Gedankenhüpfer

Menden, 1994/1997.

30. April 2016

Menden, 1994

Die Musikbox meines Onkels konnte sicherlich um die 80 Platten abspielen, aber wenn ich da war, wählte ich immer nur zwei aus: „The Sound of Silence“ oder „Over in the Glory Land“, denn das waren die einzigen Lieder, die ich mit meinen zehn Jahren kannte. Die Musikbox leuchtete, und ein Greifarm legte automatisch die Platte auf, wenn man eine Zahl und einen Buchstaben drückte.

Der Flipper stand im gleichen Raum. Der Flipper! Ein eigener Flipper, und eine Musikbox. Stundenlang versuchte ich, Flipper-Rekorde zu knacken. Wenn man zu fest gegen den Flipper stieß, ertönte ein lautes Quäken und die Hebel blockierten für kurze Zeit. Ärgerlich. Aber dann das Gefühl, am Metallgriff zu ziehen, bis die Feder zurückschnellte und die schwere Metallkugel nur so ins Spielfeld hineinschoss. Die Knöpfe, weiß aus Kunststoff – ich fühle sie noch unter den Fingern, und höre ihr leises Klacken. Das Blinken und Aufleuchten, die Sonderpunkte und die diebische Freude, wenn die Kugel zwischen den Bumpern gefühlte Ewigkeiten hin- und herprallte, ohne herunterzurollen, und der Punktezähler hochschnellte. Das metallische Klingeln der Bumper.

Die erreichten Punkte notierte ich akribisch in meinem Tagebuch. 29.270, 32.720 und einmal gar 58.700 Punkte, das absolute Highlight. Im Tagebuch zeichnete ich den Flipper auch auf, er war blau und hatte ein Tauchermotiv. Darüber hinaus existiert in unserem Haushalt kein einziges Foto von diesen Geräten. Erstaunlich, wo ich doch sonst so ziemlich alles fotografiert habe.

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Menden, 1997.

Ich verbringe die Ferien immer noch gern bei meiner Tante und meinem Onkel. Ich bewundere meine älteren Cousins, die schon fast erwachsen sind und in deren Freunde ich mich regelmäßig verliebe. Ich darf lange aufbleiben, viel länger als zuhause – eigentlich, solange ich möchte. Und im Gästezimmer steht ein eigener Fernseher, auf dem ich bis spät in die Nacht Filme schaue. Ich bin 13 Jahre alt und sitze mit meiner Tante abends lange im Wohnzimmer. Wir sehen fern, und danach wir unterhalten uns, und regelmäßig sagt sie „Eine rauche ich noch, dann gehe ich ins Bett.“ Es ist spät, Mitternacht ist lange vorbei, aber ich halte dem Atem an und hoffe, dass sie es vergisst. Und tatsächlich, eine halbe Stunde später schaut sie auf die Uhr und sagt „So – eine rauche ich noch, dann gehe ich ins Bett.“ Zu meinem größten Glück wiederholt sich das mehrfach. Und egal, wie müde ich werde, ich würde an diesem Abend nie freiwillig ins Bett gehen, wenn ich doch stattdessen hier sitzen kann, zwei Erwachsene, die gemeinsam den Abend verquatschen.

Heute kann ich mich an kein einziges unserer nächtlichen Gespräche mehr inhaltlich erinnern. Das Gefühl, das ist hängen geblieben: ernst genommen werden. Als erwachsener Gesprächspartner behandelt werden.

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