In letzter Zeit habe ich viel gelesen, aber ich bin kaum dazu gekommen, euch auch mal wieder ein paar Bücher zu empfehlen. Deshalb habe ich heute gleich mehrere Exemplare mitgebracht – und zwar drei Bücher völlig unterschiedlicher Art, die nur eines gemeinsam haben: Sie entführen uns in andere Länder!

 

Den Anfang macht „Der Araber von morgen“ von Riad Sattouf. Der autobiografische Graphic Novel* illustriert die frühe Kindheit des Autors, Sohn eines Syrers und einer Franzosin. Dabei werden die Jahre 1978 bis 1984 dargestellt – eine Zeitspanne vor meiner Geburt und so kannte ich mich auch relativ wenig mit der Geschichte dieser Zeit aus. Riads Eltern lernen sich in Frankreich kennen, doch bald möchte sein Vater zurück in seine Heimat, den Nahen Osten. Frau und Kind kommen mit, es geht zunächst nach Libyen unter Gaddafi, später dann auch nach Syrien ins Heimatdorf des Vaters. Dabei geht es im Comic aber nicht (sehr) um politische Zusammenhänge – alles ist aus der Sicht des kleinen Riad dargestellt, der mit seinen blonden Locken bei den Erwachsenen gut ankommt, es bei den anderen Kindern jedoch schwer hat. Mit dem Rest der Familie bin ich allerdings nicht ganz warm geworden. Der Vater unsympathisch, begeistert von Diktatoren und Traditionen, die Mutter, die sich blass und still alles gefallen lässt und nur selten den Mund aufmacht. Erklärt wird wenig, wie auch dem vierjährigen Kind im Buch wenig erklärt wird. Insofern also passend und auch wirklich interessant – wer sich für kulturelle Unterschiede interessiert und nicht gleich einen meterdicken Roman lesen möchte, ist hier gut aufgehoben!

* Ich habe kürzlich gelernt, es hieße „die Graphic Novel“, aber das will mir nicht in den Kopf. „Novel“ heißt doch nichts anderes als „Roman“?

 

Eines meiner absoluten Jahreshighlights unter den Büchern ist auf jeden Fall „Ein Teelöffel Land und Meer“ von Dina Nayeri. Hinter dem wunderschönen Cover, das mich überhaupt erst auf das Buch aufmerksam gemacht hat, versteckt sich ein sanfter und zunächst etwas fremdartiger Roman aus dem Iran der 1980er Jahre. Es geht um zu Beginn elfjährige Saba, die als Tochter eines wohlhabenden Mannes in einem kleinen Dorf auf dem Land aufwächst. Doch ihre Mutter und ihre Zwillingsschwester Mahtab sind nicht bei ihnen. Saba weiß, dass die beiden in Amerika sind – im Iran ist die islamische Revolution ausgebrochen, doch die Flucht der ganzen Familie hat nicht geklappt. Oder ist etwas ganz anderes geschehen? Während Saba auf dem Dorf aufwächst, bleibt stets die Sehnsucht nach der Mutter und dem Zwilling in ihrem Herzen. Deren Leben in Amerika kann sie sich ganz genau vorstellen, und sie erzählt den Nachbarinnen und Freundinnen Geschichten über Mahtabs Leben in der Ferne. Geschichten spielen nämlich eine große Rolle im Dorfleben – was ist wahr, was ist gelogen? Saba wächst auf, verliebt sich, träumt, heiratet – ihr Leben ist real, manchmal viel zu real, wenn es um die Obrigkeit, um Vergewaltigung, um Religion, um Politik und um Liebe geht. Sie flieht in die Geschichten rund um ihre freiere Schwester, doch die tatsächliche Wahrheit um Mahtab bleibt lange Zeit ein Rätsel und diese Spannung ist wirklich gekonnt konstruiert – zwischen den beiden Theorien bin ich bis kurz vor Schluss immer hin- und hergeschwankt! Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase in die fremde, iranische Welt konnte ich das Buch kaum noch aus der Hand legen – ungewöhnlich, spannend, optimistisch, verträumt und dennoch historisch korrekt. Absolute Lese-Empfehlung für alle Romanfreunde!

 

„Kleiner Phoenix“ ist ebenfalls eine Autobiografie, aber wir begeben uns nun in einen anderen Teil der Welt – nach China. Jie Zhao ist in China unter Mao aufgewachsen. Dieser Teil der chinesischen Geschichte war mir (im Gegensatz zum Hintergrund der ersten beiden Bücher) nicht völlig fremd. Doch natürlich ist eine Autobiografie etwas völlig anderes als die Texte und Filme, die ich bisher kannte, denn hier geht es nicht um Mao, sondern um ein kleines Mädchen und seine Familie. Jie wächst bei der Großmutter auf, da ihre Eltern beide als Schauspieler (!) in der Armee tätig sind. Die politischen Entwicklungen der Kulturrevolution versteht sie zwar nicht wirklich – aber sie ist intelligent und begeisterungsfähig, und so glaubt sie ans System, durch das sie seit dem Kindergarten Schritt für Schritt indoktriniert wird, wird vorbildliche Rotgardistin und sogar Kompanieführerin. Die Ideologie überzeugt, obwohl sie oft überrascht ist, wenn plötzlich Nachbarn oder Lehrerinnen zu Verrätern erklärt und bestraft werden. Aber sie macht mit, denn selbstverständlich vertraut sie auf den „großen Vorsitzenden“. Erst nach vielen Jahren kommen ihr Zweifel, als sie zur „Umerziehung“ unter erbärmlichen Verhältnissen auf dem Land arbeiten muss und spätestens, als sie aus dem Ausland die Bilder vom Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Fernsehen sieht. Das Buch ist wirklich ein beeindruckendes Dokument und zeigt eindrücklich, wie der Alltag und das Aufwachsen junger Menschen in der damaligen Zeit tatsächlich war. Das Buch ist allerdings, das muss man auch sagen, ein echt „dicker Brocken“. So ein Leben passt nun einmal nicht auf 200 Seiten, und so habe ich wirklich lange an der über 700 Seiten langen Biografie gelesen. Es handelt sich eben um eine Autobiografie, keinen Roman mit extra konstruierten Spannungsbögen etc.! Das muss man schon mögen. Interessant ist es in jedem Fall, nicht nur aus geschichtlichen Gründen, sondern auch, um die Mentalität und Gebräuche des chinesischen Alltags kennen zu lernen. Hier gibt es übrigens noch ein interessantes Interview mit der Autorin. Allen Biografie-Freunden oder China-Interessierten empfehle ich dieses Buch!

Häufig tue ich mich schwer mit Büchern, die in völlig anderen Kulturkreisen spielen. Man muss sich wirklich darauf einlassen, aber dann ist es oft eine ganz besondere Erfahrung. Habt ihr vielleicht noch Buchtipps für mich, die in für uns ganz fremden Welten spielen?

Post Author: Nele

9 Replies to “Andere Länder, spannende Bücher”

  1. Ich weiß es nun auch nicht, aber vielleicht kommt das „die“ daher, dass man im Deutschen ja „die“ Novelle sagt…und das ein ähnliches Wort ist. Gibts ja auch im englischen…
    Kann es sein, dass das eher davon kommt als von Roman?

    Aber keine Ahnung…auch nur geraten…

  2. Ah, ein paar spannende Tipps, danke dafür! Ich lese ja grundsätzlich ein „indisches Buch“ im Jahr – aktuell ist das die „Erbin des verlorenen Landes“, aber irgendwie komme ich nicht so recht rein. Vielleicht sollte ich es mal mit anderen Gefilden probieren … „Ein Teelöffel Land und Meer“ spricht mich sehr an. 🙂

  3. Na mit dem Buch aus der Mitte hast du mich gepackt, das habe ich gleich mal geordert 🙂
    Meine mama schwärmt total von „Herzenhören“, das spielt wohl in Burma wenn ich mich recht erinnere…

  4. Huhu Nele,

    Der Roman „Ein Teelöffel Land und Meer“ klingt interessant, den habe ich mir direkt auf den Merkzettel geschrieben. Ich mochte die Romane von Khaled Hosseini sehr gerne lesen, die spielen in Afghanistan – „The Kite Runner“ und „A Thousand splendid Suns“.

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