Gedankenhüpfer

„Sicher bin ich nur dahinter?“ Gefährliches Radfahren in Münster.

29. Mai 2015

Heute Morgen fuhr ich wieder einmal mit meinem Fahrrad zur Arbeit. Es ist reine Faulheit, dass ich mittlerweile den Weg an den Hauptstraßen entlang gegenüber dem idyllischen Feld-, Wald- und Wiesenweg bevorzuge: Er ist einen Kilometer kürzer, und über die komplette Strecke kann ich einen Radweg benutzen. Heute radelte ich an einem ellenlangen Auto-Stau vorbei, das freut mich ja heimlich immer etwas. An einer Kreuzung regelte die Polizei den Verkehr, obwohl die Ampeln alle funktionierten, und ich wunderte mich etwas.

Später klärte sich dies bei einem Blick in die Polizeimeldungen: Kaum 45 Minuten, bevor ich über die Kreuzung radelte, versuchte dies auch eine 23jährige Münsteranerin. Doch ein LKW-Fahrer, der rechts abbiegen wollte, missachtete die Vorfahrt, erfasste das Fahrrad samt Fahrerin mit seinem LKW und verletzte die junge Frau lebensgefährlich. Ein „klassischer“ Abbiege-Unfall – wieder einmal. Nicht nur heute, sondern auch schon vergangene Woche, vor 14 Tagen, vor einem Monat sogar am selben Tag zwei Mal wurden Radfahrer in Münster das Opfer von abbiegenden Kraftfahrzeugen. Und ich könnte sicherlich mehr aufzählen, hätte ich Lust, das Meldungsarchiv weiter als zwei Monate zurückzudurchforsten.

In der Presse liest sich das dann so: „Dabei übersah er eine 53-jährige Fahrradfahrerin“, „Nach ersten Erkenntnissen der Polizei übersah der 56-jährige Schwetzinger die Radlerin“, „Eine 72-jährige Frau ist an der Kanalstraße von einem Lkw-Fahrer übersehen worden“. Der Hinweis auf Verkehrsbehinderungen durch den Unfall darf nie fehlen, und in manchen Fällen wird der Artikel von einer Bilderserie des zermalmten Fahrrads illustriert. Wirklich, liebe Medien? Aber darum soll es heute nicht gehen.

Spuren des heutigen Unfalls.
Spuren des heutigen Unfalls.

 

Polizei warnt Radfahrer

Im Zuge dieser viel zu zahlreichen Unfälle hat die Lokalzeitung kürzlich einen Artikel veröffentlicht, in dem die Polizei erhöhte Aufmerksamkeit fordert. Man solle aufpassen und an den toten Winkel denken. Logisch, denkt man sich, wenn man sich an die Sätze aus den vorangegangenen Artikeln erinnert, in denen das Wort „übersehen“ die Hauptrolle spielt. Aber wen warnt die Polizei? Die Radfahrer. Und zwar ausschließlich die Radfahrer.

Ungelogen, ich zitiere diesen Artikel: „Mit einem Blick in die Unfallstatistik rät die Polizei Radfahrern eindringlich zu einer erhöhten Aufmerksamkeit bei abbiegenden Kraftfahrzeugen. So sind im vergangenen Jahr 23 Radler bei sogenannten Abbiege­unfällen schwer verletzt worden, wobei die Zusammenstöße mit Lkw oftmals die folgenschwersten waren. (…) In vielen Fällen wurde der Radfahrer, der zumeist parallel zur Fahrbahn unterwegs war, übersehen.“ Der Radfahrer solle sich doch bitteschön darauf besinnen, dass der LKW im Zweifel stärker sei, und im Zweifel „nicht auf sein Recht beharren“.

Fassen wir zusammen: Der Radfahrer verhält sich regelkonform. Der Kraftfahrer biegt ab und hat die Pflicht, zu schauen – Stichwort Schulterblick, zumindest bei Autofahrern. Der Kraftfahrer „übersieht“ den schwächeren Verkehrsteilnehmer, fügt ihm in vielen Fällen ernsthaften Schaden zu. Und wer soll besser aufpassen? Der Radfahrer. Liebe Polizei Münster, ist das dein Ernst?

 

Schuldumkehrung: Pass doch auf, wenn dir jemand die Vorfahrt nimmt!

Natürlich verstehe ich diese Warnung. Und ich beherzige sie in meinem Fahrrad-Alltag. Niemals neben Fahrzeuge an der Ampel stellen, lediglich davor oder besser noch dahinter. Was mir herzlich wenig weiterhilft, wenn ich an der Ampel bereits stehe, aber das nachkommende Fahrzeug sich neben mich stellt (fahre bzw. stehe ich weiter mittig, wird oft geschimpft und sogar gehupt). Oder wenn ich auf dem Radweg fahre. Ich gucke vor jeder Kreuzung, ob jemand abbiegt, und fahre nur, wenn ich sicher bin, dass der Fahrer mich gesehen hat – durch Blickkontakt (bei LKW schwierig, so hoch oben) oder wenn er sichtbar verlangsamt. Trotzdem bin ich letztes Jahr von einem Auto angefahren worden, in genau so einer Situation.*

Also, es ist nicht der Punkt, das Radfahrer selbstverständlich aufmerksam sein müssen im Straßenverkehr, da sie im Zweifel der schwächere Verkehrsteilnehmer sind. Niemand will auf seine Vorfahrt bestehen und im festen Glauben, im Recht zu sein, überfahren werden. In solchen Fällen wünsche ich mir übrigens laute Autohupen, damit die Kraftfahrer, die mir gerade die Vorfahrt genommen haben, das wenigstens merken und bei der nächsten Kreuzung aufmerksamer sind. Leider sind laute Hupen für Fahrräder in Deutschland verboten.

Der eigentliche Kritikpunkt, den ich an dieser Stelle anmerken möchte, ist folgender: Die Reduzierung des Warnhinweises auf die Radfahrer ist eine absolut ungerechtfertigte Schuldumkehrung, die letzten Endes den Radfahrer selbst dafür verantwortlich macht, wenn er überfahren wird. Wäre es nicht sinnvoll, die Kraftfahrer mindestens genauso, eher mehr zu Aufmerksamkeit beim Abbiegevorgang aufzufordern? Das „Übersehen“ durch den Kraftfahrer ist ein aktiver Vorgang des Unfallverursachers. Nicht des Radfahrers, der hier passiv übersehen wird und auch überfahren wird. Aber die Polizei erwähnt mit keinem Wort, dass auch Auto- und LKW-Fahrer eine „erhöhte Aufmerksamkeit“ walten lassen sollten. Die können ja nichts sehen. Ist ja nicht ihre Schuld. Ist eben so. Das wird nicht gesagt, jedoch eindeutig impliziert. Aber stimmt das?

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Die Unfallkreuzung. Tatsächlich warten Fahrräder hier teilweise sogar etwas vorgelagert zu den Autos.

 

Sicher bin ich nur dahinter

Der tote Winkel bei LKW und Bussen ist sicherlich ein Problem. In Münster wird dies schon seit Jahren mit der Kampagne „Sicher bin ich nur dahinter“ angegangen, die Radfahrer dazu auffordert, nicht neben oder vor, sondern eben hinter großen Kraftfahrzeugen zu fahren und zu stehen. Ausgehebelt wird dies allerdings sehr schnell, wenn man von der Fahrbahn separierte Radwege hat, wie es gerade an den Hauptstraßen gängig ist. Auf diesen Wegen fühlen sich die meisten Hobby-Radler sicherer, und auch ich fahre im Grunde lieber dort als auf der Straße. Problematisch wird es auch erst an Kreuzungen, denn klar – hier fährt man als Radfahrer immer bis an die Ampel heran. Man hält ja nicht ernsthaft mitten auf dem Radweg zehn Meter vor der Ampel, weil dort ein LKW steht. Schon ist man – zack! – im toten Winkel, so schnell geht das. Statistisch sind separierte Radwege daher deutlich weniger sicher als das Fahren direkt auf der Straße, auch wenn es sich anders anfühlt. Allerdings ist in vielen Fällen das Benutzen des Radwegs Vorschrift, und selbst wenn nicht, akzeptieren Autofahrer es in der Regel kaum, wenn man trotz Radwegs auf der Straße fährt.

Es ist also ein Problem, wenn man zeitgleich an einer roten Ampel wartet und auf dem Radweg steht. Ein anderes Problem ist es, wenn es evtl. gar keine Ampel gibt oder man schon Grün hat. Meiner Ansicht nach ist es dann die Pflicht eines Kraftfahrers, zu wissen, ob ein Fahrrad auf der Strecke ist. Man hat es schließlich höchstwahrscheinlich gerade erst überholt. Selbst im Video, das die Aktion „Vorsicht Toter Winkel“ zur Veranschaulichung auf ihre Webseite gestellt hat (hier ganz unten), sieht man, dass der LKW zunächst am Radfahrer vorbeifährt, um ihn dann im toten Winkel urplötzlich zu übersehen. Ganz ehrlich? Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin und weiß, dass ich gleich rechts abbiegen muss, achte ich schon weit vorher auf Radfahrer auf dem Radweg. Als Radfahrer wird man ja nicht plötzlich in den toten Winkel hineingezaubert, man war schon vorher da.

 

Lösungen sind nicht in Sicht – leider

Meiner Meinung nach gibt es mehrere Lösungsmöglichkeiten für das offensichtlich vorhandene Problem:

Sicherlich wichtig sind technische Lösungen. Zum einen gibt es die Black Spot-Spiegel, die in Münster nun schon an diversen Kreuzungen installiert wurden. Auch LKW könnte man mit weiteren Sicherheitssystemen ausstatten – mehr Spiegel, anders gestaltete Kabinen, Computersysteme oder mehr. Vieles ist in Arbeit – allein, es fehlt die Vorschrift und somit wohl auch der Wille der Unternehmen, das Geld zu investieren (der einzelne LKW-Fahrer hat vermutlich wenig dagegen, wenn es ihm das Fahren erleichtert).

Sinnvoller, aber auch erheblich teurer und schwieriger umzusetzen ist eine komplette Umstrukturierung des Verkehrsraums. Radfahrer und Kraftfahrer müssen im Prinzip gleichberechtigt zusammengelegt werden. Raum wird in unserem Verkehr viel zu selbstverständlich von Autos eingenommen.** Es macht im Grunde für jeden Verkehrsteilnehmer wenig Sinn, rechts von Rechtsabbiegern unterwegs zu sein (sehr lesenswert dazu der erste Absatz dieses Kommentars, um zu illustrieren, wie absurd das eigentlich ist). Kreuzungen, bei denen die Radfahrer ihre eigene kleine „Wartebox“ eben vor den Autofahrern haben, sind ein guter Anfang. Generell sollte man aber den kompletten Rad- und Autoverkehr zusammenlegen, was ja erwiesenermaßen sicherer ist. Die Frage ist, ob dies nicht wiederum viele Hobby-Radler davon abhält, überhaupt Rad zu fahren, weil es sich eben auf der Straße rein subjektiv unsicherer anfühlt.

Bis dahin hilft eben nur eins: Aufmerksamkeit. Auf beiden Seiten – natürlich muss ein Radfahrer im Eigeninteresse besonders aufpassen. Aber meiner Meinung nach liegt die Verantwortung insbesondere auf Seiten des stärkeren Verkehrsteilnehmers. Wenn ich nicht sehen kann, ob jemand kommt, dann muss ich eben anhalten und genauer gucken. Punkt. Wenn ich einen Radfahrer kurz zuvor noch überholt habe, dann löst er sich nicht einfach in Luft auf, weil er im toten Winkel ist. Die einseitige Ermahnung an Radfahrer, sich an den toten Winkel zu erinnern, halte ich jedenfalls für unverschämt gegenüber den Opfern solcher Unfälle.

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An dieser Kreuzung gibt es einen Spiegel (keinen Black Spot-Mirror) und ein blinkendes Warnlicht, das Autos und LKW vor Radfahrern und Fußgängern warnen soll. Das hat der 23jährigen heute aber leider auch nicht geholfen.

 

Aber die Radfahrer…

Übrigens, weil es an dieser Stelle gern und häufig kommt: Ja, es halten sich nicht alle Radfahrer an die Verkehrsregeln. Aufschrei: Rüpelradler!!! Falls es euch neu sein sollte, das tun auch nicht alle Autofahrer. Das eine wie das andere hat aber überhaupt nichts mit diesem Thema zu tun – und wenn man es doch unbedingt miteinander verknüpfen möchte, dann sollte man diese britische Studie nachlesen. Dort wurde 2007 untersucht, wieso Frauen häufiger als Männer Opfer solcher Abbiegeunfälle wurden, obwohl ihr Gesamtanteil am Radverkehr viel geringer ist (übrigens, dort sind es natürlich Linksabbieger, nicht verwirrt sein). Der Grund: Frauen halten sich eher an die Verkehrsregeln, während Männer häufiger mit dem Fahrrad über rote Ampeln düsen und somit schon lange auf und davon sind, wenn der LKW losfährt. Deal with it.


* Nicht hilfreich ist es übrigens, liebe Autofahrer, wenn ihr mit unverminderter Geschwindigkeit herankommt und erst im letzten Moment recht kräftig bremst. Im Zweifelsfall bremse ich nämlich, und dann darf ich wieder von Null lostreten, und wir beide müssen länger warten.

** Ein Beispiel: „Kurzes Halten“ auf dem Radweg ist eine absolute Selbstverständlichkeit für deutsche Autofahrer (in anderen Städten als Münster, beispielsweise Düsseldorf, ersetze „Kurzes Halten“ durch „Dauerhaftes Parken“). Beim Abbiegevorgang auf eine größere Straße steht das Auto auf dem Radweg, geht ja auch nicht anders, sonst kann der Fahrer ja nichts sehen. Weicht der Radfahrer auf die Straße aus, weil ein Auto auf dem Radweg steht, wird gehupt und geschimpft. Wie gesagt: selbstverständliche Vereinnahmung des öffentlichen Raums durch Autofahrer.

Dieser Beitrag wird bei der Aktion „Like2Bike“ von Bikelovin verlinkt.

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