Buchtipp: Little Brother von Cory Doctorow

Wie schon angedeutet: Nach dem vorherigen Buch war die heutige Lektüre ein ziemliches Kontrastprogramm!  In “Little Brother” von Cory Doctorow geht es um den 17jährigen Marcus, der in einem Amerika der nicht allzu fernen Zukunft zur Schule geht. Sein Alltag ist bereits ziemlich überwacht, doch er ist sehr geschickt darin, die Kameras und Überwachungsprogramme auf dem Schulcomputer zu umgehen. Eines Tages wird ein schrecklicher Terroranschlag auf seine Heimatstadt San Francisco verübt – und durch Zufall gerät er ins Visier der “Homeland Security” und findet sich blitzschnell im Gefängnis wieder. Als er nach langen Tagen mit quälenden Verhören nahe an der Folter endlich wieder frei ist, beschließt er, die neuen Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen, die als “Schutz” nach dem Anschlag eingeführt wurden, aktiv zu bekämpfen…

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Auf den Autoren kam ich, da er in “Ready Player One”, welches ich hier einmal vorgestellt habe, erwähnt wurde. Der Kanadier Cory Doctorow schreibt Science-Fiction-Bücher, dieses gehört eigentlich ins Young Adult-Genre, aber das ist ja heutzutage keine Schande mehr, so etwas auch als Erwachsene zu lesen. 😉 Außerdem setzt er sich sehr für die Netzfreiheit, Datenschutz und eine Liberalisierung des Urheberrechts ein und veröffentlicht alle seine Bücher unter Creative Commons-Lizenz. Wenn ihr also Interesse habt, könnt ihr das Buch (und alle anderen von ihm) auf seiner Website kostenlos für euren E-Reader herunterladen – natürlich nur auf Englisch. (Auf Deutsch kann man das Buch ebenfalls herunterladen, und zwar hier.) Seine Gründe dafür erklärt er folgendermaßen:

“But ebook publishers don’t respect copyright law, and they don’t believe in your right to own property. Instead, they say that when you “buy” an ebook, you’re really only licensing that book, and that copyright law is superseded by the thousands of farcical, abusive words in the license agreement you click through on the way to sealing the deal. (Of course, the button on their website says, “Buy this book” and they talk about “Ebook sales” at conferences — no one says, “License this book for your Kindle” or “Total licenses of ebooks are up from 0.00001% of all publishing to 0.0001% of all publishing, a 100-fold increase!”)

I say to hell with them. You bought it, you own it. I believe in copyright law’s guarantee of ownership in your books. (…)

Why am I doing this? Because my problem isn’t piracy, it’s obscurity (thanks, @timoreilly for this awesome aphorism). Because free ebooks sell print books. Because I copied my ass off when I was 17 and grew up to spend practically every discretionary cent I have on books when I became an adult. Because I can’t stop you from sharing it (zeroes and ones aren’t ever going to get harder to copy); and because readers have shared the books they loved forever; so I might as well enlist you to the cause.” (Zitatquelle)

Cory Doctorow

Wie großartig ist dieses Bild? Ich möchte so ein Bild von mir. Ich möchte so ein Zimmer. Und dann so ein Bild. (Quelle)

Sehr sympathisch, oder? Über die Copyright-Frage bei Ebooks haben mein Arbeitskollege schon hitzige Diskussionen am Mittagstisch geführt. Es ist wirklich kein einfaches Thema, und das kostenlose zur Verfügung stellen ist eine Methode, die auf den ersten Blick absurd wirkt. Aber ich glaube, dass es funktionieren kann – sofern man gute Bücher bietet, die sich durch Weitererzählen und Empfehlungen (so wie hier) verbreiten. Bei mir hat es übrigens geklappt: Ich fand das Buch super, und den zweiten Teil werde ich mir nun nicht gratis herunterladen, sondern kaufen – als Hörbuch, das wird nämlich von Wil Wheaton (große Geek-Liebe) gelesen! Das deutsche Hörbuch liest übrigens Oliver Rohrbeck, sicher auch sehr empfehlenswert.

Also, zurück zum Buch: “Little Brother” ist wie gesagt ein Young-Adult-Roman, und so konnte ich mich in den Protagonisten auch nicht mehr zu 100% einfühlen. Über 30 und so, ihr wisst schon. 😉 Sprachlich war das Buch unspektakulär, gelegentlich – bei technischen Details – sind meine Gedanken sogar etwas abgeschweift. Nichtsdestotrotz hat mir die nur so gerade eben fiktive Welt mehr als einmal einen Schauer über den Rücken gejagt, denn: So weit von der Realität entfernt ist dieses Szenario gar nicht. Smartphones, Google, Amazon & Co. wissen mehr über uns als viele unserer Verwandten. Spätestens seit Snowden wissen wir, wie sehr wir überwacht werden. Und ähnlich, wie die Bürger im Buch die “Sicherheitsmaßnahmen” nach den Terroranschlägen sogar begrüßen, kümmern sich auch in der Realität viele Menschen nicht darum, welche Daten sie preisgeben. Oder wie und wo sie überwacht werden. Stichwort: “Ich habe schließlich nichts zu verbergen.” Das Buch zeigt sehr eindringlich, wohin diese Einstellung führen kann.

Nach der Lektüre fühlte ich mich leicht paranoid, obwohl ich bis dahin eher zur “Nichts zu verbergen-Fraktion” gehörte. Am liebsten hätte ich sofort mein Handy verschlüsselt und meinen Facebook-Account gelöscht. Stattdessen habe ich ein Foto mit meinem Android-Handy (= Google) gemacht und es auf Instagram (= Facebook) gepostet. Hüstel. Es ist ja so bequem und unterhaltsam. Aber es geht ja auch gar nicht darum, solche Dienste gar nicht mehr zu nutzen. Es geht darum: Wer nutzt unsere Daten wofür? In den meisten Fällen wissen wir das gar nicht so richtig, oder? Und während ich als öffentlich bloggende Person mich vielleicht nicht wirklich darüber beschweren kann, dass meine Privatsphäre nicht respektiert wird, bestimme ich hier immerhin selbst darüber, was ich preisgebe. Google hingegen kann vermutlich ein relativ akkurates Bild von meinen Geheimnissen zeichnen – angefangen bei Gesundheitsfragen über die nächsten Urlaubsziele oder was ich dem Helden zu Weihnachten schenken möchte. Und warum? Weil ich es preisgebe. Freiwillig. Wer hat diese Informationen noch? Was kann er damit anfangen?

Ein Fazit habe ich offen gestanden jetzt nicht so richtig, lediglich die Empfehlung, das Buch zu lesen und sich seine eigenen Gedanken zu machen. Für Diskussionen in den Kommentaren bin ich außerdem jederzeit offen! Falls ihr euch für Cory Doctorow und seine Ideen interessiert, hier ist vor kurzem ein interessantes Interview (auf deutsch) mit ihm erschienen, in dem er seine Ideen zum Thema Copyright näher erläutert.  Eine gute Einführung zu den Themen, die auch im Buch diskutiert werden, findet ihr im Jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung. Und falls ihr das Internet – unser digitales Zuhause! – ein bisschen sicherer, freier und offener machen wollt, schaut euch mal diese Seite (auf englisch) an.

Ich habe ja schon länger WhatsApp durch Threema ersetzt – aber das war es auch schon. Mal sehen, ob ich jetzt noch einige andere Maßnahmen ergreifen werde. Wie sieht’s bei euch aus? Macht ihr euch Gedanken zum Thema, oder gehört ihr zur “Ich habe nichts zu verbergen”-Fraktion?

4 Antworten

  1. Ich bin wohl eher eine, die “nichts zu verbergen hat”. Was an und für sich schonmal gut ist, wäre ja eher weniger sympathisch, wenn ich in meinem Keller Bomben basteln würde. Hoffentlich steht gleich nicht irgendwer vor meiner Tür und will mich festnehmen 😀
    Allerdings kommt das Ganze bei mir wohl eher aus dem Gefühl, halbwegs machtlos ausgeliefert zu sein. Natürlich kann ich mein Handy verbannen, mein Facebook-Profil löschen und mich aus dem Internet entfernen. Dann kann ich ganz sicher gehen, dass keine weiteren Daten verbreitet werden. Aber sonst? Habe ich doch kaum eine Chance, denke ich immer.

    • Klar, an und für sich habe ich ja auch nichts zu verbergen. Mit der Bezeichnung meinte ich auch eher die Einstellung, die ich auch lange hatte: “Ach, ich hab nichts zu verbergen – sollen sie mich ruhig überwachen”.
      Aber du bist nicht machtlos ausgeliefert. Es geht hier ja nicht um “ganz oder gar nicht” – du wirst nie spurlos unterwegs sein (schon gar nicht als Blogger – ist ja dann auch besser so 😉 ), aber je weniger man hinterlässt, desto besser, oder? Bei Sachen wie Facebook muss man eben abwägen zwischen Nutzen (bzw. Unterhaltungswert) und Kosten. Ich bin manchmal wirklich sehr erschrocken, wie gut Facebook mich kennt und mir passende Werbung einblendet. Dass ich nach London fahre, wusste Facebook schon, bevor ich das dort irgendwem erzählt hatte – ich hatte es lediglich auf Instagram gepostet (!). Das hat mich echt erschreckt.

  2. Das Buch habe ich auch gelesen, ich fand es toll! Und über die Copyright Frage kann man wirklich lange diskutieren. Manche Bücher kaufe ich einfach lieber als richtige Bücher, einmal weil ich sie im Regal stehen haben möchte oder wenn ich weiß, dass andere das auch noch lesen würden, dann gebe ich das gerne weiter.
    Wenn ich drüber nachdenke was man so alles über mich aus meinem Internetbesuchen etc rauslesen könnte frage ich mich immer wen das bitte interessieren soll oder wer damit was anfangen könnte. Prinzipiell meine ich aber auch eher, das geht niemanden etwas an. Andererseits gibt man ja auch selber eine Menge freiwillig preis (Blog, Facebook, Instagram…). Ich gucke halt immer nur, dass ich meine Freunde und Familie aus allem raushalte und dass mir nichts beruflich schaden kann und google mich auch regelmäßig selber um zu gucken ob man was finden könnte was evtl. ‘unpassend’ ist.
    Ich werd jetzt noch mal deine Links durchlesen und wünsch dir ein schönes Wochenende!
    Liebe Grüße, Jessica

    • Mit den “richtigen” Büchern schließe ich mich an, richtig gute Bücher habe ich gern im Regal stehen und kaufe sie mir auch durchaus auch wenn ich sie schon kenne. Wobei – häufig auch gebraucht, da hat der Autor dann auch nix von. 😉
      Klar, wen interessiert das? Das ist genau dieses “Ich hab ja nix zu verbergen”… Interessant fand ich im Buch das Argument “Je weniger Leute verschlüsseln, desto auffälliger ist jede verschlüsselte Kommunikation und desto mehr kann man sich auf das Knacken dieser konzentrieren.” (Wobei man hier ja auch wieder sagen kann: Wer verschlüsselt, hat wohl was zu verbergen?) Es ist dieser Generalverdacht, unter dem wir alle stehen.
      Natürlich werfen wir hier auch Geheimdienste und Facebook, Google & Co (als “Datenkraken”) durcheinander. Ob jemand unsere Daten nun zu Werbezwecken haben will (und damit Geld verdient) oder für unsere Sicherheit (wohin das führen kann, sieht man dann in China, Russland & Co.). Beides ist fragwürdig und letzteres wird nur dadurch für uns akzeptabel, dass unser politisches System größtenteils einwandfrei arbeitet. Hoffen wir, dass sich das nie ändert.

  3. […] kann man seine Google-History löschen und auch verhindern, dass Google neue Suchen speichert. Im Zuge der Datensicherheit habe ich das gleich mal gemacht. Aber das heißt natürlich nicht, dass die Daten nicht trotzdem […]

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