber so: Nachhaltig hilfreich sind nicht die materiellen Dinge, die ich mir gegönnt habe. Aufbauend, glücklich machend, ablenkend und motivierend ist eine neue Einstellung. Ich gönne mir die Zeit, das zu tun, was ich tun möchte. Ohne nach Ausreden zu suchen oder etwas generell als zu schwierig oder unmöglich abzutun. Ich habe mir Konzertkarten einfach gekauft, auch wenn das Konzert noch so weit in der Zukunft lag, dass es mir absurd vorkam (jetzt sind es nur noch 3 Wochen!). Ich habe nicht gebloggt, wenn mir nicht nach Bloggen war. Ich habe früh Feierabend gemacht und bin in die Stadt gefahren, habe mir ein Eis geholt und bin durch die Geschäfte gebummelt – einfach so, mitten in der Woche. Ich habe im Urlaub keine Fotos gemacht, nicht darüber gebloggt, und kein Album gestaltet (womit auch?). Ich habe nicht einmal Postkarten geschrieben (sorry!). Ich bin Wandern und Spaziergen gegangen, bin in neue Innenstädte gefahren, war in der Sauna, habe neue Rezepte ausprobiert (mit wechselndem Erfolg) und das Bouldern als neue Sportart für mich entdeckt.

Am hilfreichsten war für mich nämlich die Erkenntnis, dass man gar nicht lange planen muss. Es ist gar nicht immer so leicht, zu erkennen, was einem wirklich gut tut. Aber was mir nicht gut tut, sind vollgepackte Wochenenden und jeden Abend ein neuer Termin. Hingegen spontan am Wochenende zu entscheiden, irgendwo hinzufahren – das ist was ganz anderes. Und deswegen ist mein Vorsatz für die nahende Weihnachtszeit auch: Möglichst wenig Termine. Vielleicht versende ich spontan ein paar Weihnachtskarten – vielleicht auch nicht. Vielleicht backe ich Plätzchen – vielleicht nicht. Mal sehen, worauf ich Lust  habe – und was ich mir gönnen möchte.

Warum erwachsen sein rockt.

Wenn ich unserer Generation einen Namen geben müsste, dann wäre das wahrscheinlich “Generation Peter Pan”. Tatsächlich scheint “erwachsen” fast eine Beleidigung für viele zu sein, und gestandene Mittdreißiger wehren sich mit Händen und Füßen dagegen, “erwachsen zu werden”. Spoiler: Sie sind es trotzdem. Per definitionem.

Ich muss zugeben, dass ich auch einmal so war. Damals. Als Teenager. Uuuh, erwachsen sein. Wie schrecklich. Dann ist doch alles blöd. Und so spießig ist man dann! Und man muss immer nur arbeiten. Und dann geht man heim und ins Bett. Ohgottogottogott. Schröcklich.

Kindsein. Offenbar gar nicht mal so geil.

Kindsein. Offenbar gar nicht mal so geil.

Heute werde ich 32 Jahre alt, und ich würde meinem Teenager-Ich gern zuflüstern: Das ist alles gar nicht wahr. Es wird von jetzt an nur noch besser. Mit jedem Jahr. Die Zwanziger sind besser als die Zehner, die Dreißig piekst erst etwas, aber nur zwei Tage, und dann sind auch die Dreißiger fantastisch. Vermutlich werden auch die Vierziger und Fünfziger großartig sein – zumindest hoffe ich das mal.

Tatsache ist doch, dass man die meisten Dinge, die am Erwachsensein doof sind, sowieso machen muss. Ob man sich nun als “erwachsen” bezeichnet oder dieses Wort vehement von sich weist. Man muss nun mal irgendwie an Geld kommen – dazu muss man sich mit Arbeitgebern oder Ämtern oder Kunden herumschlagen, ist halt so. Man muss seine Miete bezahlen und seinen Haushalt mehr oder weniger schmeißen und selber daran denken, sich die Fußnägel zu schneiden (sorry). Man muss sich von selbst an Mamas Geburtstag erinnern (wenn das nicht die Gattin macht, hüstel) und selbstständig entscheiden, wann es mal wieder Zeit ist, zum Zahnarzt zu gehen.

Also, egal, ob du dich als erwachsen bezeichnen möchtest oder nicht: Diese Dinge wirst du sowieso tun, mehr oder weniger erfolgreich. Da hilft kein weinerliches “Mimimi, ich bin aber nicht erwachsen”. Klar, vielleicht gehst du zu selten zum Zahnarzt oder hast schon mal deine Miete zu spät bezahlt, oder beäugst gerade kritisch deine Zehen und fragst dich, wo die Nagelschere ist (ich hoffe nicht!!!).

Aber die tollen Seiten des Erwachsenseins! Die heben das alles wieder auf! Keine Widerrede – hier sind die Top Ten tollsten Dinge am Erwachsensein:

  1. Du kannst Eis essen, wann immer dir danach ist.
  2. Du kannst solange aufbleiben, wie du möchtest.
  3. Du kannst so viele Videospiele spielen, wie du willst.
  4. Du kannst Auto fahren!
  5. Du kannst vor dem Fernseher essen.
  6. Du kannst den Haushalt auch einfach mal liegenlassen, ohne dass jemand schimpft.
  7. Du kannst selbst entscheiden, wohin der Urlaub geht. Und wie er aussieht.
  8. Du kannst dich tätowieren lassen.
  9. Du musst nie wieder Rosenkohl essen. Es sei denn, du magst Rosenkohl. Dann kannst du auch jeden Tag Rosenkohl essen. Natürlich bist du dann etwas merkwürdig, aber ich mag dich trotzdem.
  10. Wenn du Feierabend hast, hast du Feierabend. Das gilt zumindest für “normale” Arbeitnehmer – für Selbstständige ist das sicher anders, genauso wie für Studenten. Aber sonst: Keine Hausaufgaben, nicht mehr lernen. Frei ist frei. Ein traumhaftes Gefühl!

Und jetzt mal ehrlich: Allein der erste Punkt bringt mich immer wieder in größte Verzückung und ist es absolut wert! Daher blicke ich auch meinem 33. Lebensjahr mit voller Freude und Neugier entgegen. Und außerdem muss ich glaube ich mal wieder Ben & Jerry’s kaufen.

Menden, 1994/1997.

Menden, 1994

Die Musikbox meines Onkels konnte sicherlich um die 80 Platten abspielen, aber wenn ich da war, wählte ich immer nur zwei aus: “The Sound of Silence” oder “Over in the Glory Land”, denn das waren die einzigen Lieder, die ich mit meinen zehn Jahren kannte. Die Musikbox leuchtete, und ein Greifarm legte automatisch die Platte auf, wenn man eine Zahl und einen Buchstaben drückte.

Der Flipper stand im gleichen Raum. Der Flipper! Ein eigener Flipper, und eine Musikbox. Stundenlang versuchte ich, Flipper-Rekorde zu knacken. Wenn man zu fest gegen den Flipper stieß, ertönte ein lautes Quäken und die Hebel blockierten für kurze Zeit. Ärgerlich. Aber dann das Gefühl, am Metallgriff zu ziehen, bis die Feder zurückschnellte und die schwere Metallkugel nur so ins Spielfeld hineinschoss. Die Knöpfe, weiß aus Kunststoff – ich fühle sie noch unter den Fingern, und höre ihr leises Klacken. Das Blinken und Aufleuchten, die Sonderpunkte und die diebische Freude, wenn die Kugel zwischen den Bumpern gefühlte Ewigkeiten hin- und herprallte, ohne herunterzurollen, und der Punktezähler hochschnellte. Das metallische Klingeln der Bumper.

Die erreichten Punkte notierte ich akribisch in meinem Tagebuch. 29.270, 32.720 und einmal gar 58.700 Punkte, das absolute Highlight. Im Tagebuch zeichnete ich den Flipper auch auf, er war blau und hatte ein Tauchermotiv. Darüber hinaus existiert in unserem Haushalt kein einziges Foto von diesen Geräten. Erstaunlich, wo ich doch sonst so ziemlich alles fotografiert habe.

image

 

Menden, 1997.

Ich verbringe die Ferien immer noch gern bei meiner Tante und meinem Onkel. Ich bewundere meine älteren Cousins, die schon fast erwachsen sind und in deren Freunde ich mich regelmäßig verliebe. Ich darf lange aufbleiben, viel länger als zuhause – eigentlich, solange ich möchte. Und im Gästezimmer steht ein eigener Fernseher, auf dem ich bis spät in die Nacht Filme schaue. Ich bin 13 Jahre alt und sitze mit meiner Tante abends lange im Wohnzimmer. Wir sehen fern, und danach wir unterhalten uns, und regelmäßig sagt sie “Eine rauche ich noch, dann gehe ich ins Bett.” Es ist spät, Mitternacht ist lange vorbei, aber ich halte dem Atem an und hoffe, dass sie es vergisst. Und tatsächlich, eine halbe Stunde später schaut sie auf die Uhr und sagt “So – eine rauche ich noch, dann gehe ich ins Bett.” Zu meinem größten Glück wiederholt sich das mehrfach. Und egal, wie müde ich werde, ich würde an diesem Abend nie freiwillig ins Bett gehen, wenn ich doch stattdessen hier sitzen kann, zwei Erwachsene, die gemeinsam den Abend verquatschen.

Heute kann ich mich an kein einziges unserer nächtlichen Gespräche mehr inhaltlich erinnern. Das Gefühl, das ist hängen geblieben: ernst genommen werden. Als erwachsener Gesprächspartner behandelt werden.

Gerade jetzt #1

Wie ist das so, gerade jetzt? Eine kleine Momentaufnahme. Zuerst hier aufgeschrieben, ab jetzt vielleicht häufiger mal zwischendurch. Was steht auf der Tagesordnung? Was beschäftigt mich?

rickscafe

Gerade jetzt…

denke ich eigentlich die ganze Zeit nur an unsere neue Wohnung und wie wir sie einrichten werden! Die Küche haben wir schon ungefähr 5 mal umgeplant und es macht riesig Spaß. Am Wochenende wird es wieder in die Möbelhäuser gehen!

mag ich den Frühling! Es sprießt und wird überall grün, und die Sonne scheint. Das macht mich so glücklich!

mag ich nicht so gern meine Haare, deshalb habe ich am Samstag einen Termin beim Frisör.

fühle ich mich optimistisch, motiviert und topfit. Das macht der Frühling mit mir!

trage ich leider immer noch Handschuhe auf dem Fahrrad morgens. Und meistens auch abends.

brauche ich noch sehr viel Kraft, um morgens pünktlich aus dem Bett zu kommen. Aber ich setze fest darauf, dass Gewohntheit daraus wird.

höre ich immer noch “Hamilton”, das Musical über den amerikanischen Gründungsvater. Außerdem Podcasts – am liebsten “Dear Hank and John” und ganz neu für mich “My brother, my brother and me“.

mache ich mich fit und mir selbst dicke blaue Flecken beim Bouldern. Es macht so viel Spaß! Ich glaube, ich habe endlich den perfekten Sport für mich gefunden.

lese ich bald das neue Buch für den Buchclub: Die Widerspenstigkeit des Glücks von Gabrielle Zevin.

trinke ich jeden Tag eine Kanne Früchtetee im Büro, am liebsten “Persischer Granatapfel” von Teekanne.

vermisse ich Urlaubstage! Aber bald kommt ja der Mai mit seinen vielen Feiertagen und im Juni haben wir dann tatsächlich Urlaub.

schaue ich mit dem Helden die zweite Staffel Better Call Saul, und allein noch mal die alten Gilmore Girls-Folgen durch, bevor ja dann irgendwann die neuen rauskommen sollen. Ich freue mich schon!

träume ich nachts wirre Wohnungsträume und tags … eigentlich auch. Nur nicht ganz so wirr. 😉

Und, wie ist das bei euch so, gerade jetzt? Nachmachen erwünscht!

Zurück in der Zukunft

Wenn man in seinem Blog so lange nicht geschrieben hat wie ich, ist es ein bisschen wie mit einer Freundin, bei der man sich lange nicht gemeldet hat. Manchmal denkt man an sie, und dann sticht das schlechte Gewissen. Ist es jetzt zu spät? Ist sie sauer? Denkt sie auch noch an mich? Wenn ich mich jetzt noch melde, was ist meine Entschuldigung? Haben wir uns überhaupt noch etwas zu sagen?

So stehe ich jetzt hier, in meinem guten alten Blog, und schaue etwas betreten nach links und rechts. Seit Monaten habe ich nichts mehr geschrieben, mich kaum noch eingeloggt. Blog-Müdigkeit, kombiniert mit privatem Stress und generell dem Bedürfnis, mich etwas einzuigeln, waren der Grund. Aber alles ist noch da, so wie ich es zurückgelassen habe. Angefangene Entwürfe, in der Seitenleiste ein Buch, das ich vor Monaten gelesen habe. Was nun?

IMG_20160217_141711

Nun, der Freundin würde man vermutlich zunächst einmal erzählen, was man in der letzten Zeit so getrieben hat. Was ist also in den letzten Monaten passiert in meinem Leben? Ich habe Bücher gelesen und nicht aufgeschrieben, welche. Ich habe mein Tattoo nachstechen lassen, jetzt ist es wirklich und wahrhaftig fertig. Ich habe angefangen, regelmäßig zu Bouldern und habe riesigen Spaß dabei. Ich habe einen türkischen Kochkurs besucht und eine Lesung der drei Fragezeichen. Ich habe mich von Kapelle Petra und Elfmorgen überzeugen lassen, mehr auf Konzerte zu gehen – das nächste steht Ende des Monats an. Ich habe gemeinsam mit dem Helden eine kleine emotionale Achterbahnfahrt durchlebt, als wir überlegten, wo und wie wir in Zukunft leben möchten; letzten Endes haben wir aber die perfekte Wohnung für uns gefunden und werden voraussichtlich im Sommer umziehen, wenn der Vermieter mit dem Renovieren fertig ist.

IMG_20160228_013006

Wenn ich das alles auf einen Haufen sehe, frage ich mich, woher dieses Gefühl kommt: dass ich eigentlich gar nichts mehr zu erzählen hätte hier im Blog. Dass alles schon gesagt und gezeigt ist, dass ich gar nichts mache und all das sowieso niemanden interessiert. Allerdings frage ich mich dennoch nach wie vor, wo es mit diesem Blog hingehen soll. Ob ich nicht doch mal einen (anderen?) Schwerpunkt setzen sollte. Und ob ich überhaupt Lust habe, wieder anzufangen.

IMG_20160212_173121

Tja, hmm. Wie sieht’s aus, worüber wollt ihr denn wieder mal was lesen? Alltag, Bücher, Kreatives? Umzugsgeschichten oder Konzertberichte? Oder mal was ganz anderes, über Serien, Videospiele, übers Bouldern oder …?

So oder so verspreche ich, dass dies der einzige Beitrag in diese Richtung bleiben wird. Egal, wann der nächste Artikel folgt – es gibt ja nichts nervigeres, als in einem Blog fünf Posts hintereinander zu lesen, in denen es nur darum geht, dass sich die Autorin entschuldigt, so lange nicht geschrieben zu haben. Aber es wenigstens einmal zu thematisieren, war mir doch ein Bedürfnis.

Jetzt schaue ich mich etwas verschüchtert um: Was sagt die Freundin, bei der man sich nach Monaten plötzlich wieder meldet? Was sagt der Blog – sind die Leserinnen überhaupt noch da, oder schreibe ich allein auf weiter Flur? Ein ungewohntes Gefühl. Aber ich sag einfach mal ganz optimistisch: Bis bald!

1000 mal Willkommen – Kopfschütteln reicht nicht

“Ganz ehrlich: So lange reihenweise Menschen, die die deutsche Sprache nicht beherrschen, Kommentarspalten im Internet mit rassistischen Kommentaren vollkotzen, können wir gar nicht genug Titelseiten haben, auf denen ‘Willkommen’ steht.” – Florian Schroeder im ZEITraffer.

Liebe Leute, genau so schaut’s aus. Flüchtlinge aus allen Ecken der Welt versuchen, Europa zu erreichen, und die Deutschen reagieren – mit Hass, Zynismus, Hetze. Egal, in welchem Online-Medium man in die Kommentare schaut, in welchen sozialen Netzwerk man die Diskussionen liest: von “Ich hab nichts gegen Ausländer, aber…” bis “Super, wieder ein paar hundert weniger” als Reaktion auf ein gesunkenes Flüchtlingsboot ist alles dabei. Das ganze Spektrum der fiesesten Fratze, des hässlichsten Gesichts Deutschlands. Und es ist gesellschaftsfähig geworden.

Wenn man nur online unterwegs ist, kann man tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass mittlerweile eine Mehrheit der Deutschen so denkt. Tatsächlich nicht mehr nur anonym, sondern völlig offen sind viele unterwegs, und sie ernten Zustimmung. Sie ernten aber auch Widerspruch, und weil das Internet nun einmal das Internet ist, entstehen daraus viel zu häufig tiefe, niveaulose Grabenkämpfe, mit Beleidigungen und Schwanzvergleichen, mit völlig absurden Argumenten und an den Haaren herbeigezogenen Statistiken auf beiden Seiten, so dass man einfach keine Lust hat, sich da jetzt wirklich einzumischen.

Aber!

Bei uns im Stadtteil wurde Anfang des Jahres ein Flüchtlingswohnheim gebaut. Und weil unser Dorf ein tolles ist, war die Reaktion, zumindest die öffentlich sichtbare, ausschließlich positiv (was beim einen oder anderen am Abendbrottisch geredet wurde, weiß ich natürlich nicht). Informationsveranstaltungen waren gut besucht, und alle wollten nur eins: helfen. Bei Treffen der ehrenamtlichen Mitarbeiter gab es nicht genügend Stühle, und die mittlerweile gegründete Kleiderkammer bittet im regelmäßigen Newsletter, von weiteren Spenden zunächst einmal abzusehen, weil es sonst zu viel wird. Wenn eine Email rumgeht, weil etwas benötigt wird, kommt eine Stunde später eine weitere, dass es bereits gefunden wurde. Die Menschen engagieren sich, die Menschen sind positiv eingestellt und heißen die Flüchtlinge willkommen, so gut es geht.

Können, wollen, dürfen wir wirklich zulassen, dass im Internet der Eindruck entsteht, uns sei es egal, was dort geschrieben wird – weil wir es schließlich in der Realität anders sehen? Dass Rassisten unter dem Deckmantel der Besorgnis lügen, dass sich die Balken biegen, ohne das jemand groß widerspricht? Dass Beleidigungen und Hetze der übelsten Sorte von anderen noch bejubelt werden? Denn ich bin mir sicher: Das ist nicht die Mehrheit. Die Mehrheit liest die Kommentare, schüttelt den Kopf und denkt sich seinen Teil (und macht sich über die häufig der deutschen Rechtschreibung nur mäßig mächtigen Autoren lustig – was nicht hilft, sorry). Während sich die Minderheit daran aufgeilt, jetzt vermeintlich das Sagen zu haben, und zur Abwechslung mal ein Flüchtlingsheim anzündet, hey, endlich mal.

“Wenn man also nicht der Meinung ist, dass alle Flüchtlinge Schmarotzer sind, die verjagt, verbrannt oder vergast werden sollten, dann sollte man das ganz deutlich kundtun, dagegenhalten, Mund aufmachen, Haltung zeigen, öffentlich an den Pranger stellen.” Anja Reschke findet ihm Tagesthemen-Kommentar großartige Worte zu diesem Thema, und zu Recht wird ihr Beitrag zahlreich geteilt. Und allein, wenn man einige Kommentare unter dem Video liest, weiß man, was sie meint.

Lutz ist übrigens auch dieser Meinung, und deswegen hat er die Aktion “1000 mal Willkommen” ins Leben gerufen. “Ich möchte den stummen (und lauten) Befürwortern eine Plattform bieten auf denen wir alle gemeinsam sagen können: ‘Herzlich willkommen – schön, dass Du da bist!'” – so stellt er die Aktion auf der zugehörigen Website vor. Gern reihe ich mich ein und sage “Herzlich Willkommen” an alle Flüchtlinge, die Deutschland erreichen und auf Hilfe, nicht auf Hetze treffen sollten.

1000-mal-willkommen-buntgestreifthuepfig

Mit einem coolen W für “Willkommen” und einer Begrüßung in vielen Sprachen, bei denen ich hoffe, dass Google alles richtig übersetzt hat! 😉

Natürlich reicht ein Blogpost nicht aus. Aber allein einmal zu zeigen, dass die schreienden Hetzer eben nicht die Mehrheit stellen, dafür lohnt es sich. Daher würde ich mich über jeden freuen, der sich der Aktion anschließt – auch, wenn man vielleicht sonst nicht so ein Aktionsfan ist. Auch als Nicht-Blogger kann man mitmachen und sein Bild auf der Aktionsseite hochladen (das ist, soweit ich das sehe, sogar die überwiegende Mehrheit)!

Ich fürchte, ganz ehrlich, dass mir meine Energie auch weiterhin für Kommentarschlachten auf Facebook & Co. zu schade sein wird. Aber je nach Thema schaffe ich es vielleicht doch, dem einen oder anderen zu widersprechen – einfach, damit ihm widersprochen wird. Damit niemand der Ansicht ist, er könne seine fremdenfeindlichen Botschaften ohne Gegenwehr in die Welt setzen. Und wenn jeder von uns das nur bei dem einen oder anderen Kommentar macht, bleibt vielleicht kein hetzender Satz auf Facebook unwidersprochen. Denn ich glaube nach wie vor fest daran, dass die Mehrheit der Deutschen nicht aus Rassisten und Nazis besteht, sondern dass wir, die “Gutmenschen” (diesen Begriff trage ich gern), nur einfach bislang viel zu leise sind.

Weiblich, männlich, ganz egal? #wasanderswäre

Habt ihr schon die Aktion #wasanderswäre mitbekommen? “Ich mach mir die Welt” haben dieses Blogstöckchen ins Leben gerufen, und ich finde das Thema sehr interessant. Es geht nämlich darum, was in eurem Leben anders wäre, wenn ihr mit einem anderen Geschlecht geboren worden wäret. Also in meinem Fall, wenn im Mai 1984 keine kleine Nele, sondern ein kleiner Felix auf die Welt gekommen wäre. Dazu gibt es sechs Fragen, die ich versuche, zu beantworten. Und ich entschuldige mich jetzt schon bei meiner Mutter, falls ich irgendwelche Aspekte aus meiner Kindheit falsch darstelle oder interpretiere.

Geburtskarte

Rosa, nicht hellblau wie die vom Helden: Kategorisiert schon im Krankenhaus.

 

Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann wärst?

In meiner Erziehung wurde sehr viel Wert auf Geschlechtergerechtigkeit gelegt. Ich habe immer vermittelt bekommen, dass ich alles genauso gut kann wie ein Junge/Mann, dass es eigentlich keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Ich lernte mehr Handwerk als Handarbeit, hatte niemals Barbies und habe im Kinderzimmer gleichwertig mit Matchbox-Autos und Puppen gespielt, war Fußballfan und mochte Boygroups. Ich würde mich weder als “typisches Mädchen” bezeichnen, noch würde ich sagen, dass ich das genaue Gegenteil war, wie man es häufig (oft mit einem Hauch von Stolz) hört von Frauen, die als Kind mit Autos gespielt haben. Ich war einfach ich, und ich habe meine Puppen genauso geliebt wie meine Bücher, meine Autos, meine Playmobil- und Lego-Kisten. Nur Schminken war ein Thema, mit dem ich (eigentlich bis heute) nie zu tun hatte.

Und wenn ich tatsächlich ein Junge gewesen wäre? Hätte ich dann die gleiche Erziehung bekommen, in der die Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit so eine große Rolle spielte, oder war das ein “Mädchenthema”, damit ich lerne, dass ich gleichberechtigt bin? Hätte ich auch mit Puppen gespielt, oder das doof gefunden? Ich hätte sicherlich andere Freunde gehabt (und mir sowohl in der Grund- als auch in der weiterführenden Schule einigen Zickenkrieg ersparen können), denn meine beste Freundin hätte sich in der 5. Klasse vermutlich nicht neben mich gesetzt und zu ihrer Freundin erkoren, wäre ich ein Junge.

Vielleicht hätte ich etwas anderes studiert, hätte mein Interesse für Informatik und Computerthemen mehr verfolgt. Vielleicht aber auch nicht, denn eigentlich bin ich ja nicht unglücklich mit meinem Weg – ich hatte nie das Gefühl, dass ich lieber etwas technischeres machen würde, aber nicht kann, weil ich ein Mädchen bin. Vermutlich hätte ich es beim Bewerben leichter gehabt – als junge Frau im gebärfähigen Alter ist man ja oft nicht ganz oben auf der Wunschliste. Aber das ist Spekulation, da ich nicht mit Bestimmtheit sagen kann, ob es jemals daran lag, dass ich einen Job nicht bekommen habe.

Ich wäre mit Sicherheit nicht mit dem Helden verheiratet. 😉 Aber vielleicht wäre ich mit einer anderen Person, männlich oder weiblich, glücklich. Vielleicht hätte ich schon Kinder, ohne mir über die Arbeit und Beruf so große Gedanken machen zu müssen.

Und im konkreten Alltag, wenn wir jetzt einfach mal annehmen, dass der Held eine Frau wäre und ich ein Mann? Es wäre wohl vieles ähnlich. Ich würde vermutlich nicht unbedingt das Nähen als Hobby angefangen haben, sondern mehr Xbox zocken – aber das mache ich auch. Vielleicht würde ich nicht im Chor singen, sondern in den Fußballverein gehen. Vielleicht würde ich mehr Geld verdienen. In der generellen Aufgabenverteilung im Haushalt wäre es vermutlich gleich, das ist bei uns sehr ausgeglichen. Im Büro hätte ich es vielleicht sogar schwerer, da mir die Kollegen in der Werkstatt , mehrfache Nachfragen zu technischen Themen durchaus verzeihen. Allerdings müsste ich mir vermutlich weniger Kommentare zum Thema Familienplanung anhören (definitiv aber andere, und es würde weniger vorausgesetzt, dass ich zuhause bleibe und mich um potentielle Kinder kümmere).

kinderfoto-ohne-rosa

Ich konnte auch ohne rosa!

 

Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau bist?

Bei Einladungen in der Küche oder beim Abräumen helfen, because that’s what you do. Ich sehe ein, dass es nur höflich ist, “Kann ich dir helfen?” zu fragen. Aber ich mache es nicht, weil ich Spaß daran habe, sondern eben, weil es sich so gehört. Das ist auch ok und ich finde es nicht schlimm, aber: Die Männer fragen das nie. Oder erst nach einem strengen Blick und Tritt unterm Tisch von ihrer Partnerin. (Disclaimer: Der Held schwört, dass das bei ihm anders ist.)

Mich an bestimmten Körperstellen rasieren und meine Haare in einer mehr oder minder weiblichen Frisur tragen (ich hasse Frisörbesuche und ich hasse es, mir zu überlegen, wie mein Haar aussehen soll. Als Mann hat man es da leichter, denke ich. Kurz und gut.)

Als Teenager hatte ich außerdem ein wahnsinniges Bedürfnis, mich zu beweisen. Meine Coolness unter Beweis zu stellen, zu zeigen, dass ich genauso viel trinken kann wie die Jungs (Spoiler: kann ich nicht), dass ich kein “Mädchen” bin, dass ich mutig bin und selbstbewusst und ganz sicher nicht schwach und “weiblich”. Urgs. Heute taucht das noch gelegentlich auf, aber ich versuche, es im Griff zu haben.

kinderfoto-mit-rosa

Aber in rosa gab’s mich auch!

 

Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du eine Frau bist?

Gar keine. Das wiederum lässt sich wahrscheinlich auf die Erziehung zurückzuführen, die mich ja schließlich gelehrt hat, dass ich alles genauso gut kann wie ein Mann. Und zu einem gewissen Teil auf meine Persönlichkeit (die aber genausogut ebenfalls von der Erziehung beeinflusst sein kann, wer weiß das schon). Ich habe keine Angst, im Dunkeln allein unterwegs zu sein – diesen Satz habe ich in anderen Beiträgen am häufigsten gelesen. Ich habe einfach nie negative Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht (glücklicherweise) und sehe gar nicht ein, dass ich mich einschränken soll aufgrund diffuser Ängste und weil einige Menschen (Männer) Arschlöcher sind. Pfff. Ich denke mir immer “Je mehr ehrliche Menschen jetzt hier unterwegs sind, desto sicherer wird die Gegend.” Das habe ich mir vor allem in meiner Zeit in Düsseldorf oft gedacht, wo ich nicht im besten Viertel in Bahnhofsnähe gewohnt habe. Ich hatte drei Möglichkeiten, zum HBF zu laufen. Einen sehr langen, “sicheren” Weg, einen sehr kurzen durch einen Park und einen mittellangen, unter einer Brücke hindurch an der Drogenberatungsstelle mit Spritzenautomaten (also wie Zigarettenautomat, nur für Spritzen) vorbei. Ich bin eigentlich immer durch den Park, meine Nachbarin hat immer den langen Weg genommen und das hat mich persönlich schon irgendwie genervt, obwohl es ja wirklich nicht mein Problem war. Aber Angst ist sowieso kein vorherrschender Charakterzug meinerseits.

In der Oberstufe gab es zwei Kurse, einen mit Fußball als Schwerpunktthema und einen mit Badminton und Tanz. Im Fußballkurs waren aber ausschließlich Jungen, daher habe ich den anderen gewählt. Nunja, letzten Endes wären glaube ich beide Kurse dank ihrer Lehrer nicht die beste Erfahrung meines Lebens geworden.

Im Studium habe ich in verschiedenen WGs gewohnt, und ich hätte keine “gemischte” WG gewollt. Dafür gibt und gab es keinen sachlichen Grund, und vielleicht hätte ich es auch besser mal riskieren sollen. Im Studentenwohnheim im Auslandsjahr waren auch Jungs, und es war gar kein Problem.

 

Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Durch jedes. Erwähnte ich den Drang, mich zu beweisen? 😉 Ich kann Autofahren und Einparken, Handwerken, schwere Dinge tragen und eigentlich alles (muss da noch wer an Lotta denken?). Und was ich nicht kann, das kann ich lernen.

Im Alltag fühle ich mich persönlich aber eigentlich nicht eingeschränkt. Wenn, dann gebe ich direkt Contra, und das muss ich nicht besonders oft.

Ich mag es allerdings nicht so gern, wenn Leute sich Sorgen machen, dass ich (vor allem nachts/abends) nicht sicher nach Hause kommen könnte. Obwohl sie es alle nur nett meinen. Das würden sie vermutlich nicht machen, wenn ich ein Mann wäre.

 

Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen zu gehören.

Wenn es um körperliche Arbeit geht, hat man es als Frau leichter, diese an einen Mann abzugeben. Ich habe lange gebraucht, bis ich zugeben konnte, dass Männer nun mal in den meisten Fällen stärker sind als ich – aber nun, meine Güte, dann lass sie doch meinen Koffer tragen, die Möbel aus dem Auto schleppen oder die Einkaufstasche übernehmen. Welche Rolle spielt es, ob ich das wirklich nicht kann? Wenn’s sie glücklich macht, der starke Gentleman zu sein… Aber ich möchte bitte selbst fragen. Männer, um Himmels Willen, hört bitte auf, mir Hilfe anzubieten oder zu fragen “Sollen wir nicht lieber warten, bis XY da ist, der helfen kann?” Ich bin auch stark! Unterschätzt mich nicht, verdammt! Ja, das ist verwirrend. Ich habe nie behauptet, dass alle meine Überlegungen und Gefühle zwangsläufig logisch sind. 😉

 

Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ich möchte behaupten, die meisten in meinem Leben, glücklicherweise. Bei uns im Büro spielt das Geschlecht keine Rolle, im Haushalt bei uns spielt das Geschlecht keine Rolle (wenn man den Helden fragt, ist er für das Auto verantwortlich, weil er der Mann ist – wenn man mich fragt, dann wasche ich es deshalb nicht, weil es mich nicht interessiert und weil ich Waschstraßen etwas gruselig finde, und es ihm persönlich wichtiger ist). Ich habe es da tatsächlich ganz gut.

Für die Allgemeinheit fallen mir jetzt nicht wirklich Situationen ein, in denen das Geschlecht egal ist. In den meisten Fällen spielt es wohl schon eine Rolle. Sei es im Job, im Sport (Frauenfußball, anyone?), in der Schule oder schon im Kindergarten, im Straßenverkehr, im Restaurant, im Baumarkt, in der Buchhandlung, … Das einzige könnte eventuell der Supermarkt sein. Ja, ich glaube, im Supermarkt ist das Geschlecht nicht so wichtig. Vielleicht. Wer weiß. Man muss ja nicht gerade die Chips kaufen, die nach Geschlecht getrennt vermarktet werden…


 Inspiriert wurde ich zur Teilnahme an dieser Aktion von der lieben Nike, die die Fragen selbst sehr lesenswert beantwortet hat – und ihr Mann hat sich ebenfalls daran gesetzt, was ich super finde! Und auch ich möchte jemanden zum Mitmachen aufrufen, nämlich Katha, Jana und Steffi. Katha, weil ich einfach neugierig bin. 😉 Jana, weil sie mir auf Facebook immer wunderbare feministische Links in die Timeline spült, die ich höchst interessiert lese (das mache ich, Jana, auch wenn ich nicht immer etwas dazu schreibe!). Und Steffi, weil wir das Thema letztens gaaaanz kurz am Rande gestreift hatten (es ging um Teilzeitjobs & Co.). Ich hoffe, ihr habt Lust! Alle anderen sind natürlich auch herzlich eingeladen, mitzumachen, ich finde es sehr spannend – und ich selbst habe mir das Stöckchen schließlich auch “einfach so” gemopst, ohne direkt nominiert gewesen zu sein. 😉

“Sicher bin ich nur dahinter?” Gefährliches Radfahren in Münster.

Heute Morgen fuhr ich wieder einmal mit meinem Fahrrad zur Arbeit. Es ist reine Faulheit, dass ich mittlerweile den Weg an den Hauptstraßen entlang gegenüber dem idyllischen Feld-, Wald- und Wiesenweg bevorzuge: Er ist einen Kilometer kürzer, und über die komplette Strecke kann ich einen Radweg benutzen. Heute radelte ich an einem ellenlangen Auto-Stau vorbei, das freut mich ja heimlich immer etwas. An einer Kreuzung regelte die Polizei den Verkehr, obwohl die Ampeln alle funktionierten, und ich wunderte mich etwas.

Später klärte sich dies bei einem Blick in die Polizeimeldungen: Kaum 45 Minuten, bevor ich über die Kreuzung radelte, versuchte dies auch eine 23jährige Münsteranerin. Doch ein LKW-Fahrer, der rechts abbiegen wollte, missachtete die Vorfahrt, erfasste das Fahrrad samt Fahrerin mit seinem LKW und verletzte die junge Frau lebensgefährlich. Ein “klassischer” Abbiege-Unfall – wieder einmal. Nicht nur heute, sondern auch schon vergangene Woche, vor 14 Tagen, vor einem Monat sogar am selben Tag zwei Mal wurden Radfahrer in Münster das Opfer von abbiegenden Kraftfahrzeugen. Und ich könnte sicherlich mehr aufzählen, hätte ich Lust, das Meldungsarchiv weiter als zwei Monate zurückzudurchforsten.

In der Presse liest sich das dann so: “Dabei übersah er eine 53-jährige Fahrradfahrerin”, “Nach ersten Erkenntnissen der Polizei übersah der 56-jährige Schwetzinger die Radlerin”, “Eine 72-jährige Frau ist an der Kanalstraße von einem Lkw-Fahrer übersehen worden”. Der Hinweis auf Verkehrsbehinderungen durch den Unfall darf nie fehlen, und in manchen Fällen wird der Artikel von einer Bilderserie des zermalmten Fahrrads illustriert. Wirklich, liebe Medien? Aber darum soll es heute nicht gehen.

Spuren des heutigen Unfalls.

Spuren des heutigen Unfalls.

 

Polizei warnt Radfahrer

Im Zuge dieser viel zu zahlreichen Unfälle hat die Lokalzeitung kürzlich einen Artikel veröffentlicht, in dem die Polizei erhöhte Aufmerksamkeit fordert. Man solle aufpassen und an den toten Winkel denken. Logisch, denkt man sich, wenn man sich an die Sätze aus den vorangegangenen Artikeln erinnert, in denen das Wort “übersehen” die Hauptrolle spielt. Aber wen warnt die Polizei? Die Radfahrer. Und zwar ausschließlich die Radfahrer.

Ungelogen, ich zitiere diesen Artikel: “Mit einem Blick in die Unfallstatistik rät die Polizei Radfahrern eindringlich zu einer erhöhten Aufmerksamkeit bei abbiegenden Kraftfahrzeugen. So sind im vergangenen Jahr 23 Radler bei sogenannten Abbiege­unfällen schwer verletzt worden, wobei die Zusammenstöße mit Lkw oftmals die folgenschwersten waren. (…) In vielen Fällen wurde der Radfahrer, der zumeist parallel zur Fahrbahn unterwegs war, übersehen.” Der Radfahrer solle sich doch bitteschön darauf besinnen, dass der LKW im Zweifel stärker sei, und im Zweifel “nicht auf sein Recht beharren”.

Fassen wir zusammen: Der Radfahrer verhält sich regelkonform. Der Kraftfahrer biegt ab und hat die Pflicht, zu schauen – Stichwort Schulterblick, zumindest bei Autofahrern. Der Kraftfahrer “übersieht” den schwächeren Verkehrsteilnehmer, fügt ihm in vielen Fällen ernsthaften Schaden zu. Und wer soll besser aufpassen? Der Radfahrer. Liebe Polizei Münster, ist das dein Ernst?

 

Schuldumkehrung: Pass doch auf, wenn dir jemand die Vorfahrt nimmt!

Natürlich verstehe ich diese Warnung. Und ich beherzige sie in meinem Fahrrad-Alltag. Niemals neben Fahrzeuge an der Ampel stellen, lediglich davor oder besser noch dahinter. Was mir herzlich wenig weiterhilft, wenn ich an der Ampel bereits stehe, aber das nachkommende Fahrzeug sich neben mich stellt (fahre bzw. stehe ich weiter mittig, wird oft geschimpft und sogar gehupt). Oder wenn ich auf dem Radweg fahre. Ich gucke vor jeder Kreuzung, ob jemand abbiegt, und fahre nur, wenn ich sicher bin, dass der Fahrer mich gesehen hat – durch Blickkontakt (bei LKW schwierig, so hoch oben) oder wenn er sichtbar verlangsamt. Trotzdem bin ich letztes Jahr von einem Auto angefahren worden, in genau so einer Situation.*

Also, es ist nicht der Punkt, das Radfahrer selbstverständlich aufmerksam sein müssen im Straßenverkehr, da sie im Zweifel der schwächere Verkehrsteilnehmer sind. Niemand will auf seine Vorfahrt bestehen und im festen Glauben, im Recht zu sein, überfahren werden. In solchen Fällen wünsche ich mir übrigens laute Autohupen, damit die Kraftfahrer, die mir gerade die Vorfahrt genommen haben, das wenigstens merken und bei der nächsten Kreuzung aufmerksamer sind. Leider sind laute Hupen für Fahrräder in Deutschland verboten.

Der eigentliche Kritikpunkt, den ich an dieser Stelle anmerken möchte, ist folgender: Die Reduzierung des Warnhinweises auf die Radfahrer ist eine absolut ungerechtfertigte Schuldumkehrung, die letzten Endes den Radfahrer selbst dafür verantwortlich macht, wenn er überfahren wird. Wäre es nicht sinnvoll, die Kraftfahrer mindestens genauso, eher mehr zu Aufmerksamkeit beim Abbiegevorgang aufzufordern? Das “Übersehen” durch den Kraftfahrer ist ein aktiver Vorgang des Unfallverursachers. Nicht des Radfahrers, der hier passiv übersehen wird und auch überfahren wird. Aber die Polizei erwähnt mit keinem Wort, dass auch Auto- und LKW-Fahrer eine “erhöhte Aufmerksamkeit” walten lassen sollten. Die können ja nichts sehen. Ist ja nicht ihre Schuld. Ist eben so. Das wird nicht gesagt, jedoch eindeutig impliziert. Aber stimmt das?

fahrradunfall-muenster-kreuzung

Die Unfallkreuzung. Tatsächlich warten Fahrräder hier teilweise sogar etwas vorgelagert zu den Autos.

 

Sicher bin ich nur dahinter

Der tote Winkel bei LKW und Bussen ist sicherlich ein Problem. In Münster wird dies schon seit Jahren mit der Kampagne “Sicher bin ich nur dahinter” angegangen, die Radfahrer dazu auffordert, nicht neben oder vor, sondern eben hinter großen Kraftfahrzeugen zu fahren und zu stehen. Ausgehebelt wird dies allerdings sehr schnell, wenn man von der Fahrbahn separierte Radwege hat, wie es gerade an den Hauptstraßen gängig ist. Auf diesen Wegen fühlen sich die meisten Hobby-Radler sicherer, und auch ich fahre im Grunde lieber dort als auf der Straße. Problematisch wird es auch erst an Kreuzungen, denn klar – hier fährt man als Radfahrer immer bis an die Ampel heran. Man hält ja nicht ernsthaft mitten auf dem Radweg zehn Meter vor der Ampel, weil dort ein LKW steht. Schon ist man – zack! – im toten Winkel, so schnell geht das. Statistisch sind separierte Radwege daher deutlich weniger sicher als das Fahren direkt auf der Straße, auch wenn es sich anders anfühlt. Allerdings ist in vielen Fällen das Benutzen des Radwegs Vorschrift, und selbst wenn nicht, akzeptieren Autofahrer es in der Regel kaum, wenn man trotz Radwegs auf der Straße fährt.

Es ist also ein Problem, wenn man zeitgleich an einer roten Ampel wartet und auf dem Radweg steht. Ein anderes Problem ist es, wenn es evtl. gar keine Ampel gibt oder man schon Grün hat. Meiner Ansicht nach ist es dann die Pflicht eines Kraftfahrers, zu wissen, ob ein Fahrrad auf der Strecke ist. Man hat es schließlich höchstwahrscheinlich gerade erst überholt. Selbst im Video, das die Aktion “Vorsicht Toter Winkel” zur Veranschaulichung auf ihre Webseite gestellt hat (hier ganz unten), sieht man, dass der LKW zunächst am Radfahrer vorbeifährt, um ihn dann im toten Winkel urplötzlich zu übersehen. Ganz ehrlich? Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin und weiß, dass ich gleich rechts abbiegen muss, achte ich schon weit vorher auf Radfahrer auf dem Radweg. Als Radfahrer wird man ja nicht plötzlich in den toten Winkel hineingezaubert, man war schon vorher da.

 

Lösungen sind nicht in Sicht – leider

Meiner Meinung nach gibt es mehrere Lösungsmöglichkeiten für das offensichtlich vorhandene Problem:

Sicherlich wichtig sind technische Lösungen. Zum einen gibt es die Black Spot-Spiegel, die in Münster nun schon an diversen Kreuzungen installiert wurden. Auch LKW könnte man mit weiteren Sicherheitssystemen ausstatten – mehr Spiegel, anders gestaltete Kabinen, Computersysteme oder mehr. Vieles ist in Arbeit – allein, es fehlt die Vorschrift und somit wohl auch der Wille der Unternehmen, das Geld zu investieren (der einzelne LKW-Fahrer hat vermutlich wenig dagegen, wenn es ihm das Fahren erleichtert).

Sinnvoller, aber auch erheblich teurer und schwieriger umzusetzen ist eine komplette Umstrukturierung des Verkehrsraums. Radfahrer und Kraftfahrer müssen im Prinzip gleichberechtigt zusammengelegt werden. Raum wird in unserem Verkehr viel zu selbstverständlich von Autos eingenommen.** Es macht im Grunde für jeden Verkehrsteilnehmer wenig Sinn, rechts von Rechtsabbiegern unterwegs zu sein (sehr lesenswert dazu der erste Absatz dieses Kommentars, um zu illustrieren, wie absurd das eigentlich ist). Kreuzungen, bei denen die Radfahrer ihre eigene kleine “Wartebox” eben vor den Autofahrern haben, sind ein guter Anfang. Generell sollte man aber den kompletten Rad- und Autoverkehr zusammenlegen, was ja erwiesenermaßen sicherer ist. Die Frage ist, ob dies nicht wiederum viele Hobby-Radler davon abhält, überhaupt Rad zu fahren, weil es sich eben auf der Straße rein subjektiv unsicherer anfühlt.

Bis dahin hilft eben nur eins: Aufmerksamkeit. Auf beiden Seiten – natürlich muss ein Radfahrer im Eigeninteresse besonders aufpassen. Aber meiner Meinung nach liegt die Verantwortung insbesondere auf Seiten des stärkeren Verkehrsteilnehmers. Wenn ich nicht sehen kann, ob jemand kommt, dann muss ich eben anhalten und genauer gucken. Punkt. Wenn ich einen Radfahrer kurz zuvor noch überholt habe, dann löst er sich nicht einfach in Luft auf, weil er im toten Winkel ist. Die einseitige Ermahnung an Radfahrer, sich an den toten Winkel zu erinnern, halte ich jedenfalls für unverschämt gegenüber den Opfern solcher Unfälle.

fahrradunfall-muenster-verkehrssituation

An dieser Kreuzung gibt es einen Spiegel (keinen Black Spot-Mirror) und ein blinkendes Warnlicht, das Autos und LKW vor Radfahrern und Fußgängern warnen soll. Das hat der 23jährigen heute aber leider auch nicht geholfen.

 

Aber die Radfahrer…

Übrigens, weil es an dieser Stelle gern und häufig kommt: Ja, es halten sich nicht alle Radfahrer an die Verkehrsregeln. Aufschrei: Rüpelradler!!! Falls es euch neu sein sollte, das tun auch nicht alle Autofahrer. Das eine wie das andere hat aber überhaupt nichts mit diesem Thema zu tun – und wenn man es doch unbedingt miteinander verknüpfen möchte, dann sollte man diese britische Studie nachlesen. Dort wurde 2007 untersucht, wieso Frauen häufiger als Männer Opfer solcher Abbiegeunfälle wurden, obwohl ihr Gesamtanteil am Radverkehr viel geringer ist (übrigens, dort sind es natürlich Linksabbieger, nicht verwirrt sein). Der Grund: Frauen halten sich eher an die Verkehrsregeln, während Männer häufiger mit dem Fahrrad über rote Ampeln düsen und somit schon lange auf und davon sind, wenn der LKW losfährt. Deal with it.


* Nicht hilfreich ist es übrigens, liebe Autofahrer, wenn ihr mit unverminderter Geschwindigkeit herankommt und erst im letzten Moment recht kräftig bremst. Im Zweifelsfall bremse ich nämlich, und dann darf ich wieder von Null lostreten, und wir beide müssen länger warten.

** Ein Beispiel: “Kurzes Halten” auf dem Radweg ist eine absolute Selbstverständlichkeit für deutsche Autofahrer (in anderen Städten als Münster, beispielsweise Düsseldorf, ersetze “Kurzes Halten” durch “Dauerhaftes Parken”). Beim Abbiegevorgang auf eine größere Straße steht das Auto auf dem Radweg, geht ja auch nicht anders, sonst kann der Fahrer ja nichts sehen. Weicht der Radfahrer auf die Straße aus, weil ein Auto auf dem Radweg steht, wird gehupt und geschimpft. Wie gesagt: selbstverständliche Vereinnahmung des öffentlichen Raums durch Autofahrer.

Dieser Beitrag wird bei der Aktion “Like2Bike” von Bikelovin verlinkt.