Gedankenhüpfer

1000 mal Willkommen – Kopfschütteln reicht nicht

6. August 2015

„Ganz ehrlich: So lange reihenweise Menschen, die die deutsche Sprache nicht beherrschen, Kommentarspalten im Internet mit rassistischen Kommentaren vollkotzen, können wir gar nicht genug Titelseiten haben, auf denen ‚Willkommen‘ steht.“ – Florian Schroeder im ZEITraffer.

Liebe Leute, genau so schaut’s aus. Flüchtlinge aus allen Ecken der Welt versuchen, Europa zu erreichen, und die Deutschen reagieren – mit Hass, Zynismus, Hetze. Egal, in welchem Online-Medium man in die Kommentare schaut, in welchen sozialen Netzwerk man die Diskussionen liest: von „Ich hab nichts gegen Ausländer, aber…“ bis „Super, wieder ein paar hundert weniger“ als Reaktion auf ein gesunkenes Flüchtlingsboot ist alles dabei. Das ganze Spektrum der fiesesten Fratze, des hässlichsten Gesichts Deutschlands. Und es ist gesellschaftsfähig geworden.

Wenn man nur online unterwegs ist, kann man tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass mittlerweile eine Mehrheit der Deutschen so denkt. Tatsächlich nicht mehr nur anonym, sondern völlig offen sind viele unterwegs, und sie ernten Zustimmung. Sie ernten aber auch Widerspruch, und weil das Internet nun einmal das Internet ist, entstehen daraus viel zu häufig tiefe, niveaulose Grabenkämpfe, mit Beleidigungen und Schwanzvergleichen, mit völlig absurden Argumenten und an den Haaren herbeigezogenen Statistiken auf beiden Seiten, so dass man einfach keine Lust hat, sich da jetzt wirklich einzumischen.

Aber!

Bei uns im Stadtteil wurde Anfang des Jahres ein Flüchtlingswohnheim gebaut. Und weil unser Dorf ein tolles ist, war die Reaktion, zumindest die öffentlich sichtbare, ausschließlich positiv (was beim einen oder anderen am Abendbrottisch geredet wurde, weiß ich natürlich nicht). Informationsveranstaltungen waren gut besucht, und alle wollten nur eins: helfen. Bei Treffen der ehrenamtlichen Mitarbeiter gab es nicht genügend Stühle, und die mittlerweile gegründete Kleiderkammer bittet im regelmäßigen Newsletter, von weiteren Spenden zunächst einmal abzusehen, weil es sonst zu viel wird. Wenn eine Email rumgeht, weil etwas benötigt wird, kommt eine Stunde später eine weitere, dass es bereits gefunden wurde. Die Menschen engagieren sich, die Menschen sind positiv eingestellt und heißen die Flüchtlinge willkommen, so gut es geht.

Können, wollen, dürfen wir wirklich zulassen, dass im Internet der Eindruck entsteht, uns sei es egal, was dort geschrieben wird – weil wir es schließlich in der Realität anders sehen? Dass Rassisten unter dem Deckmantel der Besorgnis lügen, dass sich die Balken biegen, ohne das jemand groß widerspricht? Dass Beleidigungen und Hetze der übelsten Sorte von anderen noch bejubelt werden? Denn ich bin mir sicher: Das ist nicht die Mehrheit. Die Mehrheit liest die Kommentare, schüttelt den Kopf und denkt sich seinen Teil (und macht sich über die häufig der deutschen Rechtschreibung nur mäßig mächtigen Autoren lustig – was nicht hilft, sorry). Während sich die Minderheit daran aufgeilt, jetzt vermeintlich das Sagen zu haben, und zur Abwechslung mal ein Flüchtlingsheim anzündet, hey, endlich mal.

„Wenn man also nicht der Meinung ist, dass alle Flüchtlinge Schmarotzer sind, die verjagt, verbrannt oder vergast werden sollten, dann sollte man das ganz deutlich kundtun, dagegenhalten, Mund aufmachen, Haltung zeigen, öffentlich an den Pranger stellen.“ Anja Reschke findet ihm Tagesthemen-Kommentar großartige Worte zu diesem Thema, und zu Recht wird ihr Beitrag zahlreich geteilt. Und allein, wenn man einige Kommentare unter dem Video liest, weiß man, was sie meint.

Lutz ist übrigens auch dieser Meinung, und deswegen hat er die Aktion „1000 mal Willkommen“ ins Leben gerufen. „Ich möchte den stummen (und lauten) Befürwortern eine Plattform bieten auf denen wir alle gemeinsam sagen können: ‚Herzlich willkommen – schön, dass Du da bist!'“ – so stellt er die Aktion auf der zugehörigen Website vor. Gern reihe ich mich ein und sage „Herzlich Willkommen“ an alle Flüchtlinge, die Deutschland erreichen und auf Hilfe, nicht auf Hetze treffen sollten.

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Mit einem coolen W für „Willkommen“ und einer Begrüßung in vielen Sprachen, bei denen ich hoffe, dass Google alles richtig übersetzt hat! 😉

Natürlich reicht ein Blogpost nicht aus. Aber allein einmal zu zeigen, dass die schreienden Hetzer eben nicht die Mehrheit stellen, dafür lohnt es sich. Daher würde ich mich über jeden freuen, der sich der Aktion anschließt – auch, wenn man vielleicht sonst nicht so ein Aktionsfan ist. Auch als Nicht-Blogger kann man mitmachen und sein Bild auf der Aktionsseite hochladen (das ist, soweit ich das sehe, sogar die überwiegende Mehrheit)!

Ich fürchte, ganz ehrlich, dass mir meine Energie auch weiterhin für Kommentarschlachten auf Facebook & Co. zu schade sein wird. Aber je nach Thema schaffe ich es vielleicht doch, dem einen oder anderen zu widersprechen – einfach, damit ihm widersprochen wird. Damit niemand der Ansicht ist, er könne seine fremdenfeindlichen Botschaften ohne Gegenwehr in die Welt setzen. Und wenn jeder von uns das nur bei dem einen oder anderen Kommentar macht, bleibt vielleicht kein hetzender Satz auf Facebook unwidersprochen. Denn ich glaube nach wie vor fest daran, dass die Mehrheit der Deutschen nicht aus Rassisten und Nazis besteht, sondern dass wir, die „Gutmenschen“ (diesen Begriff trage ich gern), nur einfach bislang viel zu leise sind.

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